Der zweite Wunsch.
Eine Weihnachtsgeschichte. Von Annemie Fetten-Winklhofer.
Es ist der Tag vor Heiligabend. Die Dämmerung ist hereingebrochen. Der Schnee vor der Tür löst sich langsam in kleine Rinnsale auf. Drinnen bei Großmutter ist es so richtig gemütlich. Das heruntertropfende Wachs der roten Kerzen im Adventskranz, der Duft der Bratäpfel und das ausströmenden Aroma des knisternden kleinen Tannenzweiges auf der Platte des Kamins vermitteln den Duft, der die Großmutter jedes Jahr in der Weihnachtszeit begleitet hat. Und nun soll sie wieder einmal erzählen, wie das "damals" war, Weihnachten 1945. Die rothaarigen Zwillinge hören nicht auf zu bitten. Die beiden Enkel sind ganz schön hartnäckig für ihre 6 Jahre.
»Die Geschichte hab ich doch schon oft erzählt. Wollt ihr die wirklich noch mal hören?« »Ja, bitte, bitte.«
Bruder und Schwester, immer zu Streichen aufgelegt, sitzen der
Großmutter zu Füßen, knabbern Chips und Großmutter schimpft nicht,
wenn sie krümeln. Die Kinder sind gern hier. Sie haben heute keine
Lust, mit den hektischen Eltern im Supermarkt herumzurennen, um das,
was diese bisher vergessen haben, noch auf die Schnelle zu
besorgen. Und das ist gar nicht so wenig, wie sie aus Erfahrung
wissen.
Nun gut. Großmutter lässt sich erweichen und erzählt von "damals", als
sie selbst noch ein kleines Mädchen mit roten Zöpfen war.
»Ich war damals - 1945, im ersten Winter nach Kriegsende - 6 Jahre alt
und verstand von all den Kriegs- und Nachkriegsereignissen überhaupt
nichts. Ich wusste nur, dass der schreckliche Krieg endlich zu Ende
war, dass keine Bomben mehr fielen und wir nicht mehr den Tod fürchten
mussten - war er doch während der Bombenangriffe unser ständiger
Begleiter.
Wir gehörten zu den Familien, die ihr gesamtes Hab und Gut in den
Bombennächten verloren hatten. Wir lebten, mit den heutigen
Verhältnissen verglichen, damals - Weihnachten 1945 - in absoluter Armut
zwischen Sperrholzkisten und schliefen auf Strohmatratzen in Betten
aus Metallstangen. Zum Glück hatten wir keine
Vergleichsmöglichkeiten. Wie es vor dem Krieg im Ruhrgebiet ausgesehen
hatte, wusste ich nicht. Dazu war ich ja viel zu klein. Aber unsere
Mutter hatte sich immer nach dieser Zeit zurückgesehnt.
Jetzt war die Hauptsache, dass die Sirenen und Bomben nicht mehr bei
Tag und Nacht schaurig losheulten. War alles nur ein böser Traum
gewesen? Wenn wir Kinder draußen spielten, wurden wir schon daran
erinnert, dass das Kriegsgeschehen in unserer Heimat wirklich
stattgefunden hatte. Wir mussten ständig über Trümmerberge
hinwegklettern, riesige Schutt- und Steinhaufen, die einmal Häuser
waren. Und immer noch stürzten Ruinen zusammen. Wir mussten gut
aufpassen, wenn wir Verstecken spielten.
Der Schwarzmarkt, auf dem getauscht, verschoben und betrogen wurde,
blühte zwischen den Ruinen der Stadt. In den wenigen
Lebensmittelgeschäften, die wie kleine in Steinhaufen eingebaute
Höhlen auf mich wirkten, standen die provisorischen Regale meistens
leer. Wenn Ware eingetroffen war, drängelten sich draußen vor der Tür
Schlangen von Menschen, um ihre Rationen auf den Lebensmittelmarken zu
ergattern. Oftmals musste man nach stundenlangem Schlangestehen
verfroren mit leerer Tasche wieder nach Hause gehen. Alle Menschen
waren schlank und hatten ständig Hunger. Es gab überhaupt keine
Dicken.
Weihnachten stand vor der Tür. Weihnachten! Trotz aller Armut und
Bedürftigkeit freuten wir uns wie die Schneekönige auf das Fest der
Freude und Liebe ohne Bunker und Luftschutzkeller. Wir wohnten direkt
neben dem Trümmerberg unserer ehemaligen Wohnung in einer provisorisch
aufgebauten Holzbaracke mit Einheitskohlenherd. Auf dem Ofen mit der
schwarzen gusseisernen Herdplatte wurde gekocht, wenn es was zum
Kochen gab. Wenigstens brauchte unsere Mutter diese Herdplatte nicht
blank zu scheuern. Unsere Mama hatte es geschafft, für Weihnachten
einen Zentner Nusskohle ohne Bezugschein zu ergattern, die wir im
Leiterwägelchen am Zechentor der Zeche Prinz Regent abends im Dunkeln
abgeholt hatten.
Wir hielten zusammen wie Pech und Schwefel: unsere Mutter, meine
beiden Brüder, 10 und 11 Jahre, und ich, 6 Jahre alt. Unser kleines
Tannenbäumchen hatten wir heimlich abends in der Dämmerung im
Weitmarer Holz geschlagen. Zu kaufen gabs keine. Nur auf dem
Schwarzmarkt zu unerschwinglichen Preisen. Eigentlich war diese Art
'des Besorgens' ein offenes Geheimnis und strengstens verboten. Aber
wir Kinder hatten kein schlechtes Gewissen dabei und fanden diese
Aktion sehr spannend. Eisig kalt wars auf dem langen Heimweg und der
Schnee drang in unser leichtes Schuhwerk. Mama schimpfte nicht, als
wir mit klammen Fingern und roten Nasen zu Hause mit dem gestohlenen
Bäumchen ankamen. Sie rieb unsere Hände warm. Wir tranken heißen
Kornkaffee, den unsere Mutter aus den Gerstenkörnern, die wir im
Spätsommer auf den abgemähten Feldern mühsam zwischen den harten
Stoppeln aufgelesen hatten, geröstet und gemahlen hatte. Meine Brüder
bastelten aus Papier und Strohhalmen Figürchen und Sterne. Wir waren
voller Vorfreude.
Unsere Mama hatte Bouillonwürfel und Rindfleisch auf dem Schwarzmarkt
in der Stadt in der Nähe des Rathauses eingetauscht. Auf dieser Meile
wurden oft Razzien von der Militärpolizei durchgeführt. Mama wurde
Gott sei Dank nie erwischt. Sie hatte unsere wie Augäpfel gehüteten
schönen Kristallteller gegen Fleisch eingetauscht. Es waren die
letzten 'Wohlstandsschüsseln', die aus unerfindlichen Gründen übrig
geblieben waren von unserem Vorkriegshausstand.
Unsere stets hungrigen Mägen knurrten einem wahren Festessen entgegen,
das aus Vorsuppe, gekochtem Rindfleisch und süßen Kartoffeln bestehen
sollte. An die süß schmeckenden, verfrorenen Kartoffeln hatten wir uns
gewöhnt. Wir hatten hiervon einen Zentner gegen Entgelt beim Bauern
Vogelsang, den Mama aus besseren Zeiten gut kannte, erstanden. Unsere
Mutter war ein wahres Genie beim Organisieren.
Schulunterricht gab's in diesem Jahr nicht. Es fehlten die Räume und
vor allem die Lehrer. Meine beiden älteren Brüder konnten schon lesen
und schreiben. Sie sollten mir beim Aufsetzen meines Wunschzettels
helfen. Herbert, mein jüngerer Bruder, nahm mich ernst. Wohingegen
Karl, der Ältere, mich nie so ganz für voll nahm. Er musste mich stets
ärgern. Er prustete laut los, als ich eine Woche vor Heiligabend meine
beiden so unterschiedlichen Wünsche äußerte. Wir saßen am
zusammengeleimten Tisch in der Küche. Unsere Mutter hantierte am
Herd. Sie warf ständig Holzscheite zwischen die geöffneten Ringe des
Ofens. Es qualmte ganz schön, denn das Holz war noch feucht. Aber wir
mussten ja mit den paar Kohlen sparsam umgehen. »Ich wünsche mir eine
Babypuppe,« posaunte ich los. »Babypuppe, Babypuppe«, äffte mein
Bruder Karl mich nach und bog sich vor Lachen. "Babypuppe", schrieb
mein Bruder Herbert ernsthaft auf meinen Wunschzettel. Und dann folgte
der zweite, der maßlose Wunsch, dessen Erfüllung nur auf einem Wunder
beruhen konnte: »Liebes Christkind, mach, dass unser Vater bald wieder
heimkehrt. Bitte, bitte, bitte.«
Unsere Mutter weinte oft. Wir wussten nicht einmal, ob unser Vater
noch lebte. Es war über ein Jahr her, dass wir ihn auf einem
Sonderurlaub zum letzten Mal gesehen hatten. Die beiden Jungen
wünschten sich Baukästen und Stelzen vom Christkind, obwohl sie gar
nicht mehr an das Christkind glaubten.
Am Heiligabend brannten sogar Kerzen an unserem kleinen
Weihnachtsbaum. Wir sangen: »O du fröhliche, o du selige«. Auf dem
Fußboden vor der selbst gebastelten kleinen Krippe lagen unsere
Geschenke. Ich konnte es nicht fassen! Eine richtige Babypuppe mit
Porzellankopf, Kulleraugen und einem Nuckel im Mund lag auf einem
kleinen Kissen auf dem kalten Fußboden. Ich nahm sie hoch und drückte
sie an mich. Und diese Puppe sagte: 'Mama'. Noch fester drückte ich
unsere Mutter. Ich ahnte schon, dass sie dem Christkind geholfen hatte
bei der Besorgung der Geschenke. Die beiden Jungen rannten wie irre
mit den Stelzen in unserer Wohnbaracke herum, bis Mama uns an den mit
Köstlichkeiten gedeckten Tisch rief. Das wenige selbst gemachte
Marzipan von meinem Weihnachtsteller hatte ich schon verspeist. Es gab
Suppe, Fleisch, Kartoffeln und rote Grütze. Ein feineres
Weihnachtsessen habe ich nie wieder genossen. Meine Puppe nahm ich
natürlich mit ins Bett. Unser aller großer Wunsch war aber offen
geblieben und ich hörte Mama in der Küche noch lange weinen.
Mitten in der Nacht weckte uns ein heftiges Poltern an der Haustür
auf. Eine Klingel gab es nicht. Mein erster verschlafener Gedanke war:
»Bringt das Christkind noch Geschenke für uns?« Mein zweiter war schon
realistischer: »Sind das Einbrecher?« Mich überfiel meine mir so
bekannte panische Angst. Doch dann hörte ich den für mich gellenden
Schrei unserer Mutter: »Franz!« - Franz, Franz, Franz, so heißt ja
unser Vater!
Die Tür nach draußen stand sperrangelweit auf. Den vor die Haustür
gewehten dünnen Schnee blies der kalte Wind herein. Wir drei Kinder
schrien wie auf Kommando los: »Papa! Papa! Papa ist da!« Du lieber
Himmel, war das eine Freude. Ein Wunder war geschehen! Als sich unsere
Eltern endlich losließen, konnten auch wir Kinder unseren
heimgekehrten Vater umarmen. Sein Bart kratzte. Seine verwetzte
Uniform ohne Tressen war fadenscheinig. Aber unser Glück war
unbeschreiblich. Vom Weihnachtsessen war noch genügend
übrig geblieben. Es war eigentlich für den nächsten Tag
vorgesehen. Aber es reichte dann auch doch. Später in meinem Bett mit
meiner Puppe im Arm dankte ich dem Christkind für die beiden
wundervollen Geschenke.
Unser Vater war aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen
worden. Da wir, seine Familie, in der amerikanischen Besatzungszone
lebten, durfte er als einer der ersten Kriegsgefangenen heimkehren.
Wie sich sein Weg aus der Gefangenschaft gestaltete und wie er uns
überhaupt wiedergefunden hatte, das habe ich euch schon erzählt. Wir
waren noch viele, viele Jahre sehr glücklich miteinander, obwohl die
Nachkriegszeit nicht einfach war, aber wohl schön, weil wir alle
bescheiden waren und uns über den kleinsten Fortschritt wie die
Schneekönige freuten.«
»Kinder, eure Eltern sind wieder da!« ruft da die Großmutter. Sie hat
ganz feuchte Augen von ihrem Ausflug in die Vergangenheit. Die
Zwillinge schnäuzen sich wieder einmal kräftig. Dabei kennen sie die
Geschichte in- und auswendig.
© Annemie Fetten-Winklhofer


