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Die Russen lassen uns laufen

Ein Junge flüchtet mit seiner Mutter von der Insel Rügen in den Westen

Ende September 1945 verließ ich mit meiner Mutter die von russischen Truppen besetzte Insel Rügen. Ich war acht Jahre alt. Unser Ziel: den von den westlichen Alliierten kontrollierten Teil Deutschlands zu erreichen. Wochenlang waren wir auf Achse und fragten uns täglich: wie geht es weiter, ohne Proviant und ohne ein Dach über dem Kopf. Wieder im Straßengraben übernachten oder vielleicht doch in einer Scheune unterkriechen? Stets waren wir in panischer Angst, von russischen Patrouillen gefasst oder von Landsleuten denunziert zu werden.

Erschöpft erreichten wir schließlich die Grenze in Höhe des Ratzeburger Sees. Das, was uns nun bevorstand, sollte alles hinter uns Liegende in den Schatten stellen.

Doch zunächst sah alles vielversprechend aus. Wir hatten uns einer Gruppe von 20 Leuten angeschlossen, die ebenso wie wir illegal die Grenze überschreiten wollten. Es war gegen Mitternacht. Wir rasteten im Schatten von dichtem Unterholz. Der Schleuser, der unsere Gruppe anführte, erkundete das Terrain. Kurze Zeit später kam der Befehl zum Aufbruch. In weit auseinandergezogener Linie liefen wir am Waldsaum entlang. Gelangten an den Rand einer neuen Lichtung. In der Ferne, nur durch Lücken zwischen Bäumen erkennbar, eine weite Wasserfläche. Sie glitzerte im Mondlicht.

»Der Ratzeburger See!« flüsterte jemand. »Jetzt haben wir es bald geschafft.«

Das Ziel vor Augen, ging es schneller voran. Was sollte jetzt noch passieren?

Eine abschüssige Wiese hinunter, einen kleinen Bachlauf überspringen, den gegenüberliegenden Hang hinauf. Ich wunderte mich, daß hier Gänse weideten, die bei unserem Anblick laut losschnatterten, angriffslustig und mit den Flügeln schlagend auf uns losgingen. Im nächsten Augenblick peitschten Schüsse durch die Nacht. Leuchtraketen zischten in den Himmel, tauchten die Umgebung in gleißendes Licht.

»Stoi!«

Kugeln jagten über unsere Köpfe hinweg. Entnervendes Schreien der Frauen.

»Stoi! Stoi!«

Anna, meine Mutter, riss mich an ihre Seite.

»Ruki wwerch! Stoi!«

Und da stürmten auch schon dunkle Gestalten aus ihren Deckungen. Sprangen hinter Sträuchern hervor, schnellten aus Gräben und Erdlöchern hoch, als seien es menschliche Geschosse. Russen! In Kampfausrüstung und bis an die Zähne bewaffnet. Brüllten unverständliche Befehle. Umkreisten uns mit vorgehaltenen Maschinenpistolen. Zwangen jeden einzelnen mit Kolbenstößen und Fußtritten, sich in einer Reihe mit den anderen aufzustellen. Manche stolperten, fielen in den Dreck, wurden brutal hochgerissen und in die Reihe zurückgestoßen.

Etwa ein halbes Dutzend Soldaten baute sich vor uns auf. Sie legten ihre Gewehre an, nahmen uns ins Visier. Ich sah direkt in die Gewehrläufe und hatte wahnsinnige Angst. Ich begann zu weinen und schiss plötzlich krachend in die Hose. Es stank erbärmlich.

Gleich darauf kam ein Offizier auf uns zu.

»Da ist ja ein Kind dabei!« rief er erstaunt. »Zu wem gehört der Junge?« Anna meldete sich. Ich weintest immer noch. Der russische Offizier legte eine Hand auf meinen Kopf, streichelte darüber und sagte: »Du brauchst nicht zu weinen. Euch passiert nichts.« Er sprach reines Deutsch.

Eingehend musterte er dann die Schar, die er gefangengenommen hatte. Schließlich bellte er einige Befehle. Die Soldaten ließen die Gewehre sinken. Meine Mutter atmete erleichtert auf. Das Schlimmste schien überstanden zu sein. Aber wir saßen in der Falle. Was stand uns bevor?

Plötzlich schnüffelte der Russe. Er musterte mich eindringlich, lachte dann lauthals und sagte: »Hast wohl nicht rechtzeitig den Weg zur Toilette gefunden, was?« Und zu Anna: »Gehen Sie mit Ihrem Jungen zu dem Bach runter und säubern Sie ihn.«

Ein hünenhafter Soldat begleitete uns zum Wasserlauf. Anna wusch mich, so gut es im Dunkeln ging. Zog mir eine frische Hose an, die sie noch im Rucksack hatte. Die verdreckten Sachen ließ wir an Ort und Stelle liegen. Dann kehrten wir zur Gruppe zurück.

Sofort jagten uns die Russen wie Hütehunde eine Herde Schafe über die Wiese. Unter Einsatz von Gewehrkolben, mit Geschrei und wüstem Gebrüll. »Dawai! Dawai!« Fünfzig, sechzig Meter weit. Oh ja, es schien ihnen Spaß zu machen. Ich sehe ein lachendes Gesicht, zwei Reihen blitzender Zähne. Davor eine Frau mit angstgeweiteten Augen, hysterischem Schluchzen, langen fliegenden Haaren, in die eine Männerfaust sich krallt. Welch ein Spaß im öden Grenzalltag!

»Dawai! Dawai!«

Fallen, sich aufraffen, weiterhetzen. Wir stolperten hinterher, waren die letzten. Anna zog mich am langgestreckten Arm hinter sich her. Ich keuchte.

Bis auf einmal, unter alten mächtigen Bäumen geduckt, eine Bauernkate vor uns stand. Diverse Nebengebäude. Niedrige Schuppen. Worauf wir zuhielten. Rechts, links und hinter uns bellende, beißende Hütehunde, die mir zwar nahe kamen, mich aber nicht anrührten. Auch Anna nicht, natürlich nicht. Warum? Standen wir unter besonderem Schutz? Wohl kaum. War das Kind tabu? Ein Mensch ist unschuldig, solange er ein Kind ist. Schon möglich, dass deshalb die Russen mit Kindern rücksichtsvoller umgingen. Das änderte nichts daran, dass ich von Angst geplagt wurde, meine Beine das Tempo nicht mehr mithalten konnten. Immer wieder musste Anna mich hochreißen, weil ich einknickte oder stolperte. Sie zog mich weiter. Tränen liefen mir übers Gesicht. Ich schmeckte Salz. Weiter! Weiter!

Wir sammelten uns in einem leeren Kuhstall. Fielen erschöpft auf den Boden. Saßen oder lagen auf Strohballen. Es war dunkel, und es roch muffig. Die Soldaten zogen sich zurück. Ein Doppelposten bewachte das Tor. Erst als fahles Morgenlicht durch die mit Spinnweben verhangenen Stallfenster einfiel, erkannten wir uns wieder. Hungrig, müde und verzagt umklammerten die Frauen ihre wenige Habe. Furcht und Panik hatten ihre Gesichter gezeichnet. Manche weinten, atmeten stoßweise. Eine Frau begann zu zittern, obwohl es stickig und warm war. Ich hatte mich beruhigt und futterte eine Handvoll Haferflocken. Von draußen war grobes Geschrei zu hören. Vor Erschöpfung schlief ich ein.

Früh am nächsten Morgen kam der Befehl: »Raustreten! Dawai! Dawai!« Eiligst liefen wir nach draußen. An der Tür gab es einen Stau. Brutal zog ein Soldat eine Frau am Arm heraus. Sie stolperte, fiel auf die Erde. Ich sah, wie sie grausam mit Fußtritten traktiert wurde. Sie schrie vor Schmerzen.

Wir drängten nach, sammelten uns auf dem Hof. Ein Militärlaster stand bereits da und wartete mit laufendem Motor. Die Heckklappe wurde heruntergelassen. Wir mussten aufsteigen. Als ich mich an der Klappe hochhangelte, rutschte ich ab. Zwei kräftige Arme fingen mich auf. Eine freundlich klingende Bemerkung auf Russisch. Dann »Hopp!«, und ich stand auf der Ladefläche.

»Spaciba«, sagte ich. Lachend gab der Soldat mir einen Klaps auf den Hintern.

Anna zog mich neben sich auf eine Holzbank dicht hinter der Fahrerkabine. Dann kletterten zwei Soldaten herauf, setzten sich ans Ende der Ladefläche. Auf ihren Knien lagen Maschinenpistolen. Die Heckklappe wurde geschlossen. Gleich darauf wurden Befehle gebrüllt. Der Wagen ruckte an, und wir fuhren in eine ungewisse Zukunft.

Das Aufnahmelager, in dem wir eine Stunde später ankamen, befand sich auf einem ehemaligen Gutshof. Es diente als Durchgangsstation. Danach sollten wir in ein größeres Sammellager verfrachtet werden. Überraschend wurde Verpflegung ausgegeben. Da ich ein Kind war, bekam ich Milchsuppe, an die Erwachsenen wurde Wassersuppe und ein Stück Brot ausgegeben.

Der Aufenthalt dauerte nur bis zum nächsten Morgen. Eine neue Tortur stand uns bevor. Dreißig Kilometer Fußmarsch lagen vor uns, in einer Gruppe von annähernd fünfzig Menschen. Alte Männer, Frauen und Kinder. Rundum bewacht von schwer bewaffneten Soldaten. Vorne und hinten Geländewagen. Niemand wusste, wohin es ging und was uns erwartete. Die wildesten Gerüchte entstanden. Viele Leute waren verzweifelt. Anfangs wurde auf Nachzügler mit Gummiknüppeln eingeschlagen. Später verlud man schwache und alte Leute auf Lastwagen.

Ich erinnere mich genau an diese endlos lange Straße: Kopfsteinpflaster, eingerahmt von hohen Bäumen. Die Sonne brannte, dürftig gefiltert von dem Laub der Baumkronen. Während einer Rast am Straßenrand reichte mir ein Russe seine Feldflasche. Ich trank lauwarmes, aber reines Wasser, es schmeckte köstlich. Dann ging es weiter. Ein Troß verzagter Menschen, der über die Landstraßen Mecklenburgs wanderte. Von Zeit zu Zeit redete Anna mir gut zu, damit ich nicht schlapp machte. Ich war müde und erschöpft, fiel zurück. Meine Beine wurden schwer. Anna nahm mich an der Hand. Dennoch wurde der Abstand zum Vordermann ständig größer. Ob reine Menschlichkeit oder Handeln auf Befehl - irgendwann saß ich mit zwei anderen Kindern in einem offenen Geländewagen, eingezwängt zwischen Soldaten. Sie verteilten trockene, flach gepreßte Hirsekuchen und gaben uns zu trinken. Ich erholte mich. Gleichzeitig erwachte meine nie versiegende Neugier zu neuem Leben. Ich fragte, wohin wir unterwegs seien, erntete aber nur ein Schulterzucken. Interessiert betrachtete ich die Waffen, vor allem die Maschinenpistolen mit den runden Magazinen, die mir sehr fremd waren. Erklärungen auf Russisch und in holprigem Deutsch bestätigte ich mit Kopfnicken. Ich sagte »Da, da«, auch wenn ich das meiste nicht verstand. Anna, die mal vor, mal neben uns herging, behielt mich in verständlichem Misstrauen ständig im Auge.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichten wir ein einsam liegendes Gehöft: rundherum Stacheldrahtverhau. Überall Posten, die Patrouille gingen. Von hier konnte schwerlich einer unbemerkt entkommen. Dann eine breite Einfahrt, die zu einem stattlichen Wohnhaus führte. Wirtschaftsgebäude aus rotem Klinker, mehrere langgestreckte Bauwerke für Viehhaltung und Lagerräume für Heu und andere Vorräte ergaben ein beeindruckendes Ensemble. In den Kojen eines ehemaligen Viehstalls waren auf hartem Betonboden Strohlager bereitet. Auf den meisten lagerten Menschen, allesamt Flüchtlinge wie wir. Geschundene Leben voller Wunden und Narben. Kein Hallo, keine Begrüßung von Gleichgesinnten, höchstens ein schwaches Kopfnicken oder eine einsilbige Antwort, wenn einer von den Neuankömmlingen etwas wissen wollte. Warum etwas riskieren? Die Schrecken zurückliegender Tage und Wochen hatte alle misstrauisch gemacht. Und Neuzugänge bedeuteten eine weitere Rationierung der Verpflegung. Jeder war sich selbst der Nächste. Völlig erschlagen ließen wir uns auf einem freien Platz nieder.

Spät nachts eine überraschende Kontrolle. Lichtfinger von starken Taschenlampen huschten über unsere Gesichter hinweg. Das Auf und Ab schwerer Stiefel. Soldaten brüllten Befehle. Untersuchten alle Ecken und Nischen, warfen Strohballen um, rissen Leute von ihren Lagern hoch, stießen sie wieder zurück. Eine unheilvolle Spannung breitete sich aus. Frauen saßen zusammengekauert oder umklammerten sich gegenseitig. Sie fürchteten das Schlimmste. Aber sie blieben verschont, keiner der Russen vergriff sich an ihnen. Sie hatten ein anderes Ziel: einen ehemaligen Wehrmachtsangehörigen zu finden, der sich zwischen den Flüchtlingen versteckt haben sollte. Sie fanden den armen Kerl. Ein Spitzel hatte ihn verraten. Gnadenlos schlugen die Russen auf ihn ein. Mit Gummiknüppeln und Gewehrkolben. Mit einem Ausdruck unbändiger Wut auf ihren Gesichtern. Der Gefangene riss die Arme hoch, versuchte damit sein Gesicht, seinen Kopf zu schützen. Dann stolperte er, fiel hin, wurde hochgerissen und in den Leib getreten. Er klappte zusammen, kippte vornüber, raffte sich auf, lief hinaus. Die Russen hinter und neben ihm prügelten weiter auf ihn ein, bis die Stimmen verebbten und der Spuk vorüber war.

Ich sah Anna an und fragte: »Wo bringen sie ihn hin?« Sie hob die Schultern. »Ich weiß es nicht.« Und nach einer Weile: »Ich weiß es nicht. Versuch zu schlafen.«

Ich fühlte ein seltsames Kribbeln wie eine Welle durch meinen Körper ziehen. In meinen Ohren rauschte ein Wasserfall. Was ich eben gesehen, gefühlt und gehört hatte, entsetzte mich. Ich war Zeuge der Erniedrigung eines Menschen geworden. Wie ein hilfloser Mensch von einer Meute wild drauflos schlagender Soldaten zu einer gepeinigten Kreatur gemacht wurde. Die Erbärmlichkeit, sich nicht wehren zu können. Keines Verbrechens überführt worden zu sein und doch auf brutalste Weise moralisch ausgelöscht zu werden. Ein Mann, der wer weiß was im Krieg erlebt, ihn überlebt, sich hier im Stall zwischen all den Frauen versteckt und auf eine günstige Gelegenheit gewartet hatte, um sich nach Hause durchschlagen zu können - über ihn waren die Sieger hergefallen, als sei er ein wildes Tier. Und dutzende Augenpaare hatten zugesehen. Ängstliche und bibbernde Hasenfüße. Obwohl das Leben eines anderen Menschen auf dem Spiel stand. Sehr früh, in der ersten Dekade meines Lebens, wurden mir die perversen Ausbrüche menschlichen Handelns geboten. Die Umstände, die zeigten, was der Mensch wirklich ist. Trotz der wieder eingekehrten Ruhe im Stall konnte ich in dieser Nacht nicht mehr schlafen.

Am nächsten Morgen gab es eine dünne Milchsuppe für die Kinder. Wie üblich, wurde den Erwachsenen Wassersuppe vorgesetzt. Eine graubraune Brühe mit einer undefinierbaren Einlage im Krümelformat. Manche sagten, das sei ein Fraß für Schweine. Da ich hungrig war, probierte ich davon und weichte hartes trockenes Brot darin ein. Ich wurde satt und schläfrig, streckte mich auf meinem Lager aus und versank sogleich in den Abgrund des Vergessens.

Irgendwann später, noch während ich auf meiner Strohunterlage schlief, wurde Anna zum Verhör befohlen. Die Prozedur im Haupthaus dauerte nicht lange. Als sie zurückkam, musste sie mich wecken; von ihrem Weggang hatte ich nichts gemerkt.

»Beeil dich, wir brechen auf«, sagte sie. Überrascht blickte ich um mich, sah aber keine Soldaten, die uns antrieben.

»Warum?« Ich war müde und wollte weiterschlafen.

»Wir können nach Hause gehen.«

»Nach Hause?« fragte ich ungläubig.

»Die Russen lassen uns laufen. Nun mach schon, damit wir wegkommen, bevor der Kommandant es sich anders überlegt.«

Langsam begannen sich die Dinge in meinem Kopf zu ordnen. Rasch packten wir unsere Sachen zusammen. In Annas Augen standen Tränen. »Viel Glück!« rief uns jemand nach, als wir den Kuhstall verließen. Wenig später tippelten wir über die Landstraße, auf der wir gestern angekommen waren. Anna lachte zum ersten Mal.

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