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Flucht und Ausweisung

Kindheitserinnerungen, die nicht verblassen.

Zu meinen Kindheitserinnerungen gehören verdunkelte Fenster, Sirenen und überstürzte Fluchten in den Luftschutzkeller. Jede harmlose Sirenenübung der Feuerwehr jagt mir noch heute einen Schauer den Rücken hinunter, weil der Ton gekoppelt ist an diese nächtlichen Vorgänge, die mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegen.

Als die Front damals näher rückte, blieb es nicht mehr bei der nächtlichen Flucht in den Luftschutzkeller. Die Bevölkerung der östlichen Gebiete Deutschlands wurde evakuiert. Das war im Februar 1945. Es lag Schnee.

Wir wurden in Liegnitz in einen Zug verladen. Er war bereits vollgestopft mit Menschen. Der Zug fuhr unendlich lange, dann blieb er ebenso unendlich lange stehen.

Es war schon dunkel, als Sirenen. heulten. Was das bedeutete, wusste ich. Alles drängte unter großem Geschrei aus dem Zug. Ich erinnere mich an viele Frauen und Kinder,  weiße Schwesternschürzen  und große Kälte. Wir krochen unter die Eisenbahnwagen, das Angstgeschrei hörte nicht auf …

Am Himmel wurde es hell, als ob immer wieder große Lampen aufflammten. Es krachte  ohrenbetäubend. Die  Eisenbahnschwellen, auf denen wir lagen, bebten. Meine Mutter stöhnte immer wieder: »O mein Gott, o mein Gott!« Ich versuchte zu sehen, was sie sah, aber sie stieß mich hinter sich.

Was ich damals miterlebte, ist als die Bombardierung Dresdens in die Geschichte des II. Weltkrieges eingegangen! Dass wir diesen Angriff überlebten, verdankten wir dem Umstand, dass der Zug in einem der Außenbezirke Dresdens stecken geblieben war. Der Dresdner Hauptbahnhof und alle Gleise bis dorthin waren völlig  durch Züge verstopft.

Wir verbrachten auch den folgenden Tag im Eisenbahnwagen. Als endloser Tross marschierten wir schließlich am Rande einer Bombenwüste entlang. Ich erinnere mich an weitflächige Brände, stinkenden Rauch, Straßen voller Dinge, die dort nicht hingehörten, Menschen, die schreiend umherliefen, Menschen, die wie weggeworfene Bündel umherlagen.

Wir irrten wie all die anderen über Trümmerberge, übernachteten in einer eingedrückten Straßenbahn ohne Fensterscheiben. Auch in der Straßenbahn lagen Tote.

Schließlich führte uns ein Mann in Uniform aus Dresden heraus. Ich erinnere mich an eine Fahrt auf einem Lastwagen und wieder an einen Zug, der uns schließlich in eine Stadt brachte, die Teplitz hieß.

Auch hier Sirenen auch hier  Bombenabwürfe! Und die Front näherte sich!

Diesmal gab es keine geordnete Evakuierung der  Zivilbevölkerung mehr. Wir wurden von einem deutschen Lkw-Konvoi mitgenommen, der sich auf dem Rückzug befand.

In unmittelbarer Nähe einer Ortschaft wurde der Konvoi von einem Waldrand aus beschossen. Wir mussten uns zu unserem Schutz auf den Boden des offenen Lkw legen. Die Soldaten schossen über die Seitenwand hinweg irgendwohin.

Ich hatte noch nie Schüsse aus nächster Nähe gehört. Es schmerzte furchtbar in den Ohren. Ich stand auf, ich wollte vom Wagen herunter. Eine Hand griff nach mir und riss mich zu Boden. Etwas fiel schwer über mich: Ein Soldat hatte mich zurückgerissen und war dabei selbst von einer Kugel getroffen worden.

Das Schießen hörte auf. Über die Wiese kamen vom Wald her drei Soldaten gelaufen. Der mittlere schwenkte an einem Ast ein weißes Tuch!

Wieder hörte ich Schüsse. Die Menschen auf der Wiese fielen zu Boden.

Aus dem Wald brachen nun Panzer hervor, sie rollten auf uns zu aber sie schossen nicht. Die deutschen Soldaten sprangen von den Lkw, warfen ihre Gewehre weg und hoben die Hände, noch ehe die Panzer uns erreicht hatten. Ein deutscher Offizier, festgehalten von Soldaten, brüllte böse Beschimpfungen. Bald darauf erschien ein russischer Soldat bei unserem Lkw.

»Dawai, dawai!« rief er und zeigte auf die Straße hinunter. Da sah ich, dass überall auf den Lastwagen Frauen und Kinder mitgefahren waren.

Die russischen Soldaten brachten den deutschen Offizier, der inzwischen still geworden war. Einer der Soldaten setzte ihm eine Pistole an den Kopf und drückte ab. Dieser Offizier, das erklärte mir meine Mutter später, hatte die drei Parlamentäre erschossen!

Frauen und Kinder wurden in den großen Saal des Wirtshauses geschickt, das an der Straße stand. Die russischen Soldaten suchten nach Wertsachen.

Meine Schwester saß verängstigt auf dem Schoß meiner Mutter. Einer der Soldaten kam auf uns zu, zog seine Pistole und setzte sie meiner Schwester an den Kopf. Meine Mutter begann zu weinen und ich brüllte wie am Spieß! Andere Soldaten wurden auf uns aufmerksam und rissen den Soldaten von meiner Schwester weg. »Seine Frau, seine Kinder so erschossen von Deutschen!« sagte einer der Soldaten in gebrochenem Deutsch zu meiner Mutter.

Gegen Abend erschien eine alte Frau im Saal. Sie bot Frauen mit Kindern eine Übernachtung an. Dankbar nahm auch meine Mutter das Angebot an.

Ich schlief mit ihr in einem Bett und erwachte davon, dass sie sich verzweifelt gegen jemand wehrte, der sich auf ihr bewegte und ihr den Mund zuhielt.

Die Frau, die uns scheinbar so freundlich Unterkunft angeboten hatte, war für die russischen Offiziere, die in ihrem Haus Quartier bezogen hatten, auf  “Frauenfang” ausgegangen und hatte sich dadurch die eigene Sicherheit erkauft!

Von da ab liefen wir zu Fuß nach Liegnitz zurück. Wir erreichten die Stadt am 1. Pfingstfeiertag 1945

In unserer Wohnung bedeckten Textilien, Bücher, zerbrochenes Geschirr, zerbrochenes Mobiliar, Urin und Exkremente vermischt mit Bettfedern aus sämtlichen Betten als dicke Schicht den Fußboden. Ein unbeschreiblicher Gestank macht das Atmen schwer.

Meine Schwester und ich erkrankten infolge des verunreinigten Wassers, das wir tranken und  weil wir nichts zu essen hatten, an Ruhr. Es gab weder einen Arzt noch Medikamente. Einen Tag später war meine Schwester tot. Ich überlebte wie durch ein Wunder.

Zwei Tage, nachdem ich das erstemal außer Bett war, erhielten alle noch vorhandenen Einwohner die polnische Order, binnen 24 Stunden die Stadt zu verlassen. Mitgenommen werden durfte nur Handgepäck. Meine Mutter nahm mich auf den Rücken, eingebunden in eine Decke.

Diesmal zog der Treck unter berittener polnischer Bewachung zu Fuß in Richtung Görlitz. Übernachtet wurde unter freiem Himmel auf dem blanken Boden. Im Straßengraben lagen immer wieder Tote - alte Leute und kleine Kinder.

Eines Morgens waren die berittenen Begleitmannschaften fort. Der lange Treck zog in kleinen Gruppen weiter. Ein deutscher Eisenbahner verschaffte uns Plätze auf einem offenen Güterwagen. Der Wagen war schon dicht besetzt mit Menschen.

»Nicht sprechen! Es sind Polen, sie dürfen nicht wissen, dass ihr Deutsche seid,« sagte der Beamte. Ich vergaß die Warnung und wir bekamen von überall Stöße. Das war nicht ungefährlich, weil der Güterwagen keine Wände hatte. Wir saßen mit baumelnden Beinen am Rande der Ladefläche. Als der Zug kurz anhielt, sprangen wir ab und suchten zu Fuß den Weg nach Görlitz 

Dort wusste niemand mit den vielen Vertriebenen etwas anzufangen. Von Görlitz wurden wir nach Cottbus geschickt. Züge fuhren nicht!

Einmal kam uns auf der Landstraße eine kleine Gruppe sonderbarer Menschen entgegen. Sie hatten eine Art Schlafanzug an, bewegten sich sehr langsam und sahen aus wie der Tod in meinem Märchenbuch. Meine Mutter zog mich ängstlich zur Seite.

Einer der sonderbaren Menschen streckte mir die Hand entgegen. Auf der offenen Handfläche lag ein kleines Stück Brot. »Iss!« murmelte der Mann. Noch bevor meine Mutter etwas sagen konnte, hatte ich das Brot in der Hand und kaute. Das war meine Begegnung mit einem KZ-Häftling, der überlebt hatte.

Der Sommer 1945 war heiß. Der Asphalt schmolz unter den nackten Füßen, wir hatten nichts zu essen und kauten Sauerampfer. Hin und wieder versuchten wir zu betteln, aber weder meine Mutter noch ich konnten es besonders gut.

Schließlich trafen wir wieder in Cottbus ein und wurden diesmal nach Teltow geschickt.

Auf diesem Teil des Weges kamen wir durch viele Wälder. Sie waren zerschossen oder abgebrannt. Mit uns zogen andere Vertriebene oder sie kamen uns wieder entgegen: Niemand wollte uns, niemand brauchte uns. Die Bauern jagten uns davon, wenn wir um ein Nachtlager in der Scheune baten. Sie riefen »Lumpenpack! Geht hin, wo ihr hergekommen seid!« und hetzten die Hunde auf uns.

Es war auch nicht gut, allein zu “trecken”. Immer wieder wurden wir von plündernden russischen Soldaten belästigt.

In Finsterwalde fanden wir endlich einen Güterzug, der uns mitnahm. »Der fährt aber nur bis Falkenberg«, sagte ein Eisenbahner. Ich erinnerte mich, dass Freunde meiner Mutter dort bei Verwandten untergekommen waren.

Spät abends krochen wir über die hohen Schutthalden des zerstörten Falkenberger Bahnhofs und fanden wirklich die angegebene Adresse und unsere Freunde. 10 Wochen Umherirren auf deutschen Straßen fand so ein Ende!

Wenn ein Kriegsbericht  über den Bildschirm flimmert, höre ich den Schuss, bevor er fällt, rieche den Treibstoff der Panzer  und die Ausdünstungen verkohlter Ruinen. Sirenengeheul verursacht mir körperliche Übelkeit, der Anblick zum Abriss reifer Häuser weckt in mir ein Gefühl drohender Gefahr.

Beim Anblick von Flüchtlingskolonnen in Nachrichtenreportagen beginne ich zu zittern.

Das ist mein dunkler Erinnerungs-Keller!

Mag sein, dass die meisten Menschen für diesen Ort ihres Unterbewusstseins ein Schloss mit einem Schlüssel besitzen und selbst entscheiden können, ob und wann sie den gemiedenen Raum öffnen, um einen vorsichtigen Blick hineinzuwerfen.

In dieser glücklichen Lage bin ich nicht. Ich habe mich daran gewöhnen müssen, dass die Tür meines Kellers unverhofft und ohne mein Zutun aufgestoßen wird.

Das Copyright für die Texte liegt bei den Autoren.