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Abgelehnt

Ein junges Mädchen beschäftigt sich im Jahre 1952 mit der Frage der Wiedervereinigung

Zu Weihnachten wurden Lichter ins Fenster gestellt - um die Verbundenheit mit den »Brüdern und Schwestern« im Osten Deutschlands zu zeigen. Päckchen wurden geschickt…

»Wann werden endlich die Grenzen zwischen West- und Ostdeutschland aufgehoben sein«?

Das schrieb ich in einer Tagebuchnotiz am 1.1.1955.

Mit dreizehn Jahren habe ich mit allergrößtem Interesse die Diskussion um die Stalinnote verfolgt. Erich Dombrowski schrieb unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Stalinnote (10.3.52) die Kommentare in der Mainzer Allgemeinen Zeitung. Später äußerte sich Paul Sethe zur Chance der Wiedervereinigung. Insbesondere die Meinung Paul Sethes hat mich überzeugt: Nahezu alle westlichen Forderungen - insbesondere freie Wahlen in Ost und West waren 1952 erfüllt worden. Aber die Wiedervereinigung fand nicht statt! Abgelehnt! Die Chance war vertan.

Ich verstand die Welt nicht mehr. Das heißt, ich verstand zum ersten und nicht zum letzten Mal, daß zwischen »Wortblasen«, zu denen jetzt auch der Wunsch nach Wiedervereinigung gehörte, und der »Realpolitik«, die den Anschluß an den Westen um jeden Preis wollte, Welten lagen.

Wer war das Mädchen, das mit dreizehn Jahren die Kommentare Paul Sethes zu der Stalinnote und den darauf folgenden Notenaustausch zwischen den Alliierten gelesen hat?

Marliese mit Dreizehn

Marliese mit Dreizehn

Vor mir liegt ein Foto aus der Zeit. Ich sehe wenig Ähnlichkeit mit den motzig-munter-flotten Dreizehnjährigen des Jahres 1998. Freundlich lächelnd und bezopft stelle ich mich der Kamera. Für mich waren die gleichen Probleme wichtig wie für die anderen auch: Lehrer, Noten ‘Ungerechtigkeiten’, Hausaufgabenfrust. Meine Lieblingsfächer waren Mathematik und Malen. So hieß damals das Fach Kunsterziehung.

Vielleicht hat das eigene Zimmer, das ich 1952 bekam, etwas verändert in Richtung auf eine gewisse Eigenständigkeit. Hier entdeckte ich nach und nach eine Welt, die mit dem, was um mich herum passierte, recht wenig zu tun hatte. Ich fing an, zu lesen, was mir in die Hände kam, und dazu gehörte auch die Mainzer Allgemeine Zeitung, die meine Eltern abonniert hatten.

Die Kommentare Paul Sethes standen auf der ersten Seite: oben rechts. Sie mußten mir also zuerst in die Augen fallen. Das reicht natürlich nicht als Erklärungsversuch für mein Interesse an der Wiedervereinigung. Unsere familiäre Vergangenheit mag auch eine Rolle gespielt haben. Ende der vierziger Jahre waren wir nach Eitra bei Bad Hersfeld im Zonenrandgebiet evakuiert worden. Meine Mutter erzählte von Ausflügen nach Eisenach in ihrer Jugend, von Luthers Tintenfleck auf der Wartburg, den ich auch gern mal gesehen hätte. Aber dorthin fuhr man nicht mehr. Warum? Eine einleuchtende Antwort bekam ich nicht.

So hatte ich wohl das Gefühl, daß etwas nicht so war, wie es sein sollte. Als ich dann 1952 - wir wohnten inzwischen in Gustavsburg bei Mainz - von Stalins Angebot erfuhr, war ich der Ansicht, man könne nun alles wieder »in Ordnung bringen«. Und Paul Sethe gab zu verstehen, daß das im Bereich der Möglichkeit war.

Mit meinen Eltern darüber reden? Daran habe ich nicht einen Moment gedacht. Freundinnen? Die waren und blieben weit weg von dem, was ich mir im Lauf der Zeit zusammengelesen hatte und dachte. In der Schule standen 1952 Griechenland und das Römische Reich auf dem Lehrplan. Ein Bezug zur Gegenwart war da nicht so leicht herzustellen. So kamen die Lehrer als Ansprechpartner ebenfalls nicht in Frage.

Ein Jahr danach war die ‘Wiedervereinigung’ wie es scheint, aus meinem Interessenhorizont verschwunden. Es gibt in dem Tagebuch, das ich im April 1953 angefangen habe, keinerlei Hinweise auf den 17. Juni, dafür detaillierte Aufschlüsse darüber, was sich jeden Tag bei uns abgespielt hat. Politik kam nicht vor.

Aber ‘Mentor’ Paul Sethe wirkte ganz offensichtlich nach. Und so kam es dann zu der Tagebuchnotiz vom 1.1.1955:

»Wann werden endlich die Grenzen zwischen West und Ost aufgehoben sein?«

Heute weiß ich, daß ich in bezug auf Westbindungsskepsis nicht in der schlechtesten Gesellschaft war. Kurz vor der Ratifizierung der Pariser Verträge 1955, als die Bundesrepublik NATO-Mitglied wurde, erschien das ‘Deutsche Manifest’, unterschrieben von Helmut Gollwitzer, Gustav Heinemann, Erich Ollenhauer, Ernst Reuter u. a.

Dort stand im zweiten Abschnitt:

»Die Antwort auf die deutsche Schicksalsfrage der Gegenwart - ob unser Volk in Frieden und Freiheit wiedervereinigt werden kann, oder ob es in dem unnatürlichen Zustand der staatlichen Aufspaltung und einer fortschreitenden Entfremdung leben muß, hängt heute in erster Linie von der Entscheidung über die Pariser Verträge ab«

Ich mußte erfahren, daß der ‘unnatürliche Zustand’ immer natürlicher wurde. Eine Tagebuchnotiz vom 23.August 1958:

»Man wird sich daran gewöhnen, daß es eben zwei deutsche Staaten gibt. Die Konkurrenz auf wirtschaftlichem Gebiet ist ein Bruderkrieg auf lange Sicht. Die Konkurrenz auf anderen Gebieten wird nicht auf sich warten lassen. Man wird sich Dichter und Denker und Wissenschaftler streng nach Zonengrenze teilen. Eichendorff z.B. ein Dichter der DDR, an dem der Westen wenig oder keinen Anteil hat.«

Das neue Vaterland: Westdeutschland. Ich hatte mit 19 Jahren so meine Schwierigkeiten damit.

1989 /1990 gehörte ich zu denen, die sagten: »Daß ich das noch erleben durfte«.

Heute erfahre ich auf meinen Fahrten in den Osten Deutschlands, wieviel ‘BRD’-Bewußtsein sich in mir breit gemacht hat, und wieviele DDR-Gefühle bei den Landsleuten im Osten noch herumspuken. Vielleicht wird ja nun wieder eine Chance vertan…

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