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Der alte Stenogrammblock

Verlobte richten kurz vor der Heirat ihre Wohnung ein und kommunizieren wegen Schichtarbeit über einen Stenogrammblock miteinander.

Haushaltsgründung 1955

Im Nachlass meines verstorbenen Vaters fand ich einen alten Stenogrammblock. Offenbar benutzten meine späteren Eltern ihn als Mittel zur Kommunikation:

Am 1. Februar 1955 durften sie ihre Wohnung beziehen, für diesen Neubau hatte mein Vater damals DM 1.500,00 so genannten “verlorenen Baukostenzuschuss” zu zahlen. Meine Eltern heirateten am 19. Februar 1955, und die nachfolgenden Briefe sind innerhalb dieser Zeit (vom 1. bis 18. Februar 1955) geschrieben worden. Da meine Mutter an sechs Tagen pro Woche im Büro arbeitete und mein Vater anscheinend zu der Zeit Nachtschicht hatte, auch an den Wochenenden, war dieses die einzige Kommunikation zwischen ihnen. Ein Telefon hatte nur meine Mutter an ihrem Arbeitsplatz.

Der Stenogrammblock

Der Stenogrammblock

Lieber Gerhard!

Alles großartig!

Sonnabend gehen wir Schlafzimmer kaufen! Alles in Ordnung!

Hoffentlich sind die handwerklichen Arbeiten hier bald beendet.

Übrigens, die Wohnung war auf, die Tür war nur angelehnt! Wenn ich gleich gehe, lasse ich sie auch nur angelehnt.

2 Koffer stehen im Schlafzimmer. Wenn Du Seife oder sonst etwas brauchst, so findest Du alles im kleinen grünen Koffer. Hoffentlich geht alles gut mit der offenen Wohnung und den Koffern. Aber wer sollte uns etwas wegnehmen, wir sind doch arm wie die Kirchenmäuse. Reich allein macht uns die Wohnung. Hauptsache, wir zwei halten fest zusammen!

Kommt Dir das Schlafzimmer nicht auch etwas klein vor?

Einen ganz lieben Gruß

Deine Gundi

P.S. Mutti läßt auch grüßen

* * *

Wo bleibt jeden Tag, wenn ich hierher komme, ein Liebesbrief?

Ich bitte um Rückantwort.

Deine kleine Süße

Ich bin sehr glücklich, aber nicht nur über unsere Wohnung!

* * *

Meine liebe kleine süße Gundi!

Verzeihe mir bitte noch einmal, daß ich Dir noch keinen Liebesbrief geschrieben habe. Zu meiner Entschuldigung muß ich sagen, daß ich immer bis zur letzten Minute rumgepütschert habe, und dann mußte ich immer machen, daß ich wegkomme. Ich kann mich immer so schwer von hier trennen. Ich kann die Zeit gar nicht mehr abwarten, wo wir beiden hier wohnen werden und miteinander glücklich sind. Wir würden bestimmt auch ohne Scherben Glück haben, aber jetzt ist ja alles 100%ig gesichert.

Es denkt an Dich Dein Dich immer liebender, wenn auch manchmal etwas zu nüchterner

Gerhard

* * *

Liebster Gerhard!

Hier war es heute sooo schön!

Jetzt gehe ich zum letzten Mal zur von-Sauerstr. zum Schlafen!

Ich will dann immer nur noch hier schlafen. Ich kann mich gar nicht mehr von unserer Wohnung trennen.

Und Du.

In Liebe

Deine Gundi

* * *

Meine liebe Gundi!

Unser Schlafzimmerfenster ist sauber. Für Dich wäre es doch etwas zu schwer gewesen. Das andere Fenster mache ich auch noch mal. Gehe da noch nicht bei. Ich habe jetzt leider wieder keine Zeit mehr. Die Fensterklappen sind alle offen. Wann wir uns hier wiedersehen, kann ich leider noch nicht genau sagen.

Dein Gerhard

* * *

Liebster Gerhard!

Jetzt fahre ich in die v.Sauerstr. und schleppe wieder Sachen her. Wegen der Stühle sage ich Frau H. Bescheid.

Ich habe schicke Gardinen gekauft. Ach bitte, mag sie doch leiden. Am Freitag hole ich sie ab und abends mache ich sie an.

Am Donnerstag zwischen 9 und 12 Uhr kommt unser Schlafzimmer. Die Frisierkommode wird ca. 12 bis 14 Tage später geliefert mit dem Küchenschrank zusammen.

Am Donnerstag nehme ich mir meinen Umzugstag. Und Du? Deswegen kannst Du mich ja noch anrufen!

Freust Du Dich auch so, wie ich? Ich bin ganz riesig glücklich!

Du hast sooo fein saubergemacht, ich dagegen bin fürcherterlich abgespannt. 2 Stunden habe ich Gardinen gekauft und paarmal mit Möbel-Brandes telefoniert. -

Ich bin so froh, daß ich Dich habe!

Morgen kaufe ich Spiegel und Glasbord.

Wegen Küchenlampe habe ich geguckt. Es gibt nur die schrecklich ungemütlichen Lampen (Preis 6 bis 10 Mark). Nun habe ich etwas entdeckt, was in die Küche passen würde. Eine Deckenlampe aus gelblichem Milchglas.

Wir können ja nichts gebrauchen, was uns auf dem Kopf bummelt und wo die nackte Glühbirne zu sehen ist. Kannst Du nach der Zeichnung sehen, was ich an Lampe meine. Was hältst Du davon. Ich erbitte Deinen Anruf, damit ich alles Gewünschte herbeischaffen kann.

Jetzt kommt elegante Zeichnung von unseren Schlafzimmergardinen:

in der Mitte geteilt, 2 Schleudern. Übergardinen rechts und links grün schlicht wie Bettdecke. Die Gardinen haben die Farbe wie die Kacheln hier in der Küche (Florentiner Tüll mit kleinen Schnörkeln). Fachmännische Gardinenstange habe ich auch gleich mit gekauft, die hole ich morgen abend ab und mein lieber Gerhard macht sie Mittwoch morgen an. Hoffentlich bist Du von unseren totschicken Gardinen auch so begeistert wie ich! (Habe ich allein gekauft!) -

Ich vermisse Dich heute sehr!

Schmutzige Wäsche kommt in den Koffer im Wohnzimmer.-

Jetzt, um 12 11 Uhr (Feierabend für Dich!) bin ich wieder hier, Gott sei Dank.

Gute Nacht,

Deine Gundi

* * *

Liebe Gundi!

Bin prima mit den Sesseln hergekommen. Morgen früh hole ich den Tisch. Mit Frau H. habe ich gesprochen, und ihre Erlaubnis bekommen, daß ich auch unangemeldet kommen kann. Wenn Du heute nicht nach Bahrenfeld fährst, nehme ich morgen früh den Koffer mit hin. Mein Packmaterial ist schon drinnen. Fährst Du heute hin und nimmst den Koffer mit, komme ich morgen früh umsonst hierher.

Im Schrank steht Fisch für Dich.

Guten Appetit.

Ich komme heute abend nicht. Damit Du nicht frierst, habe ich Dir eine Wolldecke ins Bett gelegt.

Eine recht gute Nacht wünscht Dir

Dein Gerhard

* * *

Mein lieber Gerhard!

Bitte, bitte, gehe sofort ins Bett.

Spiegel und Glasbord darfst Du noch nicht so viel anfassen, muß erst richtig trocknen, damit es kein Pech gibt.

Im Badezimmer war wieder ein großer Dreck durch die Maurer und das Gipsen.

Sei bitte nicht bös, daß der Fußboden hier in der Küche so schmutzig ist, aber ich kann jetzt einfach nicht mehr!

Mutti kommt morgen abend gegen 5 Uhr, lasse sie bitte herein! Wir machen Gardinen an.

Unser erstes Gebot muß jetzt sein, die letzten Klamotten aus Bahrenfeld zu holen, das liegt mir sehr auf dem Magen. Wann sehen wir uns und wann hast Du Zeit dazu? (elektr. Kocher, Bücher usw.) Hoffentlich habe ich Dich am Sonnabend und Sonntag! Wir müssen ja nun auch einmal zur Ruhe kommen. Es ist jetzt wieder sehr, sehr spät. Gleich gehe ich ins neue Bett!

Ich denke jetzt viel an Dich und vermisse Dich sehr. Du mußt arbeiten, aber wir wollen beide tapfer sein!

Kuß,

Deine Gundi

P.S. Denkst Du bitte an Deine Gehaltsbescheinigung?

* * *

Liebe Gundi!

Zu Deiner Beruhigung kann ich Dir sagen, daß ich heute 5 Stunden geschlafen habe. Darum konnte ich auch weiter gar nichts machen. Nun ist die Uhr schon 12 5 und ich warte immer noch auf das Bettteil. Hoffentlich kommt es noch, bevor ich weg muß. Wie meine Arbeitszeit am Wochenende sein wird, kann ich Dir leider, wie immer, noch nicht sagen. Daran wirst Du Dich leider wohl oder übel gewöhnen müssen. Auf jeden Fall bin ich morgen so gegen 9 Uhr hier. Ich nehme Deinen Koffer mit, damit ich morgen früh gleich recht viel mitbringen kann. Der neue Schlüssel ist für die Haustür. Ich habe auch einen.

Hoffentlich kommt Mutti bald, damit ich weg kann. Ich sitze wie auf Kohlen.

Es grüßt Dich Dein Gerhard.

Sie ist da, ich gehe weg.

* * *

Liebste Gunda!

Jetzt ist es schon wieder so spät, daß ich kaum noch Zeit zum Schreiben habe. Hoffentlich habe ich alles zu Deiner Zufriedenheit erledigt. Mache doch bitte die Türen vorsichtig auf, damit der Läufer nicht hängen bleibt. Mit der Zeit gibt sich das von selbst. Bitte Gundi, gehe heute abend doch nicht so spät schlafen. Ich habe solche Angst, daß Du sonst doch bald zusammenklappst.

Also, ich wünsche Dir eine gute Nacht und nur schöne Träume.

In Liebe

Gerhard

* * *

Mein lieber Gerhard!

Hier sieht es sooo fein aus. Ich bin sehr überrascht, was Du heute alles geschafft hast!

Bist Du zu Mittag satt geworden? Du solltest die Eier doch alle essen!

Milchsuppe für morgen ist fertig. Hoffentlich lasse ich Dich nicht hungern. Badezimmer ist tipp topp. Frühstücke schnell und gehe gleich schlafen, Bett ist noch mollig.

Maren S. geht morgen abend in das Lampengeschäft und bezahlt die Lampen, die ich eben, nach Feierabend, ausgesucht habe (Bargeld habe ich nicht in die Hand bekommen).

Ich habe die beiden Laternen-Nachttischlampen genommen und eine Deckenampel. Morgen abend hole ich die Lampen ab.

Nun möchte ich Dich bitten, in das Lampengeschäft zu gehen (wenn Du Zeit hast) und Dir die Lampen anzusehen (auf den Namen R.). Ich habe Bescheid gesagt, daß Du kommst. Du sollst nämlich sagen, wie lang der Stiel für die Deckenlampe sein soll. Ich wußte nicht, wie hoch wir die Deckenschale haben wollen, entweder ziemlich hoch an der Decke oder etwas tiefer. Bitte, überlege einmal, wie es am besten aussieht. Die Stiele sind immer 10 cm, 20 cm, 30 cm usw. lang, immer nur auf weitere 10 cm sind die zu liefern.

Einkauf Preis Summe
2 Nachttischlaternen 9,– = 18,–
2 Kugelbirnen 40 Watt 1,35 = 2,70
1 Schlafzimmerampel 26,50 = 26,50
2 Birnen à 40 Watt -,90 = 1,80
DM 49,00

Für DM 47,70 durfte ich mir die Lampen aussuchen, und die Differenz von DM 1,30 bezahle ich dazu. Die DM 50,– von der Firma bekomme ich in bar nach unserer Hochzeit.

Mit den Lampen ist es eine schicke Sache. Mal sehen, wie sie auf den Nachtschränken aussehen, wir können sie noch tauschen, einige Tage später, für alle Fälle habe ich mir da schon andere ausgesucht.

Von der Firma kommt Sonnabend keiner, wir sind ja im Harz!!!

Morgen ist mein letzter Arbeitstag als “Frl. Sch.”, Dienstag gehe ich erst wieder ins Büro. Und Du?

Mutti war heute im Geschäft. Sie kommt Donnerstagabend her. Sie bringt ihre Tassen mit (für Sonnabend). Zur Hochzeit bekommen wir von ihr ein Kaffeeservice für 2 Personen (für alle Tage). Ist das fein?

Unsere Flurlampe sieht doch sehr gut aus und mit dem Balatum macht es sich doch schön. Du warst so fleißig, und Du darfst nicht sagen, ob Du alles zu meiner Zufriedenheit gemacht hast, das mag ich nicht haben. Hast Du denn selber keine Freude an all’dem? Ist es doch nicht für mich, sondern für uns.

Bist Du morgen abend um 12 12 Uhr zu Hause?

Ich freue mich, daß Deine Mutter am Sonnabend auch kommt!

Wenn noch etwas unklar ist, bitte, dann rufe mich an!

Gerhard, wenn Du an der Suppe nicht satt wirst, dann brate Dir bitte die Eier und iß Brot dazu.

Ist die Suppe schon zu Pudding geworden? Dann bitte heiß machen und ununterbrochen umrühren! Sonst brennt alles an. Mache vielleicht die ganze Dosenmilch dazu (Rest).

Der Schneider ist so stumpf! Ich kann kein Brot damit schneiden!

Unsere Ringe sind in Deinem Nachtschrank. Sie sind sehr schön.

Jetzt ist es 10 Uhr und ich gehe ins Bett, aber Du Armer mußt schwer arbeiten.

Ich denke an Dich.

Deine Gundi

* * *

Abschließend dazu ein Blick in das Fotoalbum meines Vaters:

Das Copyright für die Texte liegt bei den Autoren.