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Spinning Wheels

Mick erlebt die Mondlandung im Knast und hat vom Dealen die Nase voll

What goes up must go down.

Spinning wheel gotta go round,

talking ‘bout your troubles its a crying sin,

ride your painted pony, let the spinning wheel spin.

You got no money and you got no home,

spinning wheel, all alone,

talking ‘bout your troubles and you never learn,

ride a painted pony let the spinning wheel turn.

Did you find the directing sign on a straight and narrow highway?

Would you mind the reflecting sign

just let it shine within your mind

and show you the colours that are real!

Blood, Sweat and Tears

Mick hatte Pech gehabt. Wahrscheinlich war er auch zu unvorsichtig gewesen, denn seine Freunde von der »scene« hatten ihn gewarnt: Geh nicht von der Shitwiese weg! Und ein paar Wochen vorher hatte er sogar noch einen richtigen Schuss vor den Bug bekommen. Zwei schwarze GIs waren zu ihm gekommen, angeblich wollten sie eine gröÂßere Menge Shit kaufen. Und natürlich den Stoff vorher ausprobieren. Sie schlugen vor, zu ihrem Auto zu gehen, das nur hundert Meter vom Café entfernt in der Mainzer Straße stand. Und er hatte sich - blauäugig, wie immer - darauf eingelassen und war mitgegangen. Der eine Schwarze schob sich hinter das Steuer des Chevys, der andere ließ ihm auf der Beifahrerseite den Vortritt, und setzte sich dann neben ihn. Mick war eingeklemmt zwischen den beiden, dachte sich aber noch immer nichts Böses dabei und fing an eine Tüte zu rollen. Während sie noch rauchten, warf der Fahrer plötzlich den Motor an und fetzte mit quietschenden Reifen los. Mit einem Affenzahn - Chicago-Style - bretterten sie durch die Stadt.

»We’re CID, we hand you over to the German police.« Mick sah sich schon im Knast. Sein Gehirn lief auf Hochtouren, suchte verzweifelt nach einem Ausweg aus der Klemme. Aber die Lage schien hoffnungslos. Plötzlich riss der Fahrer das Lenkrad herum, der Chevy rutschte breitseits in eine Seitenstraße, dann bremste er scharf ab und hielt am Bordstein. Der Neger rechts von Mick sprang aus dem Wagen und zog etwas hinter dem Sitz hervor. Drohend hielt er Mick einen Wagenheber unter die Nase und gab ihm mit der linken Hand zu verstehen, er solle aussteigen. Mick kletterte heraus, die ganze Zeit den Wagenheber im Blick. Der Neger hielt die Hand auf. »Come on, gimme the dope!« Ein Blick in seine Augen genügte, um Mick unmissverständlich klarzumachen, dass der Schwarze meinte was er sagte, und dass er sich einen Scheißdreck daraus machen würde, ihm das Ding über die Rübe zu ziehen. Also rückte Mick den Shit heraus. Sobald der Schwarze den braunen Klumpen in der Hand hielt, machte er einen Ausfallschritt auf Mick zu, schwang den Wagenheber über Mick’s Kopf, und der sprang, im Reflex, zwei Schritte zurück. Da saß der Schwarze auch schon wieder auf dem Beifahrersitz und der Chevy setzte sich mit qualmenden Pneus in Bewegung. Beim Wenden schwang die offene Tür noch zweimal hin und her, dann war er um die Ecke verschwunden. 50 Gramm bester Libanese waren zum Teufel, aber wenigstens hatten sie Mick sein Geld gelassen, und seine Schädeldecke war auch noch ganz. Wie ein begossener Pudel schlich er zurück zur Shitwiese, und beschloss, in Zukunft vorsichtiger zu sein.

Als er dann wirklich verhaftet wurde, lief alles ganz undramatisch ab. Die Situation schien völlig unverfänglich, und die beiden Kunden, ein Weißer und ein Schwarzer, wirkten vertrauenswürdig. Sie sagten, sie wollten einen Großeinkauf für ihre Kompanie tätigen. Mick freute sich, auf einen Schlag seine ganze Ware loszuwerden. Er hatte 200 Gramm dabei, aber wenn sie mehr wollten, wäre das auch kein Problem, 4 Kilo lagerten noch zu Hause in Niederrad. Natürlich wollten sie vorher probieren. »But not on the scene, lets go to the Car Park!« Also ging man zusammen zum Parkplatz vor der »Alten Oper«, und während er noch zwischen den parkenden Autos seine Blättchen für den Joint zusammenklebte, wurde er von zwei »Grünen« in die Zange genommen. Gebustet - jetzt aber wirklich! Er bekam Handschellen angelegt und wurde im VW-Bus ins Präsidium gekarrt. In einer schäbigen Amtsstube nahmen sie seine Personalien auf, dann ging es ab in die Zelle. Dort saßen ein paar weitere, unglückliche Opfer der Justiz und haderten mit ihrem Schicksal. Einer mit einer roten Säufernase hatte im Vollrausch ein Schwein geklaut. Da er auf Bewährung draußen war, würde er jetzt wohl einsitzen müssen. Arme Sau! Mick schlief schlecht in dieser Nacht und wachte am nächsten Morgen wie gerädert auf. Gegen neun wurde er in eine Amtsstube gebracht. Fototermin. »Ich sehe aber heute morgen nicht besonders vorteilhaft aus!« Dem Bullen war das scheißegal. Dann wurden ihm die Fingerabdrücke abgenommen: jeder Finger wurde einzeln auf das Stempelkissen gedrückt und dann auf einem Vordruck abgerollt, zweimal 5 Felder nebeneinander. Der Beamte führte ihm die Hand. »Jeder Finger schön an seinen Platz.« Oh Deutschland! Was wärst du ohne deine Gründlichkeit und Ordnungsliebe? dachte Mick. Schließlich wurde er vernommen. Der Beamte wollte wissen, wo er in Frankfurt wohnte. Die Adresse in Niederrad konnte Mick nicht angeben, dann wären seine Kumpels und 4 Kilo wunderbarer Pakistani aufgeflogen, von dem Opium ganz zu schweigen - das allein hätte mindestens ein Jahr für jeden gebracht. Also gab er an, dass er erst vor ein paar Tagen aus Norddeutschland hierher gekommen sei, und in der Taunusanlage bei den Hippies geschlafen habe. Das wollte der Beamte aber nicht so recht glauben. Vielleicht sehe ich zu sauber aus, dachte Mick, blieb aber bei seiner Aussage und durfte dafür in U-Haft. «Ohne festen Wohnsitz», lautete die Begründung. Am Nachmittag wurde er zusammen mit ein paar Kollegen ins Untersuchungsgefängnis gefahren. Mit der grünen Minna, einem Omnibus ohne Fenster. Innen ein schmaler Gang, rechts und links winzige Zellen. Jeder bekam sein eigenes Abteil, drinnen ein winziges Guckloch als Fenster. Zum letzten Mal - für unbestimmte Zeit - schaute er sich die Welt draußen an. Aber die Welt nahm keinerlei Notiz von seiner Gefangenschaft.

Sie erreichten ein großes, rotes Backsteingebäude aus der Zeit von Preußens Gloria. Der Knastologen-Express fuhr durch ein großes eisernes Tor und hielt in der Einfahrt. Die Hammelsgasse, erfuhr er aus dem Nachbarabteil. Zum Check-in wurden sie ins Gebäude geführt. Unter den Frischinhaftierten war auch ein Kleindealer, den er kannte. »Die Amis haben jetzt Beamte in Zivil im Einsatz, die mit den deutschen Bullen zusammenarbeiten,« vertraute der ihm an. »Na, dann bin ich denen wohl auch zum Opfer gefallen!« mutmaßte Mick lakonisch.

Sie mussten alle ihre persönlichen Sachen abgeben, dann bekam jeder eine Zelle zugewiesen. »Zum Übergang!« hieß es. Nachdem die große Metalltür mit der Schließklappe ins Schloss gefallen war, schaute Mick sich um. Drei Kojen, zwei davon übereinander, darauf je zwei Wolldecken und, ordentlich zusammengefaltet, das Bettzeug: blaukariert-rustikal. Sehr anheimelnd, dachte er, ich fühle mich jetzt schon wie zu Hause! An der Wand, etwa in Kopfhöhe, ein Gitterfenster. Mick schaute hinaus, auf den Innenhof, sah in zwanzig Meter Entfernung die gegenüberliegende Fassade, ein Gitterfenster neben dem anderen, 6 Stockwerke hoch. In der Ecke auf einem Hocker stand eine Waschschüssel aus Blech, daneben, auf dem Boden eine emaillierte Wasserkanne. Er richtete sich auf der einzelnen Koje ein. Man weiß ja nie, wer noch zu Besuch kommt. Dann durchstöberte er die Zelle nach etwas Lesbarem, fand neben der Doppelkoje eine alte Schwarte, warf einen Blick auf den Titel und dachte. Mit der Bibel hätte ich ja gerechnet, aber nicht mit Blut & Boden-Literatur: »Volk ohne Raum«, Berlin 1937. In der Not frisst der Teufel Fliegen! In der Freiheit hätte ich solchen Scheiß bestimmt nicht angefasst, aber vielleicht ist es ja ganz lehrreich, dachte Mick und begann zu lesen: Das Werk triefte nur so vor Schmalz und Pathos. Er legte den Schmöker wieder beiseite. Bald darauf gab es Abendessen: Brot, eine Scheibe Käse, und drei Scheiben fettiger Aufschnitt. Das Brot schmeckte muffig, der Käse nach gar nichts, und der Aufschnitt noch schlimmer als er aussah. Das kann ja heiter werden! Nach dem Abendbrot las Mick noch ein Weilchen. So, mehr als dreißig Seiten von dieser Nazi-Kacke verträgt mein Magen nicht, dachte Mick nach einiger Zeit und legte sich aufs Ohr.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück bekam er seine Zelle zugewiesen. Im 6.Stock. Über den Dächern der Untersuchungshaftanstalt konnte er den Himmel sehen. Das ist wenigstens etwas! Die Zelle war winzig, fünf Schritte in der Länge und so schmal, dass er mit ausgestreckten Armen die Wände berühren konnte. Auf der einen Seite war eine eiserne Klappkoje an der Längswand befestigt, vorn links neben der Tür stand ein Scheißeimer mit Deckel und rechts auf einem alten Hocker das obligate Waschgeschirr. Wenigstens allein! Die Vorstellung, mit 5 abgewichsten Knackis die Zelle zu teilen, grauste ihn. Hauptsache, ich bekomme bald etwas zu lesen, dann werde ich das hier schon durchstehen, dachte Mick.

Sein Zellennachbar zur Linken meldete sich. Man machte sich bekannt. Der saß auch wegen Dope - war, mit zwei Kilo im Gepäck direkt aus dem Flieger verhaftet worden. Am nächsten Tag beim Hofgang lernten sie sich kennen. Wolfgang war ein kleiner, drahtiger Hippie, braungebrannt, intelligent und sehr sympathisch. Der zweite Glückstreffer! Von ihm erfuhr er, dass immer montags Büchertausch war. Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, lieh ihm Wolfgang ein Buch, und außerdem schenkte er ihm noch ein wenig Tabak und ein paar Blättchen zum Drehen. »Einkauf ist am Mittwoch. Da kannst du von deinem Geld Tabak, Kaffee und SüÂßigkeiten kaufen.«

Als der Hofgang zuende war, wurden sie wieder in den 6. Stock hinaufgeführt. Aber die Wärter ließen sich Zeit mit dem Einschließen. So lungerten sie lange auf dem Gang herum. Ein paar Häftlinge drängten sich an ein Fenster. Neugierig ging Mick hin und schaute ihnen über die Schulter: zwischen zwei Gebäudeteile hindurch und über die hohe Backsteinmauer hinweg konnte er ein Stück Straße sehen. Das Draußen! Die Freiheit! Gerade stöckelte drüben auf der anderen Straßenseite eine Frau vorbei, ihr bunter Sommer-Rock tänzelte munter den Bürgersteig entlang, begleitet vom Gejohle der Häftlinge. »Augen-Fick« nannten sie das.

Langsam gewöhnte sich Mick an das Knastleben. Die Drugster waren bei den Wärtern recht beliebt, weil sie wenig Stress machten. Ließ man sie in Ruhe, dann gab es kaum Ärger mit ihnen. Die Häftlinge dagegen, die das Essen brachten und die Scheißeimer leerten, machten nicht den Eindruck, als ob mit ihnen gut Kirschen essen wäre. Und das Essen war gleichmäÂßig schlecht. Einige Knastologen behaupteten sogar, in der Wurst wäre Menschenfleisch. Aber das konnte er sich nicht vorstellen. Denn dann hätte sie eigentlich besser schmecken müssen.

Am Nachmittag fand durch die offenen Gitterfenster über den Hof hinweg die große Hammelsgassen-Nachrichtenbörse statt. Ich habe mal irgendwo gelesen, der Knast sei die Universität der Kriminellen, dachte Mick, nach dem, was hier abgeht, ist diese Aussage ganz treffend! Es gab Fachleute für alles, vor allem aber für Rechtsfragen. Jeder zweite Häftling ein ausgebuffter Rechtsverdreher. Nur schade, dass sie alle durcheinanderreden, dachte Mick, hier könnte man wirklich noch was lernen!

Am Montag war endlich Büchertausch. Mick wurde ausgeschlossen und mit fünf Mitgefangenen in die Bibliothek geführt. Das waren zwei Räume mit großen, vergitterten Fenstern, an den Wänden Regale bis zur Decke voll mit Büchern; und alles in fürchterlicher Unordnung. Gustav Freitags »Soll und Haben« neben »Weihnachtsschmuck zum Selberbasteln« und Aldous Huxley neben Uta Danella. Da hilft nur eines: Buchrücken für Buchrücken nach Titel und Autor durchchecken!

Einige brave Frankfurter Bürger schienen ihre Bibliothek zugunsten der Untersuchungshaftanstalt entnazifiziert zu haben. Wer Lust hatte, konnte sich hier eine stramm deutsche Gesinnung anlesen! Mick arbeitete sich durch die Buchreihen und fand gottseidank! genügend interessanten Lesestoff. Bald hatte er einen fast einen halben Meter hohen Stapel Bücher zusammen, als ein Justizwachtmeister aus dem 6. Stock aufkreuzte. »Die Stunde ist längst herum, wir haben Sie schon vermisst!« Mit seinem Bücherstapel auf den Armen, das Kinn auf den obersten Band gedrückt, stolperte Mick hinter dem Grünen die Treppe hoch und wurde wieder in sein Luxusappartement eingeschlossen. Für die nächste Woche, dachte er, bin ich jedenfalls gut mit Lektüre versorgt!

Als Mick etwa eine Woche da war, gab es am Nachmittag Randale. Der Informationsdienst funktionierte einwandfrei. Er erfuhr, dass einer der Häftlinge Verhandlung gehabt hatte und zu 7 Jahren verurteilt worden war. Wegen Raubes. Nachdem sie ihn vom Termin zurück in seine Zelle gebracht hatten, fing der Häftling an zu brüllen und zu toben wie ein wildes Tier. Mick konnte das ziemlich gut verstehen. Sieben Jahre Knast vor dir, das muss wie das Ende der Welt sein! Die Jungs im Bau kamen jetzt richtig in Stimmung. Sie grölten mit und schlugen mit ihren Löffeln an die Gitterstäbe. Ich komme mir vor wie im Raubtierhaus, dachte Mick. Dann fing die arme Sau an, sein Mobiliar zu Kleinholz zu zerlegen. Die übrige Bande legte noch einmal 20 Phon drauf. Ein Inferno! Der Typ hört und hört nicht auf, hat wirklich ‘ne Mords-Kondition der Junge! Als es schließlich dunkel wurde, kam das Rollkommando. Man konnte nichts sehen, denn die Wärter im gegenüberliegenden Trakt hatten das Licht ausgeschaltet, aber man hörte, dass sie kräftig zur Sache gingen. Und der ganze Bau brüllte dazu: »Bullensäue! Ihr feigen Wichser! Aufhören!« Dann war endlich Ruhe. »Der hat seine Woche im Bunker weg, Wasser und Brot, und die ganze Zeit im Dunkeln.« hörte Mick jemanden aus dem Stockwerk darunter sagen. »Und jeden Tag Prügel!« fügte ein anderer hinzu. Das wurde mir auch nicht an der Wiege gesungen, dass ich das miterleben darf, dachte Mick.

Beim Hofgang am nächsten Tag fiel ihm ein Schwarzer auf. Mick sprach ihn an. »Hi, are you American?« »No, I’m from Ghana. My name is Daniel.« Sie kamen ins Gespräch. Er war auch Dealer und saß wegen einem Kilo. Daniel war nett, charmant und gebildet. Er erzählte Mick von seinen Plänen: Wenn er hier wieder herauskäme, würde er in den Diamantenschmuggel einsteigen. Er suchte noch einen Partner. »Sounds quite intriguing!« Mick stellte sich vor, wie er und Daniel in dessen rotem Alfa durch halb Afrika rauschen würden, ein paar hundert Gramm Rohdiamanten aus Südafrika im Reserverad. Die würden sie in Amsterdam verkaufen und dann für ein paar Jahre ausgesorgt haben. Aber über die Gefängnisse in der Dritten Welt hatte Mick schlimme Dinge gehört. »But if you get busted?« fragte er nach. »You better not get busted in Africa!« Mick beschloss, sich die Sache in Ruhe zu überlegen. Ich werde ja auf jeden Fall noch ein Weilchen drin sein. Er gab Daniel die Adresse eines Freundes in seiner Heimatstadt. »You can contact me there!«

Nach gut zwei Wochen bekam er Post von seinem besten Freund. Er hatte ihm geschrieben, wo er seinen Aufenthalt genommen hatte, und um Lesestoff und etwas Leckeres zum Essen gebeten. Das Päckchen war natürlich geöffnet und durchsucht worden. Trotzdem hatte Mick die Hoffnung, dass sein Kumpel einen Trip auf Löschpapier darin versteckt haben könnte. Doch die Suche war vergeblich. Dafür freute er sich riesig über die beiden Reich-Bände, »Funktion des Orgasmus« und »Der Einbruch der Sexualmoral«. Mit so etwas kann die Knast-Bibliothek natürlich nicht aufwarten. Und der Tabak, die SüÂßigkeiten und die Konserven sind auch nicht zu verachten!

In der Zelle gab es auch Radio, ein kleiner quäkender Lautsprecher in der Wand über der Koje, ein Drehschalter, drei Programme zur Wahl. Der AFN war leider nicht dabei, also hörte Mick HR 3. Der Hit des Monats war »In the ghetto«. Er stand zwar nicht auf Elvis Presley, aber dieser Song hatte einen Bezug zu seiner Lage! Am 24. Juli übertrug der HESSISCHE RUNDFUNK dann die Mondlandung: Neil Armstrong spazierte als erster Mensch auf dem Mond herum. Man hörte seine quäkige Funkstimme sagen: »For me it was just one step, but it was a huge step for humanity!« Die gehen auf dem Mond spazieren, und ich komme nicht einmal zum Zigarrettenautomaten auf die andere Straßenseite hinüber, kommentierte Mick das denkwürdige Ereignis für sich.

Ein paar Tage später bekam er dann ein hochoffizielles Schreiben. Vom Hauptzollamt Frankfurt am Main: In seinem Besitz seien, laut Polizeibericht vom soundsovielten, 200 Gramm Haschisch gefunden worden. Zwar sei die Einfuhr laut Betäubungsmittelgesetz nicht erlaubt, da es aber dennoch eingeführt worden sei, würde automatisch Einfuhrzoll fällig. Es folgte eine Abrechnung, auf den Pfennig genau, und die Aufforderung den Betrag von 234 Mark und ein paar Zerquetschten umgehend zu überweisen. Diese Lumpenstrümpfe! dachte Mick. Wenn es was abzusahnen gibt, kennen die keine Moral. Und die Gesetze machen sie sich ja sowieso selber. Von wegen Rechtsstaat!

Nach diesem Schreiben erwartete er jeden Tag Post vom Gericht , Anklageschrift, Gerichtstermin. Irgendetwas. Aber nichts geschah. Auch seine Frankfurter Freunde ließen nichts von sich hören. Später erfuhr er, dass sie wenigstens den SDS auf seinen Fall angesetzt hatten. Der organisierte damals eine Rechtshilfe für Haschisch-Besitzer und Kleindealer.

Schließlich, nach 4 Wochen, kam ein blauer Brief vom Amtsgericht: Wegen Besitzes von 200 Gramm Haschisch werde er zu einer Geldstrafe von 3000 Mark verurteilt, die Untersuchungshaft würde angerechnet. Sofort rief er nach einem Wärter und zeigte ihm den Brief. »Wann komme ich denn jetzt hier raus?« »Das geht alles seinen ordnungsgemäÂßen Gang. Wir wissen hier oben offiziell noch nichts davon. Das dauert aber seine Zeit, heute wird’s bestimmt nichts mehr!« Howgh! Der deutsche Beamte hat gesprochen!

Mick versuchte zu lesen. Keine Chance, ich konnte sich nicht konzentrieren! Er stand von seiner Koje auf, lief in der Zelle auf und ab wie ein Tiger im Käfig. Ist schon komisch, dachte er. Wahrscheinlich kriegen die meisten Leute diese Unruhe, wenn sie eingesperrt werden und nicht, wenn sie wieder herauskommen. Als um 22 Uhr das Licht ausging, konnte Mick nicht einschlafen. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Er hatte sich ganz gut in der klausnerischen Einsamkeit seiner Zelle eingerichtet, doch jetzt war es mit seiner inneren Ruhe vorbei. Er wollte nur noch eines: Raus, so schnell wie möglich! Weg von diesem Großstadt-Moloch Frankfurt und nach Hause. In die gemütliche und beschauliche Kleinstadt in Norddeutschland.

Am nächsten Vormittag, kurz vor dem Hofgang, klapperten Schlüssel auf dem Gang, seine Tür wurde aufgesperrt, zwei Beamte standen vor der Zelle. »Entlassung!« Das ließ Mick sich nicht zweimal sagen. Er griff sich seine wenigen persönlichen Habseligkeiten, folgte den beiden und verabschiedete sich durch die geschlossene Tür von Wolfgang, seinem Zellennachbarn. Unten in der Schreibstube bekam er die Entlassungspapiere und ein braunes Kuvert mit seinem Geld. »105,40 D-Mark und 180 Dollar. Nachzählen!« Mick zählte. »Hier, quittieren!« Dann wurde er zum Tor geführt. Der Wachbeamte wünschte ihm freundlich: »Auf Nimmerwiedersehen!« Mick versprach es.

Entspannt schlenderte er die Konrad-Adenauer-Straße hinunter, und erreichte schließlich die Zeil. Sein erster richtiger Spaziergang seit 4 Wochen. Keine Häftlings-Polonaise auf dem Hof der Hammelsgasse! Es war ein wunderschöner Sommertag, die Stadt barst vor Farben: die Schaufenster, die Autos, die bunten Sommerkleider der Frauen. Nachdem er vier Wochen lang nur grau und grün gesehen hatte, erschlug ihn diese Farbenflut beinahe. Und die Frauen! Er konnte sich gar nicht sattsehen an Beinen, Hintern, Haaren und Brüsten, die aus den Ausschnitten ihrer dünnen Fähnchen hervorlugten. Aber irgendwie war er noch nicht ganz von dieser Welt, die so selbstverständlich laut um ihn herum brandete. Das ist mir alles zu viel, dachte er, während er weiter zur Taunusanlage ging. Mal sehen, ob ich Bekannte treffe! Die Szene wirkte ungewohnt hektisch. Viele neue Gesichter, Freunde entdeckte er nicht. Es ist wohl noch zu früh! sagte er sich. Überall lungerten Langhaarige herum, palaverten, priesen ihren Stoff an: Schwarzer Afghane, roter Libanese, grüner Türke. Joints wurden herumgereicht, »Pieces« abgewogen, kleine braune, grüne oder schwarze Klümpchen an die Krokodilklemmen der Taschenbriefwaagen gehängt - die Kunden konnten das Gewicht überprüfen - und Dollarnoten wechselten ihre Besitzer.

Auf der Wiese lagen Paare und sonnten sich, kleine Kinder spielten Ball. Ein Grüppchen Hippies umlagerte einen Gitarrenspieler, der - im Schneidersitz den Oberkörper hin & her schwingend - einen Song von »Tyrannosaurus Rex« zum Besten gab und von einem anderen Langhaarigen im knallbunten weiten Hemd auf der Bongo begleitet wurde. Mick erkundigte sich nach Acid, wurde an einen Dealer mit Jimi-Hendrix-Frisur verwiesen und kaufte für 20 Dollar vier PURPLE HAZE als Mitbringsel für seine Freunde in der Heimat. Dann regte sich sein Magen. Er betrat einen Imbiss, trank ein Bier und genehmigte sich ein Brathähnchen. Anschließend ging er zum Zeitvertreib einmal die Taunusstraße hinunter und wieder herauf. Eine Handvoll Nutten, die sich um das Tagesgeschäft kümmerten, standen in den Hauseingängen und zeigten was sie anzubieten hatten, während ihre Zuhälter in Eckkneipen Billard spielten oder in Grüppchen um ihre Amischlitten und Sportwagen herumstanden - großkotzige Typen, braungebrannt, dunkle Sonnenbrille auf, Goldkettchen im Hemdenausschnitt, die mit ihren dicken Brieftaschen protzten. Arschlöcher! dachte Mick. Immer noch der gleiche Zirkus. Es kotzte ihn an, dieser Tanz ums goldene Kalb! Mick ging zurück zur Shitwiese. Er kam sich vor, wie ein Besucher vom Mars. Das alles geht mich überhaupt nichts an: Die Dealer, die bei den Rabatten herumstehen, die GIs, die einzeln oder in Grüppchen herumlaufen, auf der Suche nach gutem Dope, die Hippies auf der Wiese, die mehr oder weniger genüsslich zelebrieren, was sie für Freiheit halten. Immer noch keine Spur von Stefan, Jim und Robert oder sonst jemandem, den er näher kannte.

Er wusste selbst nicht, welcher Teufel ihn ritt, Frust, Langeweile oder das Bedürfnis, sich selbst wieder besser zu spüren, jedenfalls zog er die Streichholzschachtel aus der Tasche, holte eine der purpurfarbenen Tabletten heraus und warf sie ein. Dann ging er zur Straßenbahn und fuhr nach Bornheim hinaus. Dort wohnten Leute, die er kannte. Mit ihnen zusammen hatte er einmal einen Trip gemacht. Sie hatten die halbe Nacht musiziert, später dann das neue Doppelalbum von Hendrix »Electric Ladyland« gehört. Alles friedvoll und harmonisch. Danach sehnte er sich jetzt! Als die Bahn die Endstation erreichte, fing das LSD an zu wirken. Mick stieg aus, und lief durch die engen Straßen. Man kann sehen, dass Bornheim früher mal ein Dorf war, dachte er. Er kam zu dem niedrigen, einstöckigen Haus, ging hinein, klingelte an der Tür im Parterre. Keine Reaktion. Er klingelte noch einmal. Niemand zu Hause! Er ging wieder hinaus auf die Straße.

Dort sah plötzlich alles verändert aus: die Konturen der Häuser waren merkwürdig verschoben, die parkenden Autos verbogen, verzogen, wie mit Krebsgeschwüren übersät - offensichtlich dem Gehirn eines geisteskranken Konstrukteurs entsprungen. Wie ein Blitz traf ihn die Erkenntnis, dass er nicht mehr im Jahr 1969 war, sondern 50 Jahre später. Keine Idee, was mich ins Jahr 2019 verschlagen hat. Die Jungs sind bestimmt schon alle tot! So müssen sich Raumfahrer fühlen, wenn sie nach einer Reise mit Lichtgeschwindigkeit auf die Erde zurückkommen. Ein Scheißgefühl! Kalter Schrecken kroch ihm in die Glieder. Mal sehen, ob es die Straßenbahn noch gibt! Mick ging zurück zur Haltestelle. Tatsächlich, da ist das Wartehäuschen, und in der Wendeschleife steht eine Bahn! Er stieg ein. Als der Wagen anrollte, hatte er das Gefühl, langsam zurück in die Gegenwart zu kommen. Er schaute aus dem Fenster. Es dämmerte. Häuser, Autos, Passanten flitzten vorüber. Ein neuer Horror fiel ihn an wie ein Panther. Ich werde sterben. Noch in dieser Stunde! Eigenartig, dass mir das überhaupt nichts ausmacht. Ich bin doch erst 22, habe noch soviel erwartet vom Leben. Und jetzt ist einfach Schluss! Keine Idee, wie. Ist mir auch egal, ich weiß nur, dass es geschehen wird!

Die Bahn erreichte die Innenstadt und hielt. Auf der gegenüberliegenden Verkehrsinsel sah er Robert stehen. Sein erster Impuls war: aussteigen und ihn begrüÂßen. Doch dann fiel ihm wieder ein, dass er gleich sterben würde. Ist doch so egal! Was haben wir jetzt noch zu reden miteinander? Mick blieb sitzen. Die Bahn fuhr weiter. Langsam kam so etwas wie Neugierde in ihm auf. Wie es wohl geschehen wird? Ich bin doch gesund. Ein Unfall vielleicht? Ein schwacher Widerstand regte sich in ihm. Vielleicht gibt es doch eine Chance, zu entkommen? Am Bahnhof stieg er aus, ging in die Halle, und studierte die Fahrpläne. Kein direkter Zug mehr nach Hamburg. Den Nerv, ein paar Mal umzusteigen, hatte er nicht. Also dann morgen früh! Mick verließ die Bahnhofshalle wieder. Beim Überqueren der Straße passte er jetzt höllisch auf. Er spazierte durch die Taunusstraße. Die grell geschminkten Gesichter der Nutten und die fiesen, eitlen Fressen der Loddels gaben ihm das Gefühl, mitten durch Dantes Hölle zu marschieren. Er steuerte die Underground-Disco in einer Seitenstraße an. Auf dem Bürgersteig davor standen ein paar Dealer. »Willst’n Piece Shit, Alter?« Mick antwortete nicht, drängte sich hinein. Aus den Boxen dröhnte »In-a-ga-da-da-vida«. Auf der Tanzfläche drehten nassgeschwitzte Hippies ihre Pirouetten, malten mit den Armen Arabesken in die Luft - soweit es der Platz zuließ. Um die Bar Menschentrauben. Mick’s Augen durchforschten das Meer von Köpfen nach einem bekannten Gesicht. Vielleicht bringt mich ein Bier wieder ein bisschen auf den Boden! Er drängelte sich durch zur Bar, sein Oberarm streifte einen kleinen, festen Busen in einem T-Shirt, dann stand er vor der Theke. Er bekam ein Bier auf den Tresen gestellt und nahm einen tiefen Zug. Habe gar nicht gemerkt, dass ich so durstig bin, dachte er verwundert.

Plötzlich entdeckte er die beiden Zwillinge auf der anderen Seite der Tanzfläche. Wie ein Eisbrecher schob er sich mitten durch die Tanzenden. »Hallo, wie geht’s?« »Lange nicht gesehen. Wo warst du denn?« Er erzählte von seinem Gastspiel in der Hammelsgasse. »Kann ich heut’ Nacht bei euch schlafen?« »Klar! Wir müssen aber vorher noch ‘was erledigen.« »Ist mir völlig egal. Ich komme mit!« Mick wich den beiden nicht mehr von der Seite. Zum ersten mal an diesem Abend fühlte er sich sicher und geborgen. Sie unterhielten sich noch eine Weile über dies und das, dann zogen sie los. Wieder zum Bahnhof, Mick ahnte schon, was kam. Er stellte sich bei den Fahrplänen auf und behielt die Halle im Auge, während die Zwillinge hinüber zu den Schließfächern gingen. Sie öffneten eines und zogen eine große, braune Ledertasche heraus. Mick passte auf wie ein Schießhund, aber es schien alles gut zu gehen. Keine grünen Uniformen tauchten in der Halle auf, keine kräftigen jungen Männer mit kurzen Haaren im Hippie-Outfit stürzten plötzlich auf die Schließfächer los, niemand nahm Notiz von den beiden. Mit der Reisetasche zwischen sich verließen sie - wieder betont gemächlich - die Bahnhofshalle und bestiegen eine Bahn. »Da sind 10 Kilos drin, die müssen wir jetzt ins Westend bringen,« flüsterte die hübschere der beiden Mick zu. Der nickte nur mit dem Kopf. Aber insgeheim stellte er sich vor, wie sie gebustet werden: zwei Zivile kommen von hinten, zücken ihre Ausweise, fordern sie auf, die Tasche zu öffnen. Das wäre dann aber ein verdammt kurzer Aufenthalt in der Freiheit gewesen! Sie erreichten das Westend, stiegen aus, und lieferten die Tasche in einer Jugendstilvilla ab: schicke Wohnung, Edel-Hippies, Drogen-Adel. Die Mädels bekamen 300 Mark in die Hand gedrückt, dann war die Transaktion erledigt. Endlich fuhren sie zu der Wohngemeinschaft, wo die Zwillinge lebten. Erleichtert ließ sich Mick in einen der Korbsessel in der Küche fallen. Jetzt habe ich’s hoffentlich überstanden! Vermutlich haben die beiden nicht einmal mitbekommen, was mit mir losgewesen ist. Mick hatte auch keine große Lust gehabt, es ihnen zu verklickern, weder vorhin in der Disco noch jetzt - schon um sein Gesicht zu wahren. Aber er war ihnen dankbar, richtig von Herzen dankbar - so, als ob sie ihm das Leben gerettet hätten. Sie tranken noch eine Tasse Tee in der Küche, dann wünschte Mick den Zwillingen eine gute Nacht. Nur noch schlafen, bloß endlich ‘runter von diesem Trip! Am nächsten Morgen, nach einem gemütlichen Frühstück mit frischen Brötchen und einem Becher Erdbeeryoghurt, machte er sich auf den Weg zum Bahnhof und nahm den ersten Zug nach Norddeutschland. Bloß weg von hier, dachte er, von der Großstadt habe ich die Schnauze voll. Aber gestrichen!

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