Start | Inhalt | Autoren | Blog | Info | Impressum

Es gibt doch auch nur einen Gott

Jugendweihe in einer brandenburgischen Stadt.

Im April 1989 besuchte ich meine Freundin Margot in der DDR, die mich zu sich in die kleine brandenburgischen Stadt zur Jugendweihe ihres Sohnes Christian eingeladen hatte.

Die DDR kannte ich fast nur aus der Zeitung. Nur auf kurzen Urlaubsreisen hatte ich eigene Eindrücke gewonnen. Das »bessere Deutschland« wollte es sein, zumindest war dies der Anspruch vieler seiner Bürger.

Und nun hatte ich die Gelegenheit, eine Jugendweihe zu erleben, eine Zeremonie, die aus jungen DDR-Bürgern vollwertige Mitglieder des sozialistischen Staates machen sollte. Das fand ich spannend, und außerdem wollte ich Margot besuchen, die ich seit Beginn unserer Brieffreundschaft erst einmal persönlich kennen gelernt hatte.

Die Zugfahrt nach Osten verlief ohne Probleme. Zweimal musste ich umsteigen, bevor ich in Margots Heimatstadt ankam. Sie holte mich am Bahnhof ab und brachte mich in ihre kleine Wohnung in einem neu erbauten Plattenbau, die sie mit Christian bewohnte. Stolz zeigte sie mir ihre Einrichtung.

Die Feier selbst fand im Kulturhaus der Eisenbahner der Stadt statt.

Die Jugendlichen aus der Wilhelm-Pieck-Oberschule standen auf der Bühne, aufgereiht unter Hammer und Sichel und gelobten die Treue zum sozialistischen Staat, an dessen Ausbau sie künftig als erwachsene Menschen mitwirken sollten. Mit allen Festgästen hörten sie die Reden, die die Verdienste der Staatsregierung priesen. Von der Verantwortung war die Rede, die die jungen Leute künftig beim Aufbau des Staates übernehmen sollten und was der Staatsrat schon alles für das Land getan hatte. Man konnte den Eindruck gewinnen, als ob Herr Honecker persönlich die Sonne habe scheinen lassen, um die Felder der LPGs reifen zu lassen. Dieser Eindruck wurde durch die Festüberschrift »40 Jahre DDR« noch untermauert. Würdig umrahmt wurde die Feier durch den städtischen Chor und die Kammermusikvereinigung aus der Bezirkshauptstadt Potsdam. Neben auch mir bekannten Komponisten wie Haydn und Mozart erklang das »Danklied an die Republik« von Rusch und die Nationalhymne der nunmehr der Geschichte angehörenden DDR von Becher und Eisler.

Für mich war diese Darbietung ein eindrucksvolles Schauspiel, das aus einer anderen Welt zu kommen schien.

Das anschließende Essen mit Familie und Bekannten fand in einem nahe gelegenen Restaurant statt, das den HO-Läden angegliedert war. Der Tisch bog sich beinahe unter den aufgefahrenen Köstlichkeiten und Margot war auch darauf sehr stolz.

Bald war das Wochenende vorüber. Mit Margot und ihren Freunden hatte ich mich gut unterhalten. Was im Herbst geschehen würde, davon konnte noch kaum einer etwas ahnen.

Margot brachte mich zum Zug, der mich nach Hause bringen sollte.

In Leipzig stieg ich um. Am Bahnsteig erwartete mich meine andere Brieffreundin Hansi, die aus einer entfernteren Gegend in Sachsen mit ihrem Mann gekommen war, um mich zu treffen. Wir verbrachten die Zeit gemeinsam, bis mein Anschlusszug nach Westen abfahren sollte.

Der Zug fuhr in Leipzig ein. Ich weiß nicht mehr, warum ich mir über die nahende Zollkontrolle Gedanken machte, aber Hansi teilte meine Befürchtungen und sagte, »da sind sie oft genau, unsere Leute!«

Dann fand ich einen Platz in einem Abteil. Dort saß schon eine ältere, allein reisende Dame und ein noch älteres Paar. Wie sich bald herausstellte, kam das Paar aus Polen und die Dame war eine DDR-Bürgerin, die zum ersten Mal nach Westen reiste. Bald erfuhr ich von ihr, dass sie auf dem Weg nach Mainz war, wo sie nach über dreißig Jahren ihren Bruder wiedersehen sollte. Solange hatten sich die Geschwister nicht gesehen, was hauptsächlich daran lag, dass der Mann der Schwester ein Volkspolizist gewesen war, dem Westkontakte verboten waren. Jetzt war er gestorben und seine Frau Rentnerin. Rentner ließen die DDR-Behörden ohnehin leichter nach Westen reisen. Und so saß sie hier mit gepflegtem, leuchtend schwarzem Haar und brannte vor Aufregung und Vorfreude. Das konnte ich gut verstehen und die Idee, dass sie ihren Bruder dreißig Jahre lang nicht gesehen hatte, beschäftigte mich noch mehr als sie. Keine 400km lagen zwischen ihrer Heimatstadt und dem Wohnort ihres Bruders, doch dazwischen lag der Eiserne Vorhang.

Wir hatten uns somit viel zu erzählen und ich berichtete von der Jugendweihe und den Traktoren, die unter dem wohlwollenden Blick des Staatsratsvorsitzenden am Morgen des Sozialismus auf den Feldern neuen Taten entgegen gefahren sein mussten. Sie fand das nicht ganz so kurios wie ich, aber ich glaube, dass sie mich trotzdem verstanden hat.

Die beiden Polen hörten uns nicht sehr lange zu, bis es den Mann drängte, sich an unserem Gespräch zu beteiligen. Dass es zwei deutsche Staaten gab, das konnte er nicht verstehen! Es gibt doch auch nur einen Gott, sagte er! Dieser Vergleich belustigte mich. Besonders faszinierte mich, dass dieser Mann voller Gottvertrauen aus einem kommunistischen Staat kam, was ich bisher immer mit Atheismus in Verbindung gebracht hatte. Natürlich hatte ich davon gelesen, dass in Polen mit seinem katholischen Papst schon seit jeher ein besonderes Verhältnis zum Christentum vorlag. Wahrscheinlich, so dachte ich mir, war das ein bisschen wie in Italien, wo Don Camillo und Peppone auch so manchen Kampf ausgefochten hatten und letztendlich friedlich nebeneinander existierten.

Die DDR-Frau und ich sahen uns verständnisinnig an und unterdrückten ein Lächeln. Ich meinte, eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten würde sie jedenfalls ganz bestimmt nicht erleben. Und dass ich das erleben würde, hielte ich auch für ziemlich unwahrscheinlich.

So verstrich die Zeit wie im Flug, bald war die Grenze passiert. Zwischenfälle gab es keine, und in Fulda verließen die beiden Polen mit unseren besten Wünschen den Zug, um einen Anschluss nach Süddeutschland zu nehmen.

Bis Frankfurt unterhielten wir uns noch gut. Dort trennten sich unsere Wege. Ich sollte nach Mannheim umsteigen, und vor meiner neuen Bekannten lagen nur noch wenige Kilometer nach Mainz, wo sie endlich ihren Bruder wiedersehen würde.

Keine sechs Monate später bewies sich das Gottvertrauen der beiden Polen als berechtigt.

© Hildegard Thies

Das Copyright für die Texte liegt bei den Autoren.