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Die Nationalhymne im Radiowecker

Ein Jugendlicher erlebt die Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung in Frankreich.

Seit Anfang September war ich (damals 16) nun hier, und bisher wars auch ganz gut so, hier; Die kurz nach Beginn des kalten Krieges einsetzendn Bemühungen um die sog. deutsch-französische Freundschaft waren auch an meiner Schule nicht spurlos vorrübergegangen, und ich hatte - nachdem meine Eltern sich jahrelang erfolglos bemüht hatten - mich endlich nach einem 14-tägigen Besuch von Franzosen an unserer Schule bereit erklärt, ein dreimonatiges Gastspiel an der “Ècole Internat Rudolph Steiner Laboissiérre-en-Théle” zu wagen. Diese liegt ca. 40 Km von Paris entfernt, mitten in einem winzigen Dorf in der französichen Prärie.

Nach einer ca. drei Tage andauernden Kulturschockphase war es dann so weit: Fabian war bereit, sich zu assimilieren. Es folgten verschiedene Schlafstättenwechsel: weg von meinem deutsch-pakistanischen Begleiter (der in Hannover in meiner Klasse war) in einen Raum voll mit Franzosen, und von dort in einen anderen Raum voll mit anderen Franzosen.

Mein ständiger Begleiter war dabei mein mit krackeligem MW-Empfang ausgestatteter Radiowecker, auf welchem ich hier und da, und ab und zu, die Nachrichten vom DLF anhörte.

Das Besondere an meinem letzten Raumwechsel war: einer meiner drei Zimmergenossen war Jude, und zwar mit Mütze. Er hieß David.

Nun schreiben wir also den 3.10.1990, es war Nachmittag. Ich war mir der historischen Tragweite dieses Datums für Deutschland bewusst, und so lief der Radiowecker seit ca. einer Stunde, verrauscht wie immer. Die Feierstunde aus Berlin wurde live übertragen, und ich saß am Schreibtisch. Da kam David ins Zimmer, und ich sagte “ ‘allo David !” und er sagte etwas Ähnliches, woraufhin wir unseren Aufgaben nachgingen. Was folgte war, dass die Feierstunde zuende ging und der damalige Bundespräsident von Weizsäcker zum Abschluss die Nationalhymne des nummehr vereinigten Deutschland ankündigte, diese auch prompt folgte und Fabian mit vor Schamesröte brennendem Kopf zum Radio stürzte und dem Kaiserquartett Einhalt gebot.

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