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Zwischen Baum und Borke (Leseprobe)

Eine Kindergärtnerin erlebt die Deutsche Einheit

Roman

Leseprobe:

Daß etwas Altes, Erneuerungsbedürftiges in unserem Land zu Ende ging, merkte ich deutlich und ganz persönlich bei unseren monatlichen Frauentreffen. Jedesmal fehlten mehr. Das war kein Wunder. Regelrecht vernarrt war ich in das Feindbild unserer politischen Gegner; und so drehte sich unsere Diskussion im Kreis, war unproduktiv. Ich konnte ihnen weder das politisch gute Gefühl, noch das vereinsmäßig gute Gefühl, das Gefühl der Geborgenheit, des Aufgehobenseins erhalten. Am Ende blieb Leere und Hohlheit in den Worten, in den Gedanken. Hinzu kam, daß der DFD (Demokratischer Frauenbund Deutschlands) inzwischen auch als systemfreundlich galt und demzufolge lieber zu meiden war. Es war nicht so, daß die Frauen gleichgültig, uninteressiert oder unwillig gegenüber einer Erneuerung, einer Verbesserung des Lebens, der politischen Situation gewesen wären. Das ganz bestimmt nicht. Nur, und das war die Frage, was sollten sie tun? Man konnte nicht von ihnen erwarten, daß sie in die nächste Stadt fuhren, um zu demonstrieren. Nein, davon hielten die meisten auf dem Land nichts.

Erst als ich den Satz: “Deutschland - einig Vaterland” aus dem Mund von Hans Modrow hörte, wurde mir klar, daß tatsächlich große Umbruchzeiten bevorstanden. Gleichzeitig war ich mir aber sicher, daß der Prozeß dieses “einig Vaterland” sich langsam, über Jahre erstreckend, und in Würde vollziehen würde… Das bedeutete nicht, daß ich mich beruhigt zurücklehnte. Nein, dieses unbehagliche Gefühl einer ungewissen Zukunft, es blieb tief in mir sitzen, wie eine lauernde Katze, jederzeit zum blitzschnellen Angriff oder zur Flucht bereit. Es wurde genährt von verdammenswerten Machenschaften unserer Partei- und Staatsführung.

Mein schwarzer Tag rückte immer näher. Unüberhörbar spitzte sich die Lage im Land zu. Auch rechtsextreme Kräfte orgasnisierten sich. Der öffentliche Druck auf uns Mitglieder wurde unerträglich. Die Angst vor einer späteren Hexenjagd kroch mich immer weiter an. Ich war weder aus der SED ausgetreten, noch in die PDS eingetreten. Im Moment lehnte ich die Entscheidung ab. Aber ich klebte weiter Plakate mit den Aufrufen für einen demokratischen Sozialismus, der das Recht auf Arbeit, Wohnung, Bildung und Kultur festgeschrieben hatte.

Jeden Tag fielen neue Meldungen herein, die mich erschütterten, aber nichts weckte mich mich aus meiner illusionierten Welt. Ich spielte die Komödie der Zuversicht trotz Angst im Bauch weiter. Die Zuversicht entnahm ich solchen überholten Losungen wie: “Seien wir tolerant und gerecht - auch gegenüber der sich wandelnden SED. Wir können unser Land nicht ohne sie aufbauen, aber sie muß nicht führen.”

Ich ahnte nicht im geringsten, daß ich am 18.märz 1990 zum letzten Mal dem Wahlhelferteam in meinem Dorf nahe der Lutherstadt Wittenberg angehören würde…

Am Wahlsonntag nun saßen alle Helfer auf ihrem zugewiesenen Platz und ergingen sich im Spektakel der Nichtigkeiten. Noch war alles wie sonst auch. Die Einwohner kamen in kleinen Grüppchen, grüßten wie immer freundlich, gingen ungewohnterweise, aber anstandslos in die Kabine, und schon raschelte das Wahlpapier. Niemand benötigte viel Zeit, um die Stelle für sein Kreuz zu finden. Keiner wagte es laut, eine Wahlprognose zu stellen.

Spät am Abend dann das Wahlergebnis - meine Sonnenfinsternis! Die CDU als Sieger - mein politischer Feind - hatte gewonnen. Da war er nun der Wirbelsturm, dessen Vorboten ich monatelang nicht wahrhaben wollte. Der Wirbelsturm, der alles hinfegen sollte, was noch in den Köpfen der Bürgerbewegten und in den verschiedensten Einrichtungen lebte. Ich fühlte einen eisigen Griff an die Gurgel. Groß war mein Kloß im Hals. Ganz still, wie in Trance erledigte ich die letzten Handgriffe. “Warum bin ich nur so überrascht, so unendlich enttäuscht von diesem Wahlergebnis? Herr Kohl hat schließlich die DM versprochen!”

Ringsum Hochstimmung, ich konnte sie nicht ertragen. Ich blickte mich um. War denn keine verwandte Seele in der Nähe, die mich verstand und mit der ich gemeinsam heulen konnte?

Ich sah nur lachende Gesichter. Mein Herz krampfte sich zusammen. Da hörte ich die Stimme der Bürgermeisterin, die gerade hereingekommen war und alle Helfer zum anschließenden Gemütlichen einlud…Ich mußte mit ihr sprechen, ich brauchte einen Strohhalm…

Es dauerte - für mein Gefühl viel zu lange -, bis ich die Bürgermeisterin etwas abseits für einen Moment allein erwischen konnte.

»Du bist ja so normal. Ich bin fix und fertig! Wie soll das denn jetzt weitergehen? Ich weiß überhaupt nichts mehr.«

»Ach, Maria!« Die Bürgermeisterin nahm meinen Kummer, meine Angst ernst und schlug den mütterlichen Ton an. »Alle haben doch damit gerechnet, du nicht? Deshalb war ich innerlich gewappnet. Wir machen in der Gemeindevertretung unsere Arbeit weiter wie bisher… Mach dich nicht verrückt! Du bleibst doch noch zum Gemütlichen?«

Ich konnte nicht antworten, nickte nur…

Nach ein paar Schritten blieb sie stehen, drehte sich nochmal um, lächelte mir zu und meinte versöhnlich: »Vielleicht liegt es daran, daß wir alle nicht gern schauen, was wir im Herzen längst wissen.«

Eine lyrische Ader hatte sie also auch noch, dachte ich und erinnerte mich an ihre lustige Art, wenn sie auf so manchem Fest humorvolle Dinge vorlas. Jede ihrer Sommersprossen lachte dann mit…

Ich mußte mich setzen, mein Kopf glühte, meine Beine zitterten. Angst? Angst! Zu viel hatte ich von Berufsverboten in der BRD gehört, zu häufig las ich jetzt von etwas sehr Verwerflichem, von “Systemnähe”.

Wieso fiel mir ausgerechnet jetzt das Rübenhacken ein? Vielleicht wegen der Hitze auf dem Feld, vielleicht wegen der unendlichen Einsamkeit auf der unendlichen Weite der LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) - Äcker?…

Wenn der Wind über die Haferstoppeln weht, ist der Sommer vorbei. Im Nu war es Herbst geworden.

3.Oktober 1990: Endgültig verlor ich meine geistige Heimat, meine Jugendträume, und kein Phatos ist groß genug, meinen Jammer auszudrücken. Meine Helden, sie drehen sich im Grabe um; ich höre ihre gequälten Schreie! Nur ich? Doch was zählen die Gefühle eines Verlierers? Für wieviel hundert Jahre wird er nun verspielt sein - der Versuch einer sozial gerechteren Welt? Diese Bitterkeit, die aus allen Poren tritt! Ich will sie nicht! Nur nicht ins Bodenlose abstürzen.

Dieser Vereinigungscancan war für die Menschen der DDR genauso erregend, spannend und verbunden mit tausend Hoffnungen wie mein gewöhnlicher Tanzabend, der immer eine ganz besondere Bedeutung hatte. Jedes Lächeln, jeden Blick, jede kurze Berührung dachte ich mir bedeutungsvoll - Enttäuschung vorprogrammiert!

Gefühlsmäßig saß ich jetzt dazwischen - in der Falle? Zwischen der vergangenen, verzuckerten, sozialen, aber nicht wirtschaftlichen und der gegenwärtigen, unsozialen, wirtschaftlichen, freiheitlichen, aber für mich bedrohlichen Welt. Ich stolperte über den Boden der neuen Tatsachen…

Beruflich hieß das neue Zauberwort: Umstruktuierung, und privat: zweites Standbein. Ab sofort hieß das Gestern, was eben noch Gegenwart war: früher! jeder vermied damit, “zu DDR-Zeiten” sagen zu müssen.

Die Kinderzahl im Kindergarten ging erheblich zurück, denn viele Eltern entdeckten ihre eigenen Eltern wieder, also die Omas und Opas der Kinder, als sich der Aufenthalt im Kindergarten verteuerte. Zudem verringerte sich die Geburtenrate erheblich. Wir bemühten uns, so viele Kinder wie möglich im Kindergaerten zu behalten, um drohende Entlassungen zu vermeiden oder wenigstens aufzuschieben…

Wer es nicht gern hört, daß die DDR einverleibt wurde, kann es sich mit dem Wort “anpassen” schöner denken. Zeugnisse dazu gibt es genügend, jedenfalls für Roland…

Die Anpassung feierte Triumphe! Jeder war gewillt, sich schnell in der chaotischen, gesprenkelten, neuen Wirklichkeit zurechtzufinden, sie sich anzueignen, sich ihr anzupassen und sie dann für sich zu nutzen. Die harte Währung erleichterte das. Den aufgewirbelten Staubkörnchen gleich fielen wir von einer Aktivität in die andere.

»Du mußt ein zweites Standbein haben!« riet mir die Bürgermeisterin und erklärte mir Amway…

Endlich traf ich die Entscheidung. Sie entsprach nicht meinem bisherigen Leben, nicht meinen Idealen und Zielen, die ich tief im Innersten noch hatte. Sie entsprach meiner Angst, meiner Ohnmacht, dem öffentlichen Druck, meiner Bequemlichkeit. Ich trat nicht in die PDS ein… Meine Ideale von einer gerechteren Welt, verschoben auf irgendwann! Wochenlang hatte ich mich damit herumgequält. Gehörte ich nicht zum Weizen? Jetzt sortierte ich mich selbst zur Spreu!

Trotzdem, wenn ich auch die letzte Ratte war, die das sinkende Schiff verließ: Ratte bleibt Ratte!

Es heißt, wenn man von seinem Vater einen Hügel geerbt hat, muß man ihn besteigen. Ich? Ich richtete es mir an seinem Fuße gemütlich, kleinkariert und bürgerlich ein, ganz still und leise…

Weitere Infos:

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