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Bojana

Was ein Schweizer einer Jugoslawin schreiben wollte

Ich denke an Bojana. Mein Blick ist scharf, wie wenn ich konzentriert lese. Eines Tages stand sie mit ihren Koffern im Gang. Das Haus befand sich in der Wimbledon-Street in London und gehörte der Familie Bax; ich machte während drei Monaten einen Sprachaufenthalt. Immer wieder zogen neue Studenten in das Haus ein und die alten gingen. Wir assen Kartoffeln in allen Varianten und als ich nach den drei Monaten wieder in der Schweiz war, hasste ich Kartoffeln.

Bojana kam an einem Regentag im September. Sie war siebzehn, zwei Jahre jünger als ich, kam aus Jugoslawien und ich traute ihr nicht zu, dass sie besser Englisch spricht als ich. Aber schon redete sie auf mich ein, packte gleichzeitig ihre Koffer und trug sie in den zweiten Stock. Ich verzog mich gleich in mein Zimmer, um einer weiteren Überforderung zu entgehen. Hinsetzen und verschnaufen.

Wie war das möglich? Ich war doch zwei Jahre älter als sie. Zwar fand ich mich mit der Situation ab, aber meine Fragen blieben unbeantwortet. War sie ein Sprachtalent? Oder bilingual aufgewachsen? Schliesslich bekam ich von meinen Eltern ständig eingetrichtert, wie gut unsere Schulen seien und wie schlecht die ausländischen.

Grössere Peinlichkeiten konnte ich vermeiden; Bojana und ich sahen uns nicht oft und sie blieb nur zwei Wochen. Aber manchmal redete sie mit mir. Wohlverstanden: sie mit mir. Ihr Mundwerk war sehr gut entwickelt und zeitweise hatte ich das Gefühl, sie sprach nur mit mir, um ihr eigenes Englisch zu verbessern. Meine Antworten schien sie zu überhören oder hatte sie sie nicht nötig?

Als ich kurz vor ihrer Heimreise zum ersten Mal in ihrem Zimmer stand und sie mir die neugekauften Turnschuhe zeigte und die Geschichte, wie sie zu diesen Turnschuhen kam, lang und in aller Genauigkeit und den dazugehörenden Emotionen erzählte, fühlte ich mich unsicher. Dennoch war es war doch schön mit ihr zusammen zu sein und ihr zuzuhören. Sie erzählte von ihrem Vater und dass er ein sehr gutes oder vielleicht sogar das beste Fotogeschäft des Landes habe. Ausschweifend. Übertrieben. Romantisch. Ganz nach Südländerart.

Natürlich fragte ich sie nach den Zuständen in Jugoslawien. Bei Menschen aus politisch unruhigen Ländern hat man wenigstens ein Gesprächsthema. Bojana sagte, dieser Krieg habe alles zerstört, aber in ihrer Region würden sie nichts davon merken. Ich kannte Jugoslawien nicht und es war mir völlig egal, wo Bojana genau wohnte. Für mich war Bojana einfach Bojana, eine siebzehnjährige Frau, die schöne dunkle Augen hatte und einen Hintern, der nicht ganz perfekt war. Eine Frau, die voller Lebensfreude war und eine Stärke ausstrahlte, einen Lebenswillen.

Ich bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen und mir käme es nicht in den Sinn, diese schöne friedliche Welt zu hinterfragen. Die schöne friedliche Schweiz hat sich auch nicht in ein Krisengebiet verwandelt, ich habe nie einen Krieg erlebt und von Unruhen, wie etwa Demonstrationen oder dass mal wieder ein Ausländer oder ein Schwuler zusammengeschlagen wurde, hörte ich beiläufig im Radio. Es war alles in Ordnung. Bojana war eine glückliche junge Frau, die viele Sprachen konnte, sehr talentiert war und bald mit dem Studium anfing. Ausserdem hatte sie den Mann mit dem besten Fotogeschäft des Landes zum Vater.

Ich brauchte mir keine Sorgen zu machen; ihre übertriebenen, romantischen Sätze indes stempelte ich als Angeberei ab. Darauf bin ich allergisch! Aber später, als ich wieder in der Schweiz war und einen Brief mit weiteren solchen Sätzen bekam, dachte ich, dass sich Bojana vielleicht vor mir fürchtete. Vor diesem Schweizer, der bestimmt sehr reich sein musste, wie doch alle Schweizer. Der bestimmt sehr intelligent war und sehr erfolgreich, wie es alle Schweizer sind. Und irgendwie musste sie doch sagen, dass sie auch etwas hatte, worauf sie stolz war. Dass der Trümmerhaufen Jugoslawien nicht nur ein Trümmerhaufen war.

Nur passte das alles nicht zu ihr. Wenn sie scheu und voller Minderwertigkeitskomplexe gewesen wäre - aber das war sie nicht, sie war als Person stärker als ich. In ihrem Brief stand aber noch etwas, das ich damals vermutlich überlesen hatte. Ganz beiläufig hatte sie geschrieben, dass die Wahlen nun endlich vorüber seien. Als ob es sich dabei um eine lästige Formalität handeln würde. Wie eine Steuererklärung. Als ob es nicht darauf ankäme, wer Präsident wird. Vielleicht, weil keiner der Richtige war? Das war im Februar 1998.

Beim ersten Lesen des Briefes war für mich das Kompliment wichtig, dass ich der einzige Mann sei, der bei Briefen so schöne Verzierungen machte. Es schmeichelte mir sehr, obwohl ich das mit den Verzierungen wusste und mich fragte, wieso haben mir das die anderen Brieffreundinnen nicht auch geschrieben? Die Wahl in Jugoslawien war mir nicht völlig egal, es war eine nette Information. Wie manche Wahlen in der Schweiz, die auch spannend sind, aber eigentlich ist es einem wichtiger, dass die E-Mail funktioniert.

Bojana und ich schrieben uns noch ein paar Mal. Doch ich hatte damals viel zu tun und so schrieb ich irgendwann nicht mehr zurück. Mich plagte ein schlechtes Gewissen und ich nahm mir deshalb vor, ihr wieder zu schreiben. Aber der Stress liess mir kaum noch Zeit zum Atmen und die Zeit verging und verging und irgendwann eskalierte die Lage in Jugoslawien. Während den ersten Wochen dachte ich mir nicht viel dabei. Natürlich dachte ich an Bojana, aber ich wusste, dass sie nicht im gefährdeten Gebiet wohnte.

Ich schaute sogar die Nachrichten im Fernsehen DRS. Sonst glotze ich nie in die Kiste. Aber die Bilder und die Berichte, wie die Alliierten Belgrad und ganz Jugoslawien zerbombten, machten Eindruck. Man sieht für ein Mal live, was der Geschichtslehrer in der Stunde erzählt über die beiden Weltkriege oder über Vietnam. Da waren ein paar Lichter in der Nacht und dann eine Explosion. Es bleibt nur die Frage, wie ist es dann wirklich in dieser Situation? Wie fühlt sich das an?

Langsam machte ich mir doch Sorgen um Bojana. Ich wollte auf der Karte nachsehen, wo sie genau wohnte. Aber ich hatte noch immer Stress und ich sagte mir einfach, dass der Rest der Menschheit sich auch nicht die Beine ausreissen würde für eine junge Frau, die man früher einmal für zwei Wochen gesehen hatte. Also verschob ich die Suche auf der Karte auf übermorgen und als es dann übermorgen war, stellte ich fest, dass dieses Zemun - ich musste wirklich lange suchen - dass sich dieses Zemun sieben Kilometer entfernt von Belgrad befand.

Natürlich war dann der Teufel los. Ich überlegte, was ich tun könnte. Ich wollte doch helfen. Der hilfsbereite Freund aus der Schweiz sein. Also setzte ich mich an den Schreibtisch und schrieb einen Brief, etwa zehn Monate zu spät, aber was spielte das noch für eine Rolle? Ich wusste nicht recht, was man in so einem Fall schreibt; ich fragte sie, wie es ihr gehe.

Leider ging aber die Post nicht mehr nach Belgrad. Das nervte mich, aber ich gab noch nicht auf. Die letzte Möglichkeit war die E-Mail. Ich hatte keine Ahnung, ob der Strom noch ging dort unten, ob sie noch aus dem Luftschutzkeller herauskamen oder ob sie überhaupt noch lebten.

In dieser Zeit dachte ich oft an Bojana, an diese junge Frau, die sehr viel intelligenter war als ich, die sehr viel mehr für die Schule lernte als ich. Aber die Schule wurde vermutlich zerbombt. Als ich den Brief und die E-Mail schrieb, zerbrach ich mir lange den Kopf darüber, was ich schreiben soll. Wie ich schreiben soll. Was schreibt man in so einem Fall? Aus der Schweiz als Schweizer zu schreiben, kam mir so oder so arrogant vor. Ich wollte nicht zu sentimental wirken. Aber auch nicht desinteressiert oder sogar hart. Und so schrieb ich eben dieses ,Wie geht es dir?‘.

Ein halbes Jahr später, im Herbst 1999, bekam ich eine Ansichtskarte. Sie studiere jetzt in Wien und werde in Zukunft in Deutsch schreiben. Nur fehlte Bojanas Adresse. Ich wusste nicht, was ich noch antworten sollte. Ich hätte an ihre Eltern in Jugoslawien schreiben können. Aber ich ahnte, dass etwas geschehen war zwischen uns. Bojana war nicht mehr daran interessiert, mir zu schreiben. Ihr Interesse an mir war nicht mehr da. Ich glaube nicht, dass ich einen schlimmen Fehler gemacht hatte, viel eher war es meine Unfähigkeit gewesen, auf ihre neue Situation eingehen zu können. Lebenssituationen bestimmen die Bedürfnisse des Menschen.

Als Brieffreund wollte ich aber auf Bojana eingehen. Nur habe ich keine Ahnung von dem, was Bojana erlebt hatte. Irgendwie wird sie aus Zemun geflüchtet sein. Und dann über die Grenze. Und irgendwie nach Wien, wo sie irgendwie an die Uni kam. Ich habe keine Ahnung von dieser Südländerin, die doch immer übertrieben und angegeben hatte. Diese Südländer, die ständig den Superlativ brauchen, zu romantisch sind und zu oberflächlich, wie ich immer sagte. Wieso sollte sie mir noch schreiben wollen?

Heute stürze ich mich auf die Tageszeitung, weil ich gestern um Mitternacht gehört habe, dass Milosevic aufgegeben hat. Ich habe mich gefreut, als hunderttausende auf die Strassen gingen und das Parlamentsgebäude stürmten. Ich habe an Bojana gedacht und dass sie vielleicht in ein paar Jahren wieder in ihre Heimat zurückkehren kann. Dass sie in Belgrad studieren kann. Ich habe auch schon Bücher gelesen von Opfer des Zweiten Weltkrieges. Von der Emigration. Aber das war doch früher. Natürlich gibt es das heute auch noch, aber weit weg in fernen Ländern. Länder, die ein bisschen zurückgeblieben sind. Aber doch nicht so nah. Aber doch nicht eine Person, die ich selber kenne.

Nur wir Schweizer leben in einer schönen heilen Welt, einer Barbiewelt. Wie gut können wir aus unserer schönen neuen Welt klugscheissern! Wir haben kein Recht auf Meinungsäusserungen gegenüber jenen, die nicht in dieser schönen neuen Welt leben. Eine Kritik, eine Einschätzung der Lage oder gutgemeinte Tipps, das ist pure Arroganz. Vielleicht haben wir etwas vom Adel im 18. Jahrhundert. Sehr viel Geld, keine Leiden, keine rechte Aufgabe. Nur sind wir trotzdem die Stars, die Weltverbesserer. Die mit der glänzenden Fassade, wenn auch inwendig ein wenig hohl. Also weiss ich nicht, was ich zu sagen habe. Ich habe eigentlich gar nichts zu sagen.

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