1946

Drei Äpfel und eine Jauchegrube

Von Ute Eppich

Der Winter 1946/47 war bitterkalt. Wir froren jämmerlich, hatten weder gute warme Bekleidung, noch Geld, um Kohlen zu kaufen. Wir, das waren meine Mutter, meine zwei Geschwister und ich, sechseinhalb Jahre jung. Wir waren zwei Jahre zuvor in einem in Polen noch eisigeren Winter in einem offenen Viehwaggon aus Posen geflüchtet. Dabei waren mir beide Beine bis zu den Knien erfroren. Zwei Jahre später litt ich noch immer an den Folgen dieser Erfrierungen. Die Füße wurden bei der winterlichen Kälte glasig und rot, platzten auf und eiterten.

Weiterlesen →

Erwachen 1946

Von Alois Eder

Abschied nehmend geht entlang
Dr. Morgenstern die Kremsergasse
ihre Aura nochmals witternd bang
weil er ja die Stadt nun doch verlasse.
Seitdem man die Juden boykottiert
hat ein Rechtsanwalt hier keine Bleibe,
wo man jede Wand beschmiert
damit man sie ja rasch vertreibe.
Ungewiss scheint ihm das Los,
das in Palästina ihn erwartet,
Hier, St. Pölten schien Abrahams Schoß,
Heimatliebe ist ihm eingeartet.
Einsicht hat auch eine Zeit gebraucht,
dass es mit der Gegenliebe hapert
wer nun mit ihm redet, haucht,
weil die Furcht ihm schon dazwischen klappert.
Und auf niemanden ist jetzt Verlass,
auf Klienten nicht, auf Honoratioren
und die Gattin, einst voll Mut und Spaß,
gibt inzwischen auch den Kampf verloren.
Morgenfrühe ists und menschenleer
nur Frau Pittner ist schon auf den Beinen
quert die Straße zu ihm her,
Abschied nehmend, will ihm scheinen.
Ach, er kennt die Zeichen nicht,
streckt die Hand schon aus zum Schütteln,
da spuckt sie ihm in sein Gesicht,
an ihrem Rassestolz lässt sie nicht rütteln.
War der Führer doch bei ihr zu Gast
nach dem Bad in der St. Pöltner Menge,
des Triumphzugs letzte Rast
im St. Pöltner Grand-Hotel-Gepränge.
Doch die Tausend Jahre gehen schnell,
weil, eh mans gedacht’, die Russen kommen,
aus Frau Karolines Grand-Hotel
wird das Hitlerbild gar bald entnommen.
Auch in Palästina vergeht die Zeit,
der Doktor hasst das südlichere Klima,
das Heimweh macht die Herzen weit,
St. Pölten lockt im Zweifel noch immer.
Bald geht er in Erinnerung
durch kriegsbedingt stark veränderte Gassen
vermisst den alten kecken Schwung,
sie haben alle stark Haare gelassen.
Als ob die Synagoge sie,
die in der Reichskristallnacht zerstörte,
angesteckt hätte, man weiß nicht wie,
und das Virus bald alles verheerte.
Ein Bombenteppich, seine Fransen ziehn,
sich südlich hin bis zur Stadtmitte:
die arme Stadt, jetzt dauert sie ihn,
lenkt er durch sie seine Schritte.
Gewichen ist das Hakenkreuz
dem roten Stern und roten Parolen.
Viele sind bitter, manche reuts,
viele durfte der Teufel schon holen.
Statt Hitler- heißt es nun Stalin-Platz!
Wie voreilig sie sind mit Namen!
Je rascher benannt, umso kürzer hats
meist gedauert: in Ewigkeit Amen!
Die Kremsergasse, noch unbelebt,
durch die einst Hitler gefahren,
und wieder Frau Karoline, er hebt
die Hände, um sich zu bewahren.
Sie quert die Straße, doch diesmal zuckt
Dr. Morgenstein einmal vergebens,
denn sie streckt die Hand aus, statt dass sie spuckt,
und macht ein großes Aufhebens:
“Herr Doktor, dass nur Sie wieder da
sind! Seit wann wieder in diesen Landen?”

Weiterlesen →

Flucht aus Wimmersbüll

Von Lutz Menard

Wir, meine Mutter, meine zwei Jahre jüngere Schwester (10) und ich, waren nach der Vertreibung aus unserer pommerschen Heimat im April 1946 und einer gar nicht lustigen Seefahrt von Stettin nach Travemünde auf einem ehemaligen deutschen Truppentransporter im Auffanglager Wimmersbüll bei Niebüll in Schleswig gelandet. Und bald fürchteten wir nichts so sehr, als unser weiteres Leben auf einer Sanddüne fristen zu müssen. Doch eines Tages hieß es, dass wir auf Dauer bei einer Familie im Dorf eingewiesen werden sollten. Erste Vorbereitungen wurden schon getroffen. Wir wurden wieder einmal neu registriert, und die Engländer in der Lagerverwaltung drückten Mutter sogar ein paar zerfledderte deutsche Banknoten in die Hand. Bevor wir aber unsere wenigen Habseligkeiten zusammensuchen konnten, gab es eine dicke Überraschung.

Weiterlesen →
Soziale Plastik. Die Kunst der Allmende

Zum 30. Todestag von Joseph Beuys.

Die Reise nach Jerusalem

Roman

Ich bin doch auch ein Hitlerjude

Witze im 3. Reich