GenerationenProjekt

Geschichtsschreibung von unten

Lebenserinnerungen, Tagebuchnotizen und literarische Texte, die um historische Ereignisse kreisen.

Zu den Texten

Inhalt

1918

Das Eiserne Kreuz des Ernst Genzmer

Ernst Genzmer Geboren: 4. September 1896
Gestorben: 28. März 1918
Im 1. Weltkrieg:

Im Felde, den 16. III. 1918

Ich komme erst heute wieder dazu, an Euch zu schreiben. Den Grund für mein längeres Schweigen kann ich jetzt sagen: Wir hatten schon vor längerer Zeit einen größeren Vorstoß gegen die Russen geplant. Ich meldete mich sofort und habe auch die Pläne dazu ausgearbeitet. Es gab nun in diesen Tagen massenhaft mit den Vorbereitungen zu tun. Unsere Sturmtruppe musste genau eingeübt werden, ebenfalls die Stoßtruppe der Infanterie. Nachdem nun alle Vorbereitungen beendet waren, ging gestern die Sache um 2:30 Uhr morgens vom Stapel. Wir haben beim Überwinden des feindlichen Drahthindernisses einen wahnsinnigen Handgranatenkampf zu bestehen gehabt. Die Russen, die nicht von unserem Minen- oder Artilleriefeuer erledigt waren, wehrten sich bis zum letzten Augenblick. In den russischen Gräben haben wir eine ganze Anzahl Gefangener gemacht und allerhand Ausrüstungsgegenstände erbeutet. Was sich nicht ergeben wollte, wurde sofort niedergeknallt. Zwei Unterschlüpfe, in die sich einige Russen geflüchtet hatten, wurden von uns in die Luft gesprengt.

Weiterlesen →

1934

Bachabkehr 1934

Von Alois Eder

Bachabkehr ist sonst nur einmal im Jahr,
ein Fressen für Anrainer, zappelnde Fische
auf plötzlicher Ebbe im Bett des Mühlbachs,
man braucht sie nur zu greifen.
Eine Woche steht still die Kette der Mühlen,
in hohen Stiefeln waten die Fischer.
Bachabkehr, die Kette der Mühlen steht still,
man greift sich die Müllner, die zusammengerottet
versucht haben, eine Brücke zu halten,
als der Bürgerkrieg schon verloren war.
Geflohen dann, die Dämme entlang,
sich der Waffen entledigt.
Die fallenden Wasser bergen dann nicht mehr
Helm und Gewehr, zu Stößen getrieben
vor Rechen und Wehren, in Schrebergärten
spürt man versprengte Fische auf,
versteckt und mit schreckgeweiteten Augen,
man greift sie: kaum dass sie um sich schlagen.
Wohlfahrter ist tot, der Lehrer, man jagt sein Gefolge,
das er Recht Recht und Unrecht Unrecht
zu nennen gelehrt hat im Werkswohnungskohldunst,
gestorben am Misserfolg der Revolte,
die blecherne Lampe zittert noch nach,
Widerhall des Schusses aus eigener Waffe.
Bachabkehr, trocken liegen die Bäche,
kein Vorstadtbub trauert dem Lehrer nach,
sie lauern auf übersehene Waffen und Fische.
Auf den Gusseisentrümmern der Abfallhalden
den Fluss entlang klingts ihm wie rostige Glocken nach,
wenn wie Treiber die Treiber dran schlagen.
Und dann ebbt die Jagd ab,
vereinsamt die Wehre und Rechen.
Bachabkehr, da werden die Fische handzahm
und schnappen nach Luft, trocken liegen die Bäche,
und wäre nicht Winter, da all das geschieht,
empfänden zum Mindesten die Badenden Freude
über den ungewohnten Schwall Wasser im Flussbett.

Weiterlesen →

Der Maschsee

Von Max Brink

Leistung der 1.600 Männer

Über Jahrhunderte bedrohten regelmäßig Hochwasser der Flüsse Leine und Ihme die niedrig gelegenen Teile Hannovers. Die Leinemasch wurde zum See, der sich bis zum heutigen Friedrichswall erstreckt. Seite dem 19.Jahrhundert wurde deshalb überlegt, Fussregulierung und öffentliche Erholung mieinander zu verbinden.

In der Weltwirtschaftskrise beschloss der Magistrat im Herbst 1932 den Bau des Sees in der jetzigen Größe als

Arbeits Beschaffungsprogramm.

Im März 1934 wurde mit den Ausschachtungen begonnen. Rund 1.600 Männer mussten den Seegrund ausschachten sowie Leine und Ihme eindeichen. An technischem Gerät wurden nur Loren zum Erdtransport eingesetzt.

Weiterlesen →

1935

Das Stativ und der Kuckuck

Von Max Brink

Wenn man heute am Beginn des neuen Jahrhunderts als Amateur dem Hobby Fotografieren nachgeht, so unterscheidet sich dies gewaltig von der Fotografie der 30er-Jahre. Welten liegen dazwischen. Es sind Unterschiede jeglicher Art, nicht nur die rein technischen, ganz bestimmt auch die des Erlebnisses.

Da geht man heute mit einer Digitalkamera in die Natur, wählt seine Motive aus, und schon ist das Bild auf dem Chip. Es kann sofort auf dem Monitor angeschaut oder auch in Sekunden ausgedruckt werden.

Weiterlesen →

1936

Das Glück und das Heil

Von Max Brink

Kann man sich eigentlich so ohne weiteres an seine Kindheit, an die Jugend erinnern? An all jenes, was im einzelnen damit zusammenhing und einherging? Wahrscheinlich doch nur zu einem Teil. Und wohl  hauptsächlich an die einschneidenden Begebenheiten, also an solche, die aus verschiedenen Gründen im Gedächtnis haften blieben.

Dabei sind Erinnerungen so schön, weil sie eine Sehnsucht zum Inhalt haben. Weil das “Damals” alles so leicht und unbeschwert war. Und weil wir als Kinder es so und nicht anders gelebt haben.

Weiterlesen →

1938

Ländliche Idylle '30

Von Alois Eder

Eltbogen ist schon lange überfällig,
die Meisterin lugt oft besorgt zum Fenster,
weils Abend wird und sich das Wirtshaus füllt
und bald die Tagediebe trunken ausspeit.
Die wohlfeil für drin ausgebrachte Runden,
ihr Mütchen vor dem Judenhaus zu kühlen,
Eltbogen ihr “Juda, verrecke!” schreien.
Der Lehrling sieht vom Dachfenster die Kumpel
vom Fußballplatz, vom Samstagskorso wieder,
erkennt die heisern Stimmen auch im Dunkeln,
für die der neue Sport einfach Gaudee ist,
den noch dazu Anstifter gut bezahlen,
Großkopferte wie Arzt, Kaufmann und Lehrer,
seit Anschluss große Gauredner der Nazis.
Frau Eltbogen und ihre Judentöchter,
sind hilflos, wenn der Meister einmal ausbleibt,
dazu ein Lehrling, arisch und kaum achtzehn,
den nichts besticht als mittags gutes Essen,
und ein Sinn für Gerechtigkeit, der sagt,
sie sind doch Menschen, ganz so wie die andern,
nur eben samstags in der Synagoge,
statt sonntags in der Messe und im Wirtshaus.
Doch Meister Eltbogen war dort gelitten
noch kurz vorm Anschluss, Vizekommandant auch,
der Feuerwehr, und am Paraderock die Orden,
die wohlverdienten aus dem ersten Weltkrieg,
den damals ohne Ordnungszahl gezählten.
Die hängen jetzt am Glas der Ladentür,
stumm protestierend bei der Hetzeraufschrift,
dem hingekalkten Trotz “Kauft nicht beim Juden!”,
den außen die SA davorgepflanzt hat.
Und immer noch kommt nicht und nicht der Meister,
mit dem die Buben anzubinden scheuen
nach seinem Spruch: “Ein Hund, der bellt, der beißt nicht!”
Doch Steine, wenn sie anfingen zu werfen,
wie anderwärts, wies heißt, schon lange Brauch ist,
kaputt die Scheiben, niemand wehrte es ihnen.
Der Dorfgendarm ist auch ein Märzgefall’ner,
der nolens volens Hakenkreuz geflaggt hat,
seit’s im Gemeindeamt allein den Ton angibt.
Wo ist er heute liefern hin, nach Mechters?
Oder noch weiter, hinter Böheimkirchen?
Der Lehrling kennt den Bauernhof, die Route,
war auf Montage mit im Schlosseranzug.
Am Land die Leute ordern tapfer weiter,
lassen sich neue Küchenöfen setzen
von Eltbogen, wie eh und je der Brauch war,
vielleicht jedoch mit einer kleinen Hoffnung,
die Schuld dem Juden länger stehn zu lassen,
kann man zur Not doch mit der Rasse drohen nun.
Und wenns so ist - warum nicht gleich erschlagen?
Und Eltbogen, der Meister, ist noch stolz drauf!
Statt einzusehen, dass auch Treue schadet,
beim Gauredner, dem zweiten Lieferanten
im Dorf und seinem schärfsten Konkurrenten.
Fährt mit dem Fahrrad nächtens durch die Gegend
zu Kunden, als ob tiefster Friede wäre,
am Land die Lage noch so sicher wie vor Jahren,
ein Bombenanschlag hier und da, und s’ hat sich.
Jetzt aber braucht ihm nur wer aufzulauern,
ihn sich vom Rad zu holen, ihn verprügeln.
Selbst wenn sie Anzeige entgegennehmen
von einem Juden: nachgehn wird ihr keiner.
Es ist so ruhig draußen, recht verdächtig.
Der Meister sollte längst schon wieder da sein,
er ist ja sonst ein Sprinter mit dem Fahrrad.
Und nichts beruhigt Meisterin und Töchter,
auch wenn der Lehrling meint, von denen niemand
könnt auch nur wissen, wo der Meister unterwegs ist.
“Und wenn - zum Beispiel nur - du dich verschnappt hast
nach Feierabend, bei der Fußballmannschaft?”
erwacht nun in der Eltbogin der Argwohn,
“Oder der Bauer, der bestellt hat, dann im Wirtshaus?
Geh, nimm dein Radl! Fahr ihm halt entgegen!
Nachts unterwegs, da kann so leicht was g’schehen
Ein Radler noch dazu ist völlig hilflos,
wenn unterwegs ihn irgendwer wo abpasst!”
Um Mitternacht zieht ab die Schar der Zecher
lustlos noch ihr “Verrecke!” intonierend,
das fad wird, wenn es kein Pogrom begleitet.
Der Meister ist noch immer überfällig,
der Lehrling nicht zurück: was kann passiert sein?
“Am besten wärs schon, wenn ers G’werb gleich aufgibt,
Auf einem grünen Zweig kommt er jetzt eh nicht.
Grad dass die Konkurrenten auf ihn hetzen,
weil er ein Schlossermeister und ein Jud’ ist!”
Und wenn ihm Gott behüte was passiert ist,
sie könnt’s nicht weiterführen ohne Hilfe.
“Wo willst denn hin nachher, und wovon leben?”
greint gleich die ält’re Tochter, die gelähmte,
die es auch so schon schwer genug gehabt hätt.
Der Lehrbub bringt sie mit der Scheibtruh’ in die Schule,
die Gottseidank nicht weit den Berg hinauf steht.
Und Gottseidank, um halb eins rappelts draußen,
der Lehrbub stellt die Räder ein, der Meister
tritt ein und grüßt die Seinen ganz verlegen,
hat keine Nazi-Gräuel zu vermelden.
Im Gegenteil: man hat ihn gut bewirtet
und reichlich nachgeschenkt, er ist ja standfest.
Ein Gläschen mehr kann auch sehr leicht passieren,
kommt man mit Freunden ins Politisieren,
und es wird spät, bis man dann endlich aufbricht.
Der Bauer hat ihm Mut gemacht, es werde
doch nie so heiß gegessen wie gekocht wird,
dass auf die Nachbarschaft genug Verlass sei,
und drum kein Grund, vielleicht zu emigrieren.
Doch auf die Nacht nicht, wenn man einen Schwips hat,
da drohen Schlaglöcher und Straßengräben,
ein Sturz zieht ihm das Rad dann aus dem Rennen,
mit einem Mordstrumm Achter, dass er aufgibt.
Und statt zu fahren, hat er es geschultert,
und heimgetragen, bis ihm dann der Lehrling
entgegenkam und ihm geholfen hat
zu Fuß, und deshalb ists so spät geworden.
An diesen Abend werden sie noch denken
vom Viehwaggon aus, vom Transport nach Auschwitz,
als Schirach Wien für judenrein erklärt hat,
weil auch im Ghetto, wo man schließlich hinzog,
die letzte Wohnung endlich arisiert war,
an diesen Abend und ans Anschlussjahr
als einer Zeit noch der Geborgenheit:
kein Darben, reine ländliche Idylle.

Weiterlesen →

1939

Abi '39

Von Günter Althoff

So kam mein Abitur näher. Der Leiter unserer Schule war damals Oberstudiendirektor Dr. Gohlke, ein Nazi, aber auch wohl eher ein schwacher denn ein schlechter Charakter. Wenn alle Schüler sich zur vorgeschriebenen montäglichen Morgenfeier versammelten, pflegte er die deutschen Märchen im Sinne nationalsozialistischer Ideologie zu interpretieren, was nicht nur mir erheblich auf die Nerven ging.

Doch schien er mir persönlich nicht ohne Wohlwollen zu begegnen. Einige Monate vor der Abiturprüfung wirkte ich bei einem künstlerisch gestaltetem Elternabend mit. Es handelte sich um die melodramatische Fassung von Gottfried Bürgers Riesenballade ›Lenore‹, mit Liszts musikalischer Untermalung. Ich donnerte den Text, während unser Musiklehrer, Herr Paetsch, meine Darbietungen am Klavier begleitete. Lehrerschaft und Publikum waren von unserer Vorführung sichtlich angetan. Dr. Gohlke nahm mich anschließend bei Seite und machte mir folgende Eröffnung: Er kenne nun meine Fähigkeiten, wisse von meiner einseitigen Begabung für die Geisteswissenschaften und um meine Schwäche in den Naturwissenschaften. Ich sollte also zusehen, mich im Jahresfortgang hier so gut wie möglich zu behaupten. Er verspreche mir, dass ich in keinem naturwissenschaftlichen Fach mündlich geprüft würde.

Weiterlesen →

In 14 Tagen ist alles vorbei

Von Annemie Fetten-Winklhofer

Die großen Schulferien sind verlängert worden. Klasse! Diese gute Botschaft hat sich herumgesprochen wie ein Lauffeuer. Da kommt Freude auf. Ich besuche das 3. Schuljahr in der Volksschule in Bochum-Weitmar. Heute, am 1. September 1939, weile ich schon drei lange Wochen in Ferien bei unserer Oma in Essen-Schonnebeck. Ich will aber nach Hause!  Meine beiden Brüder sind bei den anderen Großeltern in Essen auf der Margarethenhöhe in Ferien.

Aber was ist heute, am 1. September 1939, eigentlich geschehen? Was ist los? Im Radio haben wir es gehört. Wir sind so aufgeregt. „Deutschland hat Polen den Krieg erklärt“, lautet die Nachricht.  Warum? Was bedeutet Krieg?

Weiterlesen →

1940

Krieg

Von Annegret Kronenberg

Vater, du verließest mich,
ich konnte gerad’ erst steh’n.
Das Vaterland, es brauchte dich —-,
es gab kein Wiederseh’n.

Wie gerne hätte ich mit dir
einmal geweint, gelacht,
hätt’ froh erlebt, wenn du mit mir
den ersten Schritt gemacht.

Ich kenne deine Stimme nicht
und sehn’ mich so nach ihr.
Die unerfüllte Sehnsucht
verklingt wohl nie in mir.

Nie durfte ich erfahren
das Streicheln deiner Hand.
Du opfertest dein Leben
und starbst im fremden Land.

Weiterlesen →

1942

Kein Großangriff

Von Annemie Fetten-Winklhofer

In jener Nacht im März 1942, als unsere Mutter mich wach rüttelt, fliegen bereits britische Bomberverbände das Ruhrgebiet an. »Los Lore, aufstehen. Jeden Moment kann es Fliegeralarm geben. Im Radio ist bereits Feindeinflug gemeldet worden. Steh auf!« »Ach, lass mich doch schlafen. Vielleicht gibt es ja gar keinen Alarm!« Ich dreh mich wieder auf die Seite. Mama wird ärgerlich: »Los, raus aus den Federn!« Sie zieht das Oberbett weg und ich rolle mich verdrießlich im Trainingsanzug aus dem Bett. Wir ziehen seit Monaten keine Nachthemden mehr an. Meine beiden großen Brüder, die schon in die Schule gehen, hantieren in der Wohnküche. Sie ärgern mich oft und ziehen an meinen kurzen Zöpfen, nur weil ich ein Mädchen und die Kleinste bin. Der Frisör hat den Jungen die Haare zu kurz geschnitten. Ihre Ohren sind jetzt viel zu groß. Die Fenster in der Wohnung sind verdunkelt.

Weiterlesen →

Onkel Papa

Von Annegret Kronenberg

Der Krieg hielt dich in seinen Klauen.
Ich, dein Töchterchen, wuchs in Mutters Großfamilie auf.
Ich vermisste dich nicht, weil ich dich nicht kannte.
Mutter hatte viele Brüder, alles meine Onkel,
die ständig um mich herum waren.
Dann kamst du unverhofft auf Fronturlaub.
Freudig rief Mutter: »Anne, dein Papa ist da!«
Schüchtern reichte ich dir meine kleine Hand
und hauchte: “Onkel Papa”.
Du warst geschockt, enttäuscht.
Ich hatte dir sehr weh getan,
dabei wollte ich nur höflich sein.
Heute würde ich bis ans Ende der Welt laufen,
könnte ich nur einmal “Papa” zu dir sagen.

Weiterlesen →

Von der Vergangenheit eingeholt

Von Annette Scheller

Helmut beugte sich über seinen alten, zerkratzten Schreibtisch, auf dem sich abgegriffene Bücher, Kladden und Alben türmten. Seine Hände, übersät mit braunen Flecken und hervortretenden dunklen Adersträngen, umfassten zitternd ein großes vergilbtes Foto.

»1924«, brummelte er.

»Was war 1924, Opa?«

Schwerfällig sank Helmut auf den gepolsterten Stuhl und seufzte. Er hatte seinen zwölfjährigen Urenkel Kai, der ihm mit verwuscheltem hellblondem Haarschopf im Schlafanzug gegenüber saß, für eine Weile vergessen. Nun blickte er ihn zwinkernd an.

Weiterlesen →

1943

»Masseltov!«

Von Horst Lux

In meinem zwölften Lebensjahr, kurz bevor die Welt aus den Angeln zu geraten schien, traf ich sie. Sie war nicht älter als ich und hatte große dunkle Augen und schwarzes glänzendes Haar. Ihre wunderschöne Haut war von der eisigen Januarkälte krebsrot gefärbt. Ich war fasziniert von der Ausstrahlung dieses Mädchens. Ihre Kleidung war nicht bemerkenswert. Sie trug einen langen schwarzen Mantel, der ihre Figur verhüllte, abgetragene Schuhe, einen verwaschenen Schal sowie mehrfach gestopfte Wollhandschuhe. Aber ihre Augen, diese dunklen Augen verzauberten mich, alles andere war nebensächlich.

Weiterlesen →

Bunkermutter, Bunkerkind

Von Heidrun Schaller

Aus der Enge der mütterlichen Geborgenheit ausgestoßen, ausgetrieben. Der Schrei, der erste Schrei, vermischt mit den Explosionen der detonierenden Bomben, hallt durch den feuchten, dunklen Bunker. Rings umher Menschen mit angstvollen Gesichtern, angespannten Körpern. Die Mutter allein gelassen ohne Hebamme und ärztliche Hilfe.

Dieser Bunker wird nun in den ersten zwei Jahren dieses kleinen Wesens immer wieder das schützende Zuhause, wenn die Sirenen den herannahenden Fliegerverband mit der tödlichen Last im Rumpf ankündigen.

Weiterlesen →

Weihnachten mit Anastasia

Von Karl-Heinz Ganser

Meine Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft im Dorf. Vater war vom Militärdienst freigestellt. Er musste dafür in den Kriegsjahren täglich mit Pferd und Wagen in mehreren Dörfern die Milch bei den Bauern abholen und zur Molkerei fahren. Meistens kam er erst am späten Nachmittag nach Hause, sodass meine Mutter viele Arbeiten im Stall und auf dem Feld alleine verrichten musste. Daneben hatte sie noch uns vier Kinder zu versorgen.

Als ihr dann im Herbst 1943 eine junge Russin als Hilfe zugeteilt wurde, war das für sie eine spürbare Erleichterung. Die Frau war fünfundzwanzig Jahre alt, sehr scheu und konnte etwas deutsch. Im Obergeschoss unseres Hauses hatte mein Vater ein Zimmer hergerichtet, in das ich nach den Ferien einziehen sollte.

Weiterlesen →

1944

Der Zug der Schulzeit

Von Max Brink

An jedem Morgen war es so. In jeder Woche und jedem Monat, mit Ausnahme der Ferien. Es war nur ein kurzer Weg vom Haus seiner Eltern zum Bahnhof. In dem kleinen beschaulichen Ort, in dem es kein Gymnasium gab, war diese tägliche Bahnfahrt für ihn und seine Mitschüler erforderlich.

Es war eine Nebenstrecke, auf der das alte Dampfross sich mit Pfeifen und Rumpeln durch die grüne Landschaft quälte. Wenn die vorsintflutlichen Waggons an der Station hielten, traf der Junge weitere Freunde, die bereits an der vorigen Haltestelle eingestiegen waren. In den alten Wagen nahmen sie gewöhnlich auf den Holzbänken Platz, oder sie standen bei besserem Wetter draußen auf der offenen Plattform. Fünf Stationen waren es bis zur Stadt. Und dort ging es auf Schusters Rappen weiter bis zur Schule. Manchmal verspätete sich der Zug ein wenig. Dies wurde von allen gern genutzt, um die erste Unterrichtsstunde zu versäumen. Wenn man entsprechend bummelte, so blieb die Ausrede, dass sich der Zug verspätet habe, doch eine bestimmte Art von Wahrheit. Zwar kam man am Mittag etwas später als die Stadtkinder wieder in die Nähe von Mutters Kochtopf, doch wie das so ist: Alles im Leben gleicht sich aus.

Weiterlesen →

Ein Stahlhelm voll Milch

Von Karl-Heinz Ganser

Im Herbst 1944 hatten wir unser Dorf vor der anrückenden Front verlassen müssen und waren in den nahe gelegenen Wald gezogen. »Es ist nur für ein paar Tage«, hatte mein Vater gesagt, als wir Bretter, Balken, Bettzeug, einen Tisch, eine Kanne voll Milch, ein Säckchen Kartoffeln und einige Lebensmittel aus der Vorratskammer auf den Pferdewagen luden.

»Wir bleiben hier im Wald bis die Amerikaner kommen, dann können wir wieder zurück in unser Haus«, verkündete Vater abends, als die Bretterbude fertig aufgebaut war und wir uns total erschöpft an einem kleinen Feuer wärmten.

Weiterlesen →

Galgenhumor

Von Nanny Oge

Gedicht

Wann ist Friede in Berlin

Wann ist Friede in Berlin

Programmzettel

Programm des großen Kellerfests vom Club ›Licht aus!‹

Programm des großen Kellerfests vom Club ›Licht aus!‹

Satirisches Gedicht frei nach “Der Erlkönig”.

Wenn die Sirenen heulen

Wenn die Sirenen heulen

Weiterlesen →

Gedanken einer Kriegerwitwe

Von Alexandra Bauer

Vergangenheit?

Wenige Worte: Beileid, Tapferkeit. Sind nie langlebig gewesen, die Männer unserer Familie. Wollte er sterben, vom Krieg gefressen?

Kein Essen, den Sohn ins Wäschewasser geworfen, weiß gewaschen bei den Göttern deponiert, keine Zeit für Besuche, die Kinder wollen Essen, was hast du Feigling sie allein gelassen.

Einer muss bleiben um klug zu werden, sie gaben dir nichts, damit du die Hoffnung nicht aufgibst, wartest, weil es zu wenig gewesen ist, um weiterzugehen, wer braucht in diesen Zeiten eine Lateinprofessorin, kein Essen am Tisch, wer ist der Ehemann.

Weiterlesen →

Hans, wir schaffen das schon!

Von Karl-Heinz Ganser

Der November 1944 war besonders kalt und nass.

Seit fast zwei Monaten hausten wir nun hier in einer Bretterbude am Waldrand, nachdem wir vor der heranrückenden Front geflüchtet waren. Es war nicht allzu weit entfernt von unserem Heimatdorf. Mein Vater war davon ausgegangen, dass wir wieder heimkehren könnten, sobald die Alliierten unser Dorf eingenommen hätten.

»Heute Nachmittag«, so erzählte Vater eines Abends, als wir wieder einmal frierend am prasselnden Feuer vor unserer Behausung saßen, »habe ich deutsche Soldaten getroffen, die mir sagten, dass die Kameraden in den Westwallbunkern den Vormarsch der Amerikaner gestoppt hätten.« Und nach einer Weile fügte er hinzu: »Ich fürchte, bei dieser Kälte können wir es nicht mehr lange hier aushalten.«

Weiterlesen →

Mit dem Schnee kamen die Tränen

Von Annegret Kronenberg

Es war Anfang Dezember 1944, der letzte Kriegswinter. Vor Kälte schlotternd, mit rotgefrorenen Wangen, stürmte ich ins Haus, um mich ein wenig aufzuwärmen. Als ich händereibend die sonst so heimelige Wohnküche betrat, schlug mir eine ungewohnte Kälte entgegen. Etwas Bedrückendes lag in der Luft.

Statt meiner Mutter stand eine Nachbarin am Küchenherd und machte sich dort zu schaffen. Meine Mama, die hochschwanger war, saß mit ihrem unförmigen Leib am Küchentisch und hatte den Kopf auf ihre Hände gestützt. Beide Frauen schnupften und weinten in ihre Taschentücher. Erschreckt lief ich zu meiner Mutter und fragte sie: »Mama, warum weinst du?« Sie brachte kein Wort heraus, nahm mich nur schweigend in ihre Arme und drückte mich fest an sich. Ich spürte, wie ihr Leib von ihrem heftigen Schluchzen erschüttert wurde und ihre heißen Tränen meine kleinen, verfrorenen Hände netzten. Ungeduldig bohrte ich weiter: »Sag' doch, Mami, was ist geschehen?« Da nahm mich die Nachbarin zur Seite und erklärte mir, es sei ein Päckchen mit einem Brief angekommen, in dem uns mitgeteilt wurde, dass mein Vater in Polen gefallen sei und sie deshalb so traurig wären. Diese Worte trafen mich wie Peitschenhiebe.

Weiterlesen →

Schulzeit im Krieg

Von Karl-Heinz Ganser

»Morgen gibt es die letzten Zeugnisse von mir!« verkündete Lehrer Thoma uns, der vierten Schulklasse, einige Tage vor Ostern. Nun war das Ende des Schuljahres 1944 gekommen und jetzt musste entschieden werden, wer zum Gymnasium ging oder nicht.

Ich hatte schon einige Monate vorher heimlich bei meiner Mutter mal nachgefragt, ob ich, wenn das Zeugnis gut wäre, auf die höhere Schule gehen dürfte. Mit meinem Vater darüber zu sprechen, traute ich mich nicht. Ich sollte als Ältester von vier Kindern einmal seinen Hof übernehmen. Nach seiner Meinung brauchte ich dafür aber keine höhere Schule.

Weiterlesen →

Sergej, der Russe

Von Max Brink

Wer von uns damals in den Jahren des Krieges den hinweisenden Namen “Iwan” benutzte, meinte damit im Allgemeinen Russland oder die russischen Menschen. Sozusagen als “Begriffsverwandtschaft” verstanden. Dabei musste das nicht negativ gemeint sein. Genau so wenig, wie die Deutschen von den Österreichern als “Piefke”, von den Franzosen als “Boche” oder den Niederländern als “Moffe” bezeichnet werden. Auch das muss nicht ausgesprochen abfällig gemeint sein. Der Name Iwan ist in Russland halt ein häufig vertretener Vorname. Daher hat man diese Bezeichnung wohl als Synonym für das Land und seine Bewohner ausgewählt.

Weiterlesen →

Warum? Der lange Abschied

Von Hannelore Hausmann

Leseprobe

Aus dem Roman

Warum? Der lange Abschied

ISBN: 3-8311-2089-7

Es war im Frühling 1944, ich war gerade sechzehn Jahre alt geworden. Die Zeiten wurden immer gefährlicher und erbarmungsloser. Wieder war ich auf mich allein gestellt, wieder war ich auf der Flucht. Ich stand verzweifelt im Bahnhof von Wilhelmshaven und fürchtete mich vor jedem, der mich ansah oder sich nur länger in meiner Nähe aufhielt.

Die Züge fuhren sehr unregelmäßig. Ich hatte mir eine Fahrkarte nach Köln gekauft und musste warten.

Weiterlesen →

1945

Buchenwald

Von Annegret Kronenberg

1945

(Zur Erinnerung an Dich, Onkel Ernst)

Fremder Mann,
im üppig blühenden Sommergarten
stehen wir uns gegenüber.
Du, der Häftling aus Buchenwald,
ich das sechsjährige Mädchen.
Eigenartig schaust du aus.
Dein Gesicht wie eine Maske,
dein Körper nur ein Gerippe.
Deine Augen schauen durch mich hindurch,
du sprichst kein Wort mit mir.
Bist du etwa stumm oder taub?
Dein stumpfer Blick scheint nur auf die
Blütenpracht gerichtet zu sein
und ist doch so weit weg.
Noch in Buchenwald, was weiß ich davon?
Ja, deine Gedanken sind noch in Buchenwald,
wie du später bruchstückhaft berichtet hast.
Du warst wirklich sprachlos geworden,
hattest noch all die erlebten Grausamkeiten
vor deinen Augen.
Die gequälten, geschundenen Leiber
auf den harten Holzpritschen,
Gerippe in zerlumpter Kleidung.
Gesichter, die eigentlich keine mehr waren,
schmerzverzehrt, mehr tot als lebendig.
In den Ohren noch die Schreie des totgeprügelten
Kameraden, der seinen übermächtigen Hunger
mit einer Handvoll abgerissener Blätter
zu stillen versuchte.
Siehst vor dir noch die gegerbten Menschenhäute,
die dich schaudern lassen.
Spürst noch den ständig nagenden Hunger,
die Angst vor Prügel und Folter,
vor den unmenschlichen medizinischen
Versuchen, dem grausamen Sterben.
Totale Entwürdigung, mehr Tier als Mensch,
und doch ein Mensch.
Oh, fremder Mann,
wirst du dich je wieder an das Menschsein
gewöhnen, je noch einmal wieder lachen können?
Werden diese schrecklichen Erfahrungen irgendwann
in deinem Leben verblassen?
Später habe ich nicht gewagt, dich danach zu fragen,
um dir nicht weh zu tun, aber lachend habe ich dich nie erlebt.

Weiterlesen →

Das Flammenmeer

Von Max Brink

Wilder Mann

(Der Geschichte erster Teil)

Im späten Mittelalter, genauer gesagt im Jahre 1418, wurde in der Stadt Hildesheim am alten Markte das erste Fachwerkhaus errichtet. Ein Haus des Ackerbürgers war es und die Menschen, die in ihm leben durften, waren selbstbewusst und voller Freude. Sie waren Handwerker und mit Recht stolz auf das Geschaffene.

Wenig mehr als hundert Jahre später stand ein junger Zimmergeselle vor eben diesem wunderschönen Haus und konnte sich nicht sattsehen. Inzwischen waren schon viele weitere Fachwerkhäuser gebaut worden.

Weiterlesen →

Das geschenkte Tirolerhütchen und das geklaute Weihnachtsbäumchen

Von Karl-Heinz Ganser

Im Frühjahr 1945 kehrten wir in unser Heimatdorf zurück. Wir alle waren froh, dass das Haus noch stand. Etliche Granaten waren zwar eingeschlagen, aber das Dach war nur teilweise zerstört. Vater fand am nächsten Tag zufällig zwischen zwei zerschossenen amerikanischen Militärfahrzeugen ein paar noch gut erhaltene Autoabdeckplanen. Damit konnte er provisorisch die Löcher im Dach flicken, so dass es nicht mehr durchregnete.

Meine Mutter machte sich große Sorgen, wovon wir wohl in Zukunft leben sollten. Es gab nichts zu kaufen, denn der Bäckerladen war ausgebrannt und der Konsum ausgeplündert. Wie groß war daher unsere Überraschung, als wir sahen, was die Amerikaner uns hinterlassen hatten! Jede Menge Büchsen mit Brot, Zwieback, Schmalz und Schokolade, lagen überall herum. Besonders das schneeweiße Brot war für uns Kinder etwas ganz Besonderes. Wir staunten nur noch, was wir im Haus und im Garten alles zum Essen fanden. Wochenlang konnten wir davon leben. Meine Eltern versuchten, aus den halbwegs noch brauchbaren Möbelstücken, notdürftig die Küche und zwei Schlafzimmer herzurichten.

Weiterlesen →

Das rote Fenster

Von Urte Skaliks

Gemurmel im Hintergrund. Ihre Gäste reden von der Angst vor Kellergespenstern. Renates Gedanken driften in frühere Zeiten ab. Die Sirene heult ums Haus. Alte Bücher auf dem Speicher, ein Gesangbuch, »Bis hierher hat mich Gott gebracht…«. Tiefflieger, krachende Äste, heulender Sturm. Hinter einem kleinen Fenster, einem Ausschnitt im Dunkel, der tiefrote Himmel. Diese Erinnerungen plötzlich. Bilder, Rufen. »Mutter! Mutter!«, »Ruhe hier, was sollen denn die Kinder denken? Gehen Sie endlich wieder da hinten hin und bleiben Sie bei den anderen sitzen! Zivilisten! Es passiert Ihnen hier schon nichts!« Bilder, Lärm. Feuer vor dem Kellerfenster. »Dies Kind soll unverletzet sein.«

Weiterlesen →

Das unbewältigte Trauma

Von Klaus Schwingel

Am 14. Mai 1940 wurde der Stadtkern Rotterdams innerhalb von zehn Minuten dem Erdboden gleichgemacht. Der Angriff der deutschen Luftwaffe war eigentlich nur ein Versehen. Denn aufgrund eines Kommunikationsfehlers war die Bereitschaft der Niederlande zu Kapitulationsverhandlungen nicht rechtzeitig weitergeleitet worden. So starben 900 Menschen aus Versehen, 80 000 wurden aus Versehen obdachlos, eine der schönsten historischen Hafenstädte wurde unwiederbringlich zerstört. An diesem Tag wurde ich geboren. Mein Leben begann in einem Krieg, dessen Folgen uns noch heute, sechzig Jahre danach, begleiten.

Weiterlesen →

Das verschwundene Fernglas

Von Lutz Menard

Es beginnt schon zu dämmern, als unsere Nachbarn, die alten Friedrichs, an der Wohnungstür klingeln. Ich öffne und muss erst einmal »hochziehen«, bevor ich »guten Abend« sagen kann, denn ein Taschentuch führe ich in meiner Hosentasche nicht. Ich bibbere immer noch vor Kälte. Meine Knie in den kurzen Hosen, auf die ich selbst im Winter nicht verzichten möchte, sind rot und blau gefroren, weil ich den ganzen Tag draußen bei der Versorgung der Flüchtlingstrecks durch das Jungvolk geholfen habe. Mutter hat die Friedrichs zum Abendessen eingeladen. Sie kämen an diesem Tag wahrscheinlich auch von allein zu uns herüber, aber die Einladung lässt wenigstens äußerlich den Eindruck entstehen, als sei alles noch normal. Friedrichs verbessern unsere geringen Lebensmittelvorräte mit ein paar eingemachten sauren Heringen. Für mich gibt es sowieso Milchsuppe mit Klimpern, das übliche Einerlei der letzten Wochen. Aus seiner Manteltasche zaubert der alte Friedrich dann eine Flasche Rotwein hervor, was Mutter zu einem erstaunten »Oh« veranlasst. Der alte Friedrich verweist auf die bekannte Tatsache, dass er von Hause aus Gastwirt sei. Trotzdem bleibt die Stimmung gedrückt. Keiner weiß so recht, wie man sich jetzt, nachdem die Front immer näher heranrückt, verhalten soll. Man spricht darüber, welche Bekannten sich mit der Bahn, die bis vor wenigen Tagen noch gefahren ist, bereits nach dem Westen abgesetzt haben. Gegenüber im Hotel liege noch genügend Militär, das uns notfalls in Sicherheit bringen würde, sagt Frau Friedrich und wiederholt diese Feststellung mehrere Male. Mutter schaltet das Licht aus, öffnet die Balkontür und zieht den Rollladen hoch. Aus der Ferne hört man deutlich Kanonendonner, über den sternenklaren Himmel zuckt flackerndes Licht wie ferne Blitze. Wir wagen einen Schritt auf den Balkon und können unten auf der Straße zwei Soldaten erkennen, die, wie es scheint, in aller Ruhe spazieren gehen. Mutter beugt sich über die Balkonbrüstung und ruft: »Was gibt es Neues von der Front? Sollen wir lieber in den Keller gehen?« Der eine der beiden antwortet, wir könnten uns ruhig in unsere Betten legen, es sei nichts zu befürchten. Die Erwachsenen kehren an den Tisch zurück, und Herr Friedrich schenkt den letzten Schluck Wein aus. Doch zum Trinken kommt keiner mehr.

Weiterlesen →

Der letzte Wagon

Von Annemie Fetten-Winklhofer

Fortsetzung von »Pusteblumen im Winter«

Sonderzug ins Land des Lächelns

Wieder einmal stehen wir in trostloser Dunkelheit und klammer eisiger Kälte mit unseren Gepäckballen und Koffern auf einer fremden Straße in einer Stadt, von der wir nur den Namen kennen: Neuwied. Wir strecken unsere steif gewordenen Glieder nach dieser nervtötenden nächtlichen Busfahrt. Neuwied. Wir sind sozusagen rausgeschmissen worden. Alle sind ausgestiegen, auch die Männer in Zivil. Die werden schon wissen, wie es für sie weitergeht. Kein auf Wiedersehen oder gar gute Wünsche für unsere Odyssee. Die verschwinden sang- und klanglos aus unserem Leben.

Weiterlesen →

Der Schuss

Von Klaus Schwingel

Aus dem Nichts schossen die metallenen Bestien urplötzlich über dem nahen Horizont empor, um sich sogleich auf die beiden erspähten Opfer zu stürzen. Wie Hornissen rasten sie in geringer Höhe über die unbestellten, kahlen Felder. Das Kind stand gebannt von dem Schauspiel und starrte mit großen, staunenden Augen in das aufblitzende Mündungsfeuer der beiden fliegenden Maschinengewehre. Bauer war noch zu unerfahren, die tödliche Gefahr zu erkennen, er versuchte instinktiv den Lärm abzuwehren und hob die kleinen Hände an die Ohren. Doch seine Mutter hatte ihn bereits am Arm gepackt und zog ihn von der Stelle, an der er gerade noch wie angewurzelt gestanden hatte, fort. Bauer stolperte und fiel. Aber seine Mutter ließ nicht los, sie zwang ihn, zog ihn, schleifte ihn über die unwegsamen Schollen. Rennend, stolpernd, schreiend erreichten sie den rettenden Wald, bevor die beiden heulenden Tiefflieger zurückkehrten.

Weiterlesen →

Der zweite Wunsch.

Von Annemie Fetten-Winklhofer

Es ist der Tag vor Heiligabend. Die Dämmerung ist hereingebrochen. Der Schnee vor der Tür löst sich langsam in kleine Rinnsale auf. Drinnen bei Großmutter ist es so richtig gemütlich. Das heruntertropfende Wachs der roten Kerzen im Adventskranz, der Duft der Bratäpfel und das ausströmenden Aroma des knisternden kleinen Tannenzweiges auf der Platte des Kamins vermitteln den Duft, der die Großmutter jedes Jahr in der Weihnachtszeit begleitet hat. Und nun soll sie wieder einmal erzählen, wie das “damals” war, Weihnachten 1945. Die rothaarigen Zwillinge hören nicht auf zu bitten. Die beiden Enkel sind ganz schön hartnäckig für ihre 6 Jahre.

Weiterlesen →

Die Butterfront

Von Hans Fillbrandt

Ich war gerade 17 Jahre alt. In der Kleinstadt mit ihren 3000 Einwohnern in der Nähe von Danzig, in der ich aufgewachsen war, lebten wir wie in einer Dorfgemeinschaft. Wir kannten uns fast alle. Der Krieg nahm immer mehr an Härte und Brutalität zu. Menschenmaterial wurde an der Kriegsfront verheizt. Die Blüte der Jugend wurde im viel zu frühen Alter im Kampf für das Vaterland gefordert. Der größte Teil der Jugend wurde zur Infanterie oder Waffen SS einberufen.

Weiterlesen →

Die Russen lassen uns laufen

Von Eberhard Schmidt

Ende September 1945 verließ ich mit meiner Mutter die von russischen Truppen besetzte Insel Rügen. Ich war acht Jahre alt. Unser Ziel: den von den westlichen Alliierten kontrollierten Teil Deutschlands zu erreichen. Wochenlang waren wir auf Achse und fragten uns täglich: wie geht es weiter, ohne Proviant und ohne ein Dach über dem Kopf. Wieder im Straßengraben übernachten oder vielleicht doch in einer Scheune unterkriechen? Stets waren wir in panischer Angst, von russischen Patrouillen gefasst oder von Landsleuten denunziert zu werden.

Weiterlesen →

Flucht und Ausweisung

Von Barbara Siwik

Zu meinen Kindheitserinnerungen gehören verdunkelte Fenster, Sirenen und überstürzte Fluchten in den Luftschutzkeller. Jede harmlose Sirenenübung der Feuerwehr jagt mir noch heute einen Schauer den Rücken hinunter, weil der Ton gekoppelt ist an diese nächtlichen Vorgänge, die mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegen.

Als die Front damals näher rückte, blieb es nicht mehr bei der nächtlichen Flucht in den Luftschutzkeller. Die Bevölkerung der östlichen Gebiete Deutschlands wurde evakuiert. Das war im Februar 1945. Es lag Schnee.

Weiterlesen →

Lappen Ella

Von Heidrun Schaller

Räume, Orte, Menschen, Fahrzeuge, ein wirres Kaleidoskop. Immer wieder einpacken, aufbrechen. Die »Lappen Ella« an die Brust gedrückt. Ihr, der Lumpenpuppe, flüsternd Geschichten erzählen, sie aufmuntern, um die eigene Angst zu verlieren. Einer Liebe, die in all dem Chaos Sicherheit, Geborgenheit gibt, damit Angst und Schrecken, die permanente Ungeborgenheit nicht überhand nehmen, sich nicht ausbreiten, nicht lähmen oder sich in einem Gebrüll zur falschen Zeit Bahn brechen: »Um Gottes Willen Kind, sei bloß still, du bringst uns noch alle ins Grab!« Damit keiner ihre Anwesenheit bemerkt und Schlimmeres, als dieses Kind sich je vorstellen kann, geschieht. Ein Kleinkinderleben in dieser Zeit. Kein zu Hause, kein Raum, kein Ort, nur eine Lappenpuppe als Stütze, in dieser aus den Fugen geratenen Welt.

Weiterlesen →

Mein Kriegsende

Von Max Brink

Es waren junge Soldaten. Schüler, gerade 15 Jahre alt, als  sie Anfang 1944 als Luftwaffenhelfer zu einer Flugabwehrbatterie eingezogen wurden. Diese lag zum Schutz eines großen Stahlwerkes in Georgsmarienhütte.
Ich war einer von ihnen. Und zwar der Jüngste des Jahrgangs 1928, der als letzte Altersstufe zur Flugabwehrkampfwaffe (Flak) verpflichtet wurde.

Dreimal in der Woche fuhren wir Jungen zu unserer Schule nach Osnabrück, um neben dem Dienst in der Stellung dennoch das Schulpensum zu erreichen und den geistigen Anschluss nicht zu versäumen. In der übrigen Zeit standen wir bei Tage und in den Nächten an der Kanone. Ein erfahrener Geschützführer hatte das Kommando. Alle  anderen Gefechtspositionen wurden durch uns Luftwaffenhelfer besetzt, um die älteren Flaksoldaten für die Fronteinsätze in Ost und West freizusetzen. Nur scheinbar waren wir in der fliegerblauen Uniform mit den HJ-Armbinden noch Hitlerjugend, die Wirklichkeit hatte schnell und gründlich Soldaten aus uns gemacht.
An einem Februartag 1945, wurden wir mit unseren Geschützen auf die Bahn verladen. Stellungswechsel. Es ging nach Handorf bei Münster. Dort wurde der Luftabwehr-Ring um den Nachtjagd-Einsatzhafen der Luftwaffe durch unsere Batterie verstärkt. Als Ergänzung einer schweren Großkampfstellung der Flak wurde unser Zug mit mittelschweren Geschützen  für die Abwehr von Tiefangriffen eingesetzt. Die Luft war hier plötzlich wesentlich eisenhaltiger geworden.

Weiterlesen →

Monsieur Viktor

Von Annegret Kronenberg

Der Krieg führte uns zusammen,
dich, den gefangenen französischen Offizier,
der freiwillig bei meinem Großvater Dienst tat,
und mich, das kleine deutsche Mädchen.
In deinem Herzen brannte die Sehnsucht
nach Heimat und Familie,
in meinem die nach dem gefallenen Vater.
Wir ergänzten uns gegenseitig.
Du reichtest mir deine väterliche Hand,
stilltest meinen Wissensdurst.
Ich belohnte dich mit frischem Kinderlachen
und kindlicher Unbefangenheit.
Zärtlich nanntest du mich: »Bebe«,
und ich dich liebevoll: »Monsieur Viktor«. Jeden Sonntag erwartete ich dich ungeduldig
an dem großen Tor unserer Hofeinfahrt.
Vertrauensvoll legte ich meine kleine
Kinderhand in deine große Männerhand.
Fröhlich spazierten wir
über duftende Wiesen und Felder.
Die Feld-, Wald-, Wiesendüfte
betörten mich schon als Kind.
Lag es vielleicht an dir?
Voller Begeisterung erklärtest du mir
die Wunder der Natur.
Den Arm voller Wiesenblumen,
sangen wir lauthals
deine und meine Kinderlieder.
Flogen die Schwalben über unsere Köpfe,
warst du fest davon überzeugt,
dass sie dir Grüße aus Frankreich brächten.
Später habe ich so gedacht.

Weiterlesen →

Pusteblumen im Winter

Von Annemie Fetten-Winklhofer

Iversheim bei Münstereifel kurz vor Kriegsende

Kann man das Leben nennen, das wir hier führen, Anfang Februar 1945? Mit “wir” meine ich unsere übrig gebliebene kleine Familie: die Mama, den Hubert, unser Baby Brigitte und mich. Wir atmen noch in einem ständig von der feindlichen Artillerie beschossenen kleinen Dorf in der Voreifel. - Ja, Iversheim gibt es noch! In den verbauten engen kleinen Fachwerkhäusern ohne Kanalisation leben Menschen - an der Ley, eigentlich müsste es heißen “An der Erft”, denn diese plätschert ins Dorf hinunter. Eine Mauer und eine schmale Straße trennen das Flüsschen von den fast an den “Katzenberg” gelehnten Häuschen.

Weiterlesen →

Schreiben lernen mit Alu-Stricknadeln

Von Wilma Klevinghaus

Im Herbst 1945 begann ich meine Tätigkeit als Volksschullehrerin in einem pfälzischen Landkreis. Ich hatte ein paar Tage vor dem Eintreffen der Amerikaner gerade noch meine Ausbildung in der damaligen Lehrerbildungsanstalt mit dem 1. Examen abgelegt. Bis Ende 1944 hatte man sich zumindest in den ländlichen Gebieten bemüht, den Schulbetrieb wenigstens in den Volksschulen aufrecht zu erhalten, während die Oberstufen der Oberschulen bereits vollzählig zum »Schanzeinsatz«, also zum Ausheben von Schützengräben, eingezogen worden waren. Mit dem Eintreffen der Amerikaner, denen bald danach die Franzosen als Besatzungsmacht folgten, wurden im Frühjahr 1945 sämtliche Schulen geschlossen, die Abschlussklassen entlassen. Während dieser Zeit führte die Militärregierung sehr strenge Säuberungsmaßnahmen unter den Lehrern durch. Einige Wochen nach Kriegsende hatte ich mich in einer abenteuerlichen Fahrradtour (verbotenerweise; denn man durfte zunächst seinen Wohnort nur mit besonderer Genehmigung, die schwer zu erhalten war, verlassen) in mein heimatliches Dorf abgesetzt und wartete dort der kommenden Entwicklung. In unserm Landkreis wurden damals mehr als Dreiviertel aller Volksschullehrer vorläufig entlassen.

Weiterlesen →

Überschäumen (8. Mai 1945)

Von Barbara Becker

Die Milchkanne schlenkert um ihr Handgelenk, schlägt wider Willen gegen einen der Feldsteine am Rand der Dorfstraße, baumelt lange Minuten träge neben der Wiese mit dem Löwenzahn herum, klappert gegen den endlosen Lattenzaun, scheppert lustlos mit dem Deckel und hängt endlich zwischen braunen, grauen, karierten Wollröcken und Tuchjacken dicht über dem kühlen Terrazzofußboden im säuerlichen Dunst des Ladens.

Die käsige Luft schwingt vom erregten Flüster-Stimmen-Gewirr. Keine klaren Worte, kein verständlicher Satz. Fragende, gedämpfte, zweifelnde, ungläubig hoffende, zusichernde, bestimmt wissende, ängstlich-freudige Laute tropfen ihr in die Kanne, mit dem Achtellitermaß geschöpfte Juchzer perlen hinein; ein Viertelliter halblauter Jubel und glucksende Seufzer rinnen nach; warnende Töne und bedeutungsvolles Gemurmel füllen sie bis zum Rand. Das Geraune kondensiert ihr zu einer Gewissheit, wichtiger als Milch.

Weiterlesen →

Was Schlimmes

Von Barbara Becker

Dunkel war es gewesen, als die Mutter sie geweckt hatte. Sie hatte über das Hemdchen das Leibchen und darüber zwei Pullover und auch noch die Strickjacke anziehen müssen, und zwei Röcke. Eng war es im Mantel, gar nicht richtig warm, als sie in der kalten Januarluft zum Bahnhof trabten, die Mutter mit dem Koffer, der großen Tasche und dem Rucksack und sie mit den Schwestern an der Hand, Anna und Stänzel. Die sind noch klein, sagte die Mutter, du bist schon groß.

Weiterlesen →

1946

Drei Äpfel und eine Jauchegrube

Von Ute Eppich

Der Winter 1946/47 war bitterkalt. Wir froren jämmerlich, hatten weder gute warme Bekleidung, noch Geld, um Kohlen zu kaufen. Wir, das waren meine Mutter, meine zwei Geschwister und ich, sechseinhalb Jahre jung. Wir waren zwei Jahre zuvor in einem in Polen noch eisigeren Winter in einem offenen Viehwaggon aus Posen geflüchtet. Dabei waren mir beide Beine bis zu den Knien erfroren. Zwei Jahre später litt ich noch immer an den Folgen dieser Erfrierungen. Die Füße wurden bei der winterlichen Kälte glasig und rot, platzten auf und eiterten.

Weiterlesen →

Erwachen 1946

Von Alois Eder

Abschied nehmend geht entlang
Dr. Morgenstern die Kremsergasse
ihre Aura nochmals witternd bang
weil er ja die Stadt nun doch verlasse.
Seitdem man die Juden boykottiert
hat ein Rechtsanwalt hier keine Bleibe,
wo man jede Wand beschmiert
damit man sie ja rasch vertreibe.
Ungewiss scheint ihm das Los,
das in Palästina ihn erwartet,
Hier, St. Pölten schien Abrahams Schoß,
Heimatliebe ist ihm eingeartet.
Einsicht hat auch eine Zeit gebraucht,
dass es mit der Gegenliebe hapert
wer nun mit ihm redet, haucht,
weil die Furcht ihm schon dazwischen klappert.
Und auf niemanden ist jetzt Verlass,
auf Klienten nicht, auf Honoratioren
und die Gattin, einst voll Mut und Spaß,
gibt inzwischen auch den Kampf verloren.
Morgenfrühe ists und menschenleer
nur Frau Pittner ist schon auf den Beinen
quert die Straße zu ihm her,
Abschied nehmend, will ihm scheinen.
Ach, er kennt die Zeichen nicht,
streckt die Hand schon aus zum Schütteln,
da spuckt sie ihm in sein Gesicht,
an ihrem Rassestolz lässt sie nicht rütteln.
War der Führer doch bei ihr zu Gast
nach dem Bad in der St. Pöltner Menge,
des Triumphzugs letzte Rast
im St. Pöltner Grand-Hotel-Gepränge.
Doch die Tausend Jahre gehen schnell,
weil, eh mans gedacht’, die Russen kommen,
aus Frau Karolines Grand-Hotel
wird das Hitlerbild gar bald entnommen.
Auch in Palästina vergeht die Zeit,
der Doktor hasst das südlichere Klima,
das Heimweh macht die Herzen weit,
St. Pölten lockt im Zweifel noch immer.
Bald geht er in Erinnerung
durch kriegsbedingt stark veränderte Gassen
vermisst den alten kecken Schwung,
sie haben alle stark Haare gelassen.
Als ob die Synagoge sie,
die in der Reichskristallnacht zerstörte,
angesteckt hätte, man weiß nicht wie,
und das Virus bald alles verheerte.
Ein Bombenteppich, seine Fransen ziehn,
sich südlich hin bis zur Stadtmitte:
die arme Stadt, jetzt dauert sie ihn,
lenkt er durch sie seine Schritte.
Gewichen ist das Hakenkreuz
dem roten Stern und roten Parolen.
Viele sind bitter, manche reuts,
viele durfte der Teufel schon holen.
Statt Hitler- heißt es nun Stalin-Platz!
Wie voreilig sie sind mit Namen!
Je rascher benannt, umso kürzer hats
meist gedauert: in Ewigkeit Amen!
Die Kremsergasse, noch unbelebt,
durch die einst Hitler gefahren,
und wieder Frau Karoline, er hebt
die Hände, um sich zu bewahren.
Sie quert die Straße, doch diesmal zuckt
Dr. Morgenstein einmal vergebens,
denn sie streckt die Hand aus, statt dass sie spuckt,
und macht ein großes Aufhebens:
“Herr Doktor, dass nur Sie wieder da
sind! Seit wann wieder in diesen Landen?”

Weiterlesen →

Flucht aus Wimmersbüll

Von Lutz Menard

Wir, meine Mutter, meine zwei Jahre jüngere Schwester (10) und ich, waren nach der Vertreibung aus unserer pommerschen Heimat im April 1946 und einer gar nicht lustigen Seefahrt von Stettin nach Travemünde auf einem ehemaligen deutschen Truppentransporter im Auffanglager Wimmersbüll bei Niebüll in Schleswig gelandet. Und bald fürchteten wir nichts so sehr, als unser weiteres Leben auf einer Sanddüne fristen zu müssen. Doch eines Tages hieß es, dass wir auf Dauer bei einer Familie im Dorf eingewiesen werden sollten. Erste Vorbereitungen wurden schon getroffen. Wir wurden wieder einmal neu registriert, und die Engländer in der Lagerverwaltung drückten Mutter sogar ein paar zerfledderte deutsche Banknoten in die Hand. Bevor wir aber unsere wenigen Habseligkeiten zusammensuchen konnten, gab es eine dicke Überraschung.

Weiterlesen →

1952

Abgelehnt

Von Marliese Eifert

Zu Weihnachten wurden Lichter ins Fenster gestellt - um die Verbundenheit mit den »Brüdern und Schwestern« im Osten Deutschlands zu zeigen. Päckchen wurden geschickt…

»Wann werden endlich die Grenzen zwischen West- und Ostdeutschland aufgehoben sein«?

Das schrieb ich in einer Tagebuchnotiz am 1.1.1955.

Mit dreizehn Jahren habe ich mit allergrößtem Interesse die Diskussion um die Stalinnote verfolgt. Erich Dombrowski schrieb unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Stalinnote (10.3.52) die Kommentare in der Mainzer Allgemeinen Zeitung. Später äußerte sich Paul Sethe zur Chance der Wiedervereinigung. Insbesondere die Meinung Paul Sethes hat mich überzeugt: Nahezu alle westlichen Forderungen - insbesondere freie Wahlen in Ost und West waren 1952 erfüllt worden. Aber die Wiedervereinigung fand nicht statt! Abgelehnt! Die Chance war vertan.

Weiterlesen →

1953

»Wir sind Handwerker!«

Von Heinz-Georg Barth

Am 17. Juni 1953 arbeitete mein Vater wie immer im Malergeschäft seines Vaters Willi Barth. Im Radio wurde von Unruhen und Demonstrationen berichtet. Am Nachmittag kam Dieter, ein Malerlehrling, zu uns. Ich spielte auf dem Hof. Dieter fragte nach meiner Mutter. Ich rief sie und hörte, wie er zu ihr sagte: »Frau Barth, Ihren Mann haben die Russen mitgenommen.« Meine Mutter war geschockt und starrte ins Leere, ehe sie leise fragte: »Dieter, wieso denn das?« Sie hatte die Hände vors Gesicht geschlagen, während der Lehrling erzählte: »Ja, am Schönebecker Bahnhof hat Ihr Mann von der Treppe aus zu den Menschen gesprochen. Dann kamen die Russen mit Panzern. Aus der Menge haben sie einige rausgegriffen. Den Wilhelm haben sie auch weggeholt. Als sie den hatten, hat Ihr Mann ihn befreien wollen und zum Widerstand aufgerufen. Als die Russen vordrangen, wollte er abhauen, stolperte aber über sein Rad. Dann haben die Russen ihn mitgenommen. Mehr weiß ich nicht, bin vor Schreck gleich abgehauen.«

Weiterlesen →

Ballspiele

Von Julian S. Bielicki

Ich erinnere mich, daß ich als kleines Kind im Park unserer Wohnsiedlung in Warschau, sehr gerne mit meinem Ball am Denkmal eines Herrn mit großem Schnurbart gespielt habe. Ich habe den Ball gegen das Denkmal aus rotem Sandstein geworfen, und der Ball sprang wieder zu mir zurück, der joviale Herr auf dem Sockel, es war nur sein Kopf, lächelte mir dabei freundlich zu. Eines Tages war der Kopf weg, zugleich sah ich den Kopf dieses Herrn auf der Titelseite unserer Kinderzeitschrift, schwarz umrandet. Ich war gerade drei Jahre alt.

Weiterlesen →

Die seltsame Parade

Von Heidrun Schaller

Ein fremdartiges Brummen, Dröhnen lag in der Luft, die Fensterscheiben zitterten. Sie stürzte zum Fenster und sah aus ihrer luftigen Höhe aus dem dritten Stock in der Warschauer Str. 165 in Ost-Berlin, Panzer durch die Straße rollen. Voller Freude entdeckte sie kyrillische Buchstaben. Das sind russische Panzer, dachte sie, da fahren Russische Soldaten, mit denen kann ich endlich mal wieder Russisch sprechen. Vielleicht ist ja auch einer aus Leningrad dabei.

Weiterlesen →

Tod Stalins

Von Jan Ulrich Hasecke

Als am 4. März 1953 der Tod Stalins bekanntgegeben wird, hält die Welt den Atem an. Ein Mythos war tot. Für fast drei Jahrzehnte hat Stalin die Sowjetunion mit stählerner Hand regiert. Millionen Menschen sind seiner Politik zum Opfer gefallen.

Der Georgier Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili wurde am 21. Dezember 1879 geboren. 1903 schloss er sich Lenin an, nach dessen Tod er durch Ausschaltung seiner Gegner zum Alleinherrscher wurde.

Stalin hatte große Ziele. Rücksichtslos verwandelte er die Sowjetunion innerhalb weniger Jahre in einen modernen Industriestaat. Der Kollektivierung der Landwirtschaft fielen dabei 11 Millionen Menschen zum Opfer. Bei der “Großen Säuberung” in den Jahren 1936 bis 1939 wurden über 8 Millionen Menschen verhaftet, die Straflager Sibiriens füllten sich bis 1942 mit über 12 Millionen Menschen. In monströsen Schauprozessen rechnete Stalin mit seinen Gegnern in Partei und Armee ab.

Weiterlesen →

Wie ich diese langen Strümpfe gehasst habe!

Von Christian Erich Rindt

Vor mir liegt das Foto. Format 6x9, schwarz-weiß, mit weißem, gezacktem Rand: ein sechsjähriger Junge im Museumspark in Braunschweig, schon ziemlich aufgeschossen für sein Alter, eine glänzende Schultüte im rechten Arm, das Butterbrot-Täschchen vor der Hüfte hängend. Sein Kopf ist leicht zur Seite geneigt, das aschblonde Haar sauber gescheitelt. Schüchtern und ein wenig verschämt grinst er in die Kamera. Er trägt einen quergestreiften Pullover, eine gestrickte, kurze Hose mit Trägern. Und lange Wollstrümpfe. Das linke Knie hat er vorgeschoben, seine Gestalt wirkt merkwürdig eingeknickt.

Weiterlesen →

1955

Der alte Stenogrammblock

Von Gudrun Plett

Haushaltsgründung 1955

Im Nachlass meines verstorbenen Vaters fand ich einen alten Stenogrammblock. Offenbar benutzten meine späteren Eltern ihn als Mittel zur Kommunikation:

Am 1. Februar 1955 durften sie ihre Wohnung beziehen, für diesen Neubau hatte mein Vater damals DM 1.500,00 so genannten “verlorenen Baukostenzuschuss” zu zahlen. Meine Eltern heirateten am 19. Februar 1955, und die nachfolgenden Briefe sind innerhalb dieser Zeit (vom 1. bis 18. Februar 1955) geschrieben worden. Da meine Mutter an sechs Tagen pro Woche im Büro arbeitete und mein Vater anscheinend zu der Zeit Nachtschicht hatte, auch an den Wochenenden, war dieses die einzige Kommunikation zwischen ihnen. Ein Telefon hatte nur meine Mutter an ihrem Arbeitsplatz.

Weiterlesen →

Mein liebes Kind - weißt du, das war so…

Von Annemarie Fetten-Winklhofer

…Zechen - Fördertürme - Staub - Bergleute

»Ach Kind, weiße, dein Opa, dat war noch son richtiger Malocher, damals in den Fünfziger Jahren. Da waren noch 48 Wochenstunden Pflicht - auch samstags und sonntags mussten die Kumpels innen Pütt, die Kohle befördern. Die brachte Geld! Die Fördertürme durften nicht stille stehn. Dat war haate Knochenarbeit, wenn die Kumpels unter Tage in der siebten Sohle die Kohle locker machten und auf die Loren schippten. Und schwatt waren die, schwatt, wenn die wieder oben waren und in den Kauen unter die Duschen gingen. Die schwarzen Augenränder kriegten die mit Wasser und Seife nicht weg. Aber dat alles wurde gut bezahlt! Viele Männer arbeiteten unter der Erde im Pütt. Die schwarzen Diamanten - so sachte man damals - braucht heute keiner mehr. Kameradschaft war bei denen kein Fremdwort. Kuck mal hier, ich hab noch die Grubenlampe von deinem Opa im Büfett! Dat war ihr einziges Licht unter der Erde. Ihre Lampen trugen die Bergleute um ihren Hals, wenn sie durch die von ihnen in den Stein geschlagenen unterirdischen Gänge robbten. Diese Lampe halte ich in Ehren!

Weiterlesen →

1958

Du Oma, wer war Hitler?

Von Marianne Bunyan

Gut bürgerliches Neukölln, Hobrechtstraße, Seitenflügel, 2 Treppen. Dunkelbraun lackierte Holztreppen und gedrechselte, stets auf Hochglanz polierte Geländer. Die Frau des Hausmeisters verbrachte Stunden damit, jede einzelne Rundung blitzblank zu polieren. Alles musste zwanghaft glänzend und reinlich sein, geradeso als müsste fortwährend das Image von Fleiß und Sauberkeit zur Schau gestellt werden. Deutsche Tugenden, die einzigen, die uns geblieben waren?

Wir Kinder mussten uns stets leise durch den Hausflur schleichen, wenn uns der Portier nicht erwischen sollte. Er flößte uns Angst ein, regelrecht panische Angst. Er kannte kein Pardon und jeden, den er von uns Kindern erwischte, packte er am Kragen, kniff ihn, haute ihm eine Ohrfeige oder drosch gar mit einem Stock auf ihn ein. Bestenfalls hielt er eine Standpauke mit der Androhung, er würde uns noch kriegen und uns das Jackstück so vollhauen, dass wir es nie vergessen würden. Im Hausflur herrschte ein schnelles Laufen, ein lauteres Kichern und das, was man als Herumlungern bezeichnete, was bei den Alten die Wut auf Kinder und die verkommene Generation und bei uns sehr langsam und vorsichtig aufkeimenden Widerstand hervorrief. »Olle doofe Potsche« grölten wir frech von der Ferne, wenn wir die Frau des Hausmeisters sahen und uns in Sicherheit wähnten, doch irgendwann einmal mussten wir irgendwie an der Observationstür vorbei kommen, um nach Hause zu gelangen. Und somit wurde jeder Tag ein Kampf mit neuen Überraschungen, die es sonst kaum gab.

Weiterlesen →

1963

Und morgen werde ich 21

Von Jutta Miller-Waldner

Steffi sitzt am Küchentisch, schnippelt Tomaten, Gurken, Zwiebeln für die Salate. Wischt sich eine Träne von der Wange. Lauscht ihrem Lieblingsschlager im Radio: Young love - first love. »Morgen bin ich volljährig«, denkt sie, »endlich 21. Dann kann mir keiner mehr was sagen, dann kann ich nach Hause kommen, wann ich will. Und was wird sich ändern? Mutti wird mir weiterhin jede Minute vorwerfen, die ich zu spät komme, was Vati denkt, weiß ich nicht. Nur schade, dass morgen Totensonntag ist. Da bringen sie nur ernste Musik im RIAS. Aber macht nichts, ich habe ja meine Platten. Elvis Presley, Bill Haley und so. Rock around the clock. Und tanzen werden wir, egal, was die Nachbarn denken.«

Weiterlesen →

1966

Eine Geschichte von unten

Von Andrea Heinisch-Glück

Vorher und nachher ist es immer dunkel. Wegen der Nacht. Damit aber die dort wissen, wo oben und unten ist, haben sie sich die ganze Grenze hell erleuchtet. Für das Oben haben sie kleine Türme gebaut, in denen sie sitzen und herunter schauen können. Für das Unten haben sie sich einen Liegespiegel mit Rollen und einer langen Stange dran gebastelt. Da müssen sie sich nicht auf den kalten und dreckigen Boden legen und können trotzdem das Auto von unten sehen.

Weiterlesen →

1968

68er Aroma

Von Adolphe Lechtenberg

Einige Beimengungen aus der Zubereitungsmasse: 11. April 1968 Attentat auf Rudi Dutschke - 29. Mai 1968 Billigung der Notstandsgesetze im Bundestag - Krieg in Vietnam - 20/21. August 1968 Überfall der Warschauer-Pakt-Truppen auf die Tschechoslowakei - Herbst 1968 schwere Hungersnot in Biafra - 21.-27. Dezember 1968 zehn Mondumkreisungen der USA-Raumfähre

Wenigstens in der Quizsendung von Hans-Joachim Kulenkampff gab es jedesmal einen, der gewinnen würde. Und sonst? Im Wohnzimmer. Im Fernsehen. In den Zeitungen. Panzer rollten. Maschinengewehre wurden geputzt. Gummiknüppel wüteten. Benzin wurde in Flaschen gefüllt. Herr Jesus sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. In der Sprache gab es keine Übereinkünfte mehr, vertraute Worte verloren den familiären Zusammenhang und wurden zu Belastungsfaktoren für das Wohlbefinden. Ränder von Formen weichten auf. Neugierige Arglosigkeit schaltete Frühwarnsysteme ab.

Weiterlesen →

Altes Spiel mit neuen Regeln

Von Christopher Ray

Frankfurt - Bockenheimer Warte - Café DO

Ein Steinwurf von der Uni. Nur warf man auf´s DO keine Steine. Man setzte sie dort - Meilensteine. Ulrike Meinhof, Baader…

…später Cohn-Bendit.

Erst im DO gesessen, dann zur Hausbesetzung.

Doch es gab auch wirklich revolutionäre Aspekte.

Weltbilder wurden geändert - im DO. Das Verhältnis von Mann und Frau wurde neu definiert. 1968 die eigentliche Revolution.

Bis zu diesen Tagen gab es noch “das Ritual”.

Weiterlesen →

Are you experienced?

Von Christian Erich Rindt

*Are you experienced?

Have you ever been experienced?

Well, I have

(Jimi Hendrix)*

Abends um elf erreichen wir endlich Joe’s Wohnung.

Dirks Freundin Karin ist auch mitgekommen, aber sie ist müde, und legt sich gleich ab. Außerdem ist ihr unser Vorhaben hochgradig suspekt.

Nach 5 Minuten:

“Merkst du was?”

“Nö!”

Eine halbe Stunde später:

“Merkst du immer noch nichts?”

“Nein, nichts.”

So langsam schleicht sich der Verdacht ein, Lindas Bekannter könnte uns abgelinkt haben.

Weiterlesen →

Die Frau ist uns um Jahre voraus

Von Christian Erich Rindt

Ende September 68 war Micks Lehre beendet. Er hätte zwar sofort in einem kleinen Laden in Kronshagen als Geselle anfangen können, aber der Meister hatte zur Bedingung gemacht, dass er sich die Haare abschneiden ließe. Und das wollte Mick auf keinen Fall. Ohne seine schulterlangen Haare wäre er sich nackt vorgekommen. Also war Mick arbeitslos. Achtzehn Mark Stempelgeld gab es in der Woche - nicht genug zum Leben, aber ein klein wenig zu viel zum Sterben. Mick hatte nun viel Zeit, und er beschloss, politisch aktiv zu werden. In der ›Bunten Bude‹ in Kiel hatte er einige linke Studenten kennen gelernt - Udo, Charly, Martin und noch ein paar andere. Mit Udo hatte er sich gleich angefreundet, weil ihm dessen bescheidene, aber dennoch souveräne, Art beeindruckte. Udo studierte Biologie, und schrieb offiziell an seiner Doktorarbeit. In Wirklichkeit aber widmete er seine Zeit vor allem der politischen Arbeit im SDS und dem ASTA. Er war ein stiller und ernster Mensch, nur wenn es um Politik ging, wurde er lebhaft. Udo stammte aus einfachen Verhältnissen und war ein glühender Verfechter einer ›proletarischen Linie‹. Er meinte es ernst, strebte eine wirkliche Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die ›proletarische Revolution‹ an. Zusammen mit anderen diskutierten sie ganze Nächte über Politik - bis zur Sperrstunde, meistens in der ›Bude‹ und danach oft noch bis zum Morgengrauen in einer der Wohngemeinschaften, in denen viele der linken Studenten jetzt lebten. Dass nur der Marxismus die geschichtliche Entwicklung richtig erklären konnte, war gar keine Frage. Marx hatte als erster erkannt, dass der geschichtliche Prozess vor allem durch die Auseinandersetzung der Klassen mit ihren widerstreitenden Interessen vorangetrieben wurde. Und er hatte folgerichtig vorhergesagt, dass der Kampf um die Vorherrschaft in der Gesellschaft erst dann zu einem Ende kommen würde, wenn das Proletariat, die zahlenmäßig stärkste, politisch und wirtschaftlich aber schwächste Klasse, die Macht übernommen hätte. Die Frage war nur, wie und mit welchen Mitteln sich die Revolution herbeiführen und beschleunigen ließe, denn es war nicht zu übersehen, dass das viel beschworene Proletariat - zumindest in den entwickelten, westlichen Ländern - überhaupt nicht daran dachte, diese Macht anzustreben. Udo war der Vordenker des kleinen Kreises, dem Mick nun angehörte. Er überzeugte alle davon, dass der ›blinde Aktionismus‹ und der ‘Spaß-Kommunismus’ vieler linker Studenten absolut kontraproduktiv wäre und die ›arbeitenden Massen‹ verschrecke und düpiere.

Weiterlesen →

Die Geschäftsreise

Von An O'Nymes

Der Sommer, in dem alles möglich war.

Wissenschafter der unterschiedlichsten Richtungen versuchen seit einigen Jahren, jenen heißen Sommer mit dem Beginn der Informationsflut und der damit verbundenen sexuellen Aufklärung, die damals ihren Anfang nahm, zu erklären. Doch wer jenen Sommer bewußt erlebt hat, weiß, daß an dieser Erklärung mehr als nur etwas faul, und daß dies Gelaber einfach nicht wahr ist.

Es war, als täte sich etwas Unerklärliches im Innern der Erde und oben, in den Lüften. Es kam von oben und unten, umwehte uns sanft, wurde stärker und riß uns mit sich. Es kann nicht nur an der Trockenheit, der Dürre und Hitze jenes Sommers gelegen haben. Es lag in der Luft, war überall, wo ich gerade war, gerade ankam: Zürich, Paris, Berlin, New York, Los Angeles, London - Aufbruch- und Abstreifstimmung, die Pilzköpfe, Jazz, Samba, der Tanz der Straßen endlich auf den Straßen, aufgeregte Politiker und aufmüpfige Professoren im gleichen Boot, am Ufer die geschockten Lehrer und die Erwachsenen mit ihren verständnislosen Blicken, und überall: schier unerschöpfliche Energien.

Weiterlesen →

Mai 68 in Paris

Von Melanie Delfft

Daß Mai achtundsechzig sich nähert, merke ich nicht. Ich wohne weit weg vom Studentenviertel, lese nie Zeitung, was in Deutschland vor sich geht, dringt nicht bis zu mir und als es ausbricht, ist es für mich ein persönliches Abenteuer. Als die Studentenunruhen anfangen, spitze ich natürlich die Ohren, verfolge am Radio was passiert. Und ich fange an, Zeitung zu lesen, doch bald gibt es die nicht mehr. Die Studenten bringen die Gewerkschaften dazu, sich ihrer Bewegung anzuschließen, was sie schließlich aus ganz anderen Motiven tun. So funktioniert nach und nach gar nichts mehr, es gibt keine Verkehrsmittel, keine Post, der Abfall wird nicht abgeholt, den Geschäften fangen die Waren an auszugehen. Paris ist ein Kindergarten geworden, wo man Revolution spielt. Ich komme morgens auf die Straße, da stehen am Rand des Bürgersteigs die vollen Abfalltonnen, jeder stellt, legt seinen Beutel einfach dazu, obendrauf. Man sieht Ratten hin und her huschen. Die Luft ist geschwängert vom Verwesungsgeruch tierischer und pflanzlicher Substanzen. Durch die Abfallhügel wandern die Menschen. Die meisten haben es aufgegeben, zur Arbeit zu fahren. Es hat keinen Zweck, sich in die Blechschlangen einzureihen, weil sie sich kaum bewegen. Und im Büro, an der Arbeitsstelle, da gibt es nichts zu tun. Niemand kann sich bewegen. Paris ist ein Festival des Chaos, ein Fest der derben Aussprüche. Quel bordell. Une pagaille. „Chienlit“, sagt de Gaulle, holt ein altes Wort aus der Versenkung. Jeder wiederholt und lacht in sich hinein. So ein Spaß. Ein fröhlicher Ausnahmezustand. Alle sozialen Taue sind gerissen, die da oben haben nichts mehr zu sagen, schließlich sind wir die Bürger, wir haben sie dahin gehievt, nun müssen sie uns mal zuhören, wir haben was zu sagen, der kleine Mann der Straße hat eine Unmenge zu sagen, und der junge Student weiß genau, wie die menschliche Gesellschaft zu sein hat, weniger Strukturen, mehr Selbstbestimmung. In den Straßen läuft ein poetischer Surrealismus um, an jeder Straßenecke stellen sich vollkommen Unbekannte zusammen und diskutieren. Jeder weiß was passiert und noch mehr, die privaten Radiosender sind mitten in der Aktion, die staatlichen außer Dienst. Da werden Bäume gefällt, Büros geplündert, Autos überkant gerollt, hohe Barrikaden gebaut. Das kennt man, so steht das in den Geschichtsbüchern. Aus den Chausseen bricht man die Basaltsteine, häuft sie auf die Barrikaden, schickt sie der vorrückenden Polizeimacht entgegen. Alle sind in einem Freiheitsrausch, wo alles erlaubt ist, die Verantwortung ist bei der Revolution. Die Barrikaden schließen die Straßen, doch öffnen einen neuen Weg.

Weiterlesen →

So wahr ich Sergej Iljitsch Eisenstein heiße

Von Christian Erich Rindt

Als Mick gegen Ende seiner Lehrzeit einsah, dass das Handwerk - zumindest für ihn - keinen goldenen Boden hatte, meldete er sich auf dem Abendgymnasium an. In seiner Klasse waren etwa 20 junge Leute, im Durchschnitt Mitte zwanzig. Ein gutes Drittel der Klasse war wie Mick eindeutig links, ein weiteres Drittel konnte man der »bürgerlichen Mitte« zurechnen, und der Rest war unpolitisch, nur am eigenen Fortkommen interessiert.

Einige der Lehrer kannte Mick noch von seiner alten Penne, aber trotzdem war alles ganz anders als früher. Der Lateinunterricht beim alten Olsen, den er schon in der Quarta gehabt hatte, wurde zum Aha-Erlebnis, denn er schrieb nun Einsen und Zweien, während er früher immer zwischen vier und fünf gependelt hatte. Am interessantesten aber waren Deutsch und Geschichte. Der Lehrer war sehr engagiert, offensichtlich machte ihm der Unterricht mit den jungen Erwachsenen großen Spaß. Jedem Thema, das er im Unterricht anschnitt, war auch eine gesellschaftspolitische Dimension abzugewinnen, und so gab es immer Stoff für heiße Diskussionen. Die Linken in der Klasse waren - von wenigen Ausnahmen abgesehen - die eloquentesten und auch streitlustigsten. Entsprechend groß war auch der Raum, den sie im Unterricht für sich beanspruchten. Und der Lehrer schien erfreut, dass es in seinem Unterricht so lebhaft zuging. Er bezog zwar selbst keine Position, aber man konnte mit Recht vermuten, dass auch sein Herz im Grunde links schlug.

Weiterlesen →

1969

Spinning Wheels

Von Christian Erich Rindt

What goes up must go down.

Spinning wheel gotta go round,

talking ‘bout your troubles its a crying sin,

ride your painted pony, let the spinning wheel spin.

You got no money and you got no home,

spinning wheel, all alone,

talking ‘bout your troubles and you never learn,

ride a painted pony let the spinning wheel turn.

Did you find the directing sign on a straight and narrow highway?

Weiterlesen →

1970

Der Kniefall

Von Egmont

Erinnerungs-Reise in drei Bildern

Erstes Bild:

Ein Fernsehbild, schwarz-weiß noch in jenen Tagen - und natürlich auch an jenem Wintertag des Jahres 1970, als er sich ereignete: der Kniefall Willy Brandts vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos. Er ereignete sich im Fernsehen. Heute würde man sagen: er ereignete sich für das Fernsehen, wie überhaupt nahezu alles von einiger Bedeutung sich ereignet, um gesendet zu werden.

Damals aber, dachte ich nicht daran, dachten wir alle nicht daran, daß es das Fernsehen war, das uns den Kniefall zeigte. Er geschah - wenn auch in der Tagesschau des ersten Programms. Aber das war nicht wichtig. Er geschah, wie es uns damals schien, für uns, was damals hieß: für uns fernsehende Familienmitglieder, die der Dramaturgie des Ablaufes auf dem Bildschirm mit gespannter Aufmerksamkeit folgten.

Weiterlesen →

Der Kniefall Willy Brandts

Von Jan Ulrich Hasecke

Am 7. Dezember 1970 unterzeichnet Bundeskanzler Willy Brandt in Warschau einen Vertrag über die Normalisierung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen. Im Warschauer Vertrag wird die Oder-Neiße-Linie als Westgrenze Polens anerkannt und auf gegenseitige Gebietsansprüche verzichtet.

Durch eine unerwartete Geste wird der Besuch Brandts zu einem Wendepunkt in der deutsch-polnischen Geschichte. Bei einer Kranzniederlegung am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus im ehemaligen Warschauer Ghetto kniet Brandt plötzlich nieder. Der Kniefall Willy Brandts wird in der ganzen Welt als Zeichen der Versöhnung verstanden, als Bitte um Vergebung für die Verbrechen, die im Zweiten Weltkrieg in deutschem Namen begangen wurden.

Weiterlesen →

1974

Nur eine Bombe

Von Max Brink

Er hörte es in den Abend-Nachrichten.

In der westfälischen Stadt Rheine war am Nachmittag eine Bombe explodiert. Ein Blindgänger aus dem zweiten Weltkrieg. Ein schreckliches Ereignis, denn ein Bauarbeiter war bei diesem Unglück um sein Leben gekommen. Es war ein Toter zu viel.

Was war geschehen?

In der Stadt wurde ein neues Geschäftszentrum geplant. Direkt gegenüber vom Bahnhof. Die Vorarbeiten für dieses Objekt waren mit den Ausschachtungsarbeiten und der Trümmerräumung in vollem Gang. Einige Häuser des engeren Stadtkerns mussten diesen Planungen weichen. Es waren alte Häuser und auch ehemals bebaute Bereiche, die nach den Kriegsschäden unbedingt einer Erneuerung bedurften.

Weiterlesen →

1975

Gleichberechtigung?

Von Petra Fastermann

Ich wurde 1966 geboren, also im letzten Jahr der Regierung Ludwig Erhards, mit dessen Namen man unwillkürlich selbst heute noch die Ära des so genannten Wirtschaftswunders verbindet. Wenig später sollten mit der Studentenrevolte ganz andere, für viele weniger beschauliche Jahre, in denen Pessimisten zeitweilig die Auflösung des Staates befürchteten, eingeleitet werden. Natürlich ging die zweite Hälfte der Sechziger für mich als Kleinkind recht ereignislos vorüber. Aus jener Zeit habe ich lediglich aus meiner eigenen kleinen Welt einen Krankenhausaufenthalt in deutlicher Erinnerung, bei dem mich Nonnenschwestern gegen meinen erklärten Willen mit Spinat zwangsfütterten, sowie einen Überfall mehrerer Kinder, die mir auf offener Straße ein trockenes Brötchen raubten, an dem ich friedlich gekaut hatte.

Weiterlesen →

1977

Die Schleyer-Entführung

Von Jan Ulrich Hasecke

Am 5. September 1977 wurde der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitsgeberverbände, Hanns Martin Schleyer, in Köln von einem Kommando der RAF entführt. Damit begann der “deutsche Herbst”. Er fand sein blutiges Ende mit der Erstürmung der gekaperten Lufthansa-Maschine in Mogadischu, dem Selbstmord der RAF-Häftlinge in Stammheim und der Ermordung Schleyers, der 45 Tage in der Gewalt seiner Entführer war.

Nach der Ermordung des Generalbundesanwalts, Siegfried Buback, am 7. April auf offener Straße und dem tödlich verlaufenen Versuch Jürgen Ponto, den Chef der Dresdner Bank, am 30. Juli zu entführen, war die Schleyer-Entführung der blutige Höhepunkt in dem selbsterklärten Krieg der RAF gegen den Staat.

Weiterlesen →

Jetzt ist es nicht mehr so

Von dirk schröder

Vom Einbruch des Schwachsinns in das tägliche Elend

Wann saßen wir zuletzt mit Tränen auf den Wangen vor dem Fernseher? Zwei Jahre zuvor. Biermann sang uns zu und durfte nie nie wieder nach Hause. Wir blieben die Nacht auf, im Wohnzimmer meiner Mutter, und diskutierten die Tränen weg. Aber nun? Nichts als Ratlosigkeit.

Guten Abend meine verehrten Damen und Herren. Die Nachrichten. Weltuntergang. Nach Informationen des Apocalypse Research Institute trat der Weltuntergang heute Nachmittag gegen 17.30 ein. Sport. Die internationalen Leichtathletikmeisterschaften in Athen brachten heute drei Gold- und eine Silbermedaille für das deutsche Team. Pakistan. Die Verhandlungen über den Atomwaffensperrvertrag wurden bis zum Abschluß der laufenden Testserie ausgesetzt. Das Wetter. Für Morgen wird kein Wetter vorhergesagt. Die Meldungen im einzelnen.

Weiterlesen →

1984

Die Verbesserung der Situation von ostdeutschen Frauen unter Trockenhauben in den 80er Jahren

Von Gilbert Dietrich

Um 1984 lernten wir in den vierten Klassen der zehnklassigen allgemeinbildenden polytechnischen Oberschulen der DDR für den Frieden. Bewaffnet waren wir fast immer. Unsere Waffen waren vor allem Stöcke, Handfeuerwaffen oder Lockenwickler mit Luftballons hinten dran. Aus den Lockenwicklern konnte man mit Erbsen schießen. Für den Getroffenen war das in aller Regel schmerzhaft aber ungefährlich. Nur wenn es mal ins Auge ging, war es schmerzhaft und gefährlich. Die Munition ging uns nie aus. Denn wenn es in der DDR etwas unbegrenzt gab, dann hartgeschrumpelte, blasse Erbsen. Die Vorstellung der Essbarkeit dieser Dinger wäre so bizarr gewesen, dass wir sie nicht entwickeln konnten. Hätten wir von der Essbarkeit unserer Munition gewusst, so hätten wir sie nur schlechten Gewissens als solche eingesetzt, weil wir für die Nöte und Kriege in Afrika durch Pioniernachmittage ausreichend sensibilisiert worden waren. Lehrer, Abschnittsbevollmächtigter, Eltern, stellvertretender Abschnittsbevollmächtigter und alle anderen Erziehungsberechtigten, im Grunde also alle Erwachsenen, sahen es nicht nur ungern, dass wir uns, trotz Hunger und Krieg in der Welt, mit Nahrungsmitteln abknallten, sie versuchten es auch zu verhindern.

Weiterlesen →

1986

1986

Von Andrea Heinisch-Glück

1986 begann 1989: Das Kind musste wachsen. Unbedingt wachsen. Kind, wachs doch, weil nach deinem dritten Geburtstag wirst du stehen bleiben. Keinen einzigen neuen Strich werden wir am Türstock mehr ziehen können. Kein Millimeter mehr. Kind, beeil dich. Kind, wachs schneller, die Zeit.

  • Eines Tages werden die Kirschbäume aufgeblüht gewesen sein. - Hatte Christa Wolf in der Zwischenzeit geschrieben. Nur wegen dem ROT der Kirschen, die gewachsen sind in den Jahren. Und abgefallen. Und wieder gewachsen. Und abgefallen. Und geblüht haben sie - hatte sich das halten lassen. Über die Jahre.

Weiterlesen →

Die Katastrophe von Tschernobyl

Von Jan Ulrich Hasecke

Am 26. April 1986 geschieht in einem ukrainischen Atomkraftwerk in Tschernobyl das angeblich im Restrisiko verborgene Unmögliche: der GAU.

Durch mehrere Bedienungsfehler gerät der Reaktorblock 4 außer Kontrolle, der Reaktor brennt durch, es kommt zu einer Explosion, das Kernkraftwerk geht in Flammen auf. Riesige Mengen Radioaktivität werden freigesetzt.

Zunächst soll der Unfall vertuscht werden. Die Bewohner der Umgebung ahnen nichts von der Gefahr. Manche sonnen sich unbekümmert am nächsten Tag vor ihrem Haus, beobachten neugierig den Reaktorbrand. Erst 36 Stunden nach dem Unfall beginnen die Behörden rund 200 Dörfer in der Umgebung des Reaktors zu evakuieren.

Weiterlesen →

Tschernobyl, der Umbruch

Von Lars Mezler

Ehemals war ich ein kleiner Schuljunge ohne Wissen und vor allem ohne Ahnung darüber, wie die Welt ihren Tanz auf’s Parkett bringt. Heute habe ich verstanden: was die Welt ausmacht, sind die Menschen in ihr und ihre Gedanken - sie sind es, die entscheiden, ob es ein langsamer Walzer oder ein Tango sein wird. Sie sind es, die entscheiden, wie schnell sie außer Atem kommt unsere Welt. Freilich, wenn die Musik schneller und schneller wird, kann sie irgendwann einmal nicht mehr mithalten und lässt uns entkräftet fallen.

Weiterlesen →

1989

Der Fall der Mauer

Von Jan Ulrich Hasecke

Sommer 1989: Tausende DDR-Bürger kehren ihrem Staat den Rücken und fliehen über Ungarn, das den eisernen Vorhang durchtrennt hat, in den Westen. Andere flüchten in die bundesdeutschen Botschaften in Prag, Warschau und anderen Städten des zerbrechenden Ostblocks, um ihre Ausreise zu erzwingen.

Aber auch im Lande selbst tut sich Unerhörtes. Mehr und mehr Menschen wagen mehr Demokratie und gehen auf die Straße. Die Montagsdemos in Leipzig gebären den Mythos der Heldenstadt. Dann endlich: die Wende. Am 18. Oktober wird Honecker, der seine Landsleute zum Schluß in kein Land der Welt mehr ausreisen lassen wollte, von seinen eigenen Parteigenossen gestürzt. Die Reformer um Honeckers Nachfolger, Egon Krenz, versuchen zu retten, was zu retten ist. Doch das Volk glaubt ihnen nicht mehr.

Weiterlesen →

Es gibt doch auch nur einen Gott

Von Hildegard Thies

Im April 1989 besuchte ich meine Freundin Margot in der DDR, die mich zu sich in die kleine brandenburgischen Stadt zur Jugendweihe ihres Sohnes Christian eingeladen hatte.

Die DDR kannte ich fast nur aus der Zeitung. Nur auf kurzen Urlaubsreisen hatte ich eigene Eindrücke gewonnen. Das »bessere Deutschland« wollte es sein, zumindest war dies der Anspruch vieler seiner Bürger.

Und nun hatte ich die Gelegenheit, eine Jugendweihe zu erleben, eine Zeremonie, die aus jungen DDR-Bürgern vollwertige Mitglieder des sozialistischen Staates machen sollte. Das fand ich spannend, und außerdem wollte ich Margot besuchen, die ich seit Beginn unserer Brieffreundschaft erst einmal persönlich kennen gelernt hatte.

Weiterlesen →

Freundinnen

Von Heidrun Schaller

Dreimal waren sie Hand in Hand um das Brandenburger Tor gelaufen, sie konnten es nicht fassen, sie mussten es beschwören wie im Märchen. Die magische Zahl drei. Wenn danach immer noch alles so war, wie es gewesen war, dann war es Wirklichkeit. Wahrhaftig wahr. Die Wiedervereinigung, es gibt sie. Mit der S-Bahn die Strecke über Friedrichstraße fahren, einfach so weiter: keine Schikane, keine Grenze. Jederzeit! Unfassbar!

Seit 1953, als sie mit ihrer Familie rüber gemacht hatten, war Petra alleine diesen Weg, diese Einbahnstraße von West nach Ost gegangen, hat sich den zahlreichen Schikanen ausgesetzt und ist doch immer und immer wieder gekommen, um die alte Schulfreundin Barbara und deren Familie und Schwester zu besuchen.

Weiterlesen →

November

Von Margret Metz

Der Arzt kam diesmal ohne Mundschutz. “Ansteckend sind Sie nicht”, sagte er.

Aber davon fühlte ich mich auch nicht besser. Ich wußte, daß ich schwer krank war, wahrscheinlich schwerer, als ich überhaupt wissen wollte. Abgesehen von meiner Schwäche und den diffusen körperlichen Beschwerden gingen merkwürdige Dinge in mir vor. Vertraute Worte fielen mir entweder nicht mehr ein, oder ich konnte keine Verbindung zu ihrer Bedeutung herstellen. Die eigene Telefonnummer war mir entfallen. Wollte ich das Fieberthermometer ablesen, mußte ich lange grübeln. 83? Oder 38? Und was bedeutete das?

Weiterlesen →

Tagebuchnotiz 10. November 1989

Von Raymond Zoller

Gerüchteweise davon gehört habend, luden wir uns abends um halb 11 bei dem Besitzer eines Fernsehgerätes zu den “Tagesthemen” ein. - Da sich irgendein noch geschichtsträchtigeres Fußballereignis dazwischengeschoben hatte, ließen die Tagesthemen auf sich warten. Auf dem Bildschirm liefen Leute einem Ball nach; und immer wieder ertönte, als sattsam bekannte Fanfare unseres zeitgenössischen kulturellen Lebens, das kraftvolle, vielstimmige “Ha-a-a-a-aaaaa.” - Ich reparierte derweil das Bett unseres Gastgebers, welches kurz vor unserem Eintreffen zusammengebrochen war; und als die “Tagesthemen” dann doch noch begannen (das Fußballereignis war wohl nicht wichtig genug, um sie völlig zu verdrängen) war ich eben fertig damit. - Während unser Gastgeber die Matratze und das Bettzeug wieder auflegte, schauten wir uns die “Tagesthemen” an, in deren Verlauf wir wiederholt darauf aufmerksam gemacht wurden, dass es sich in der Tat um einen historischen Tag handele. Als die Tagesthemen dann zu Ende waren, gingen wir schlafen.

Weiterlesen →

1990

Die Nationalhymne im Radiowecker

Von Fabian Köster

Seit Anfang September war ich (damals 16) nun hier, und bisher wars auch ganz gut so, hier; Die kurz nach Beginn des kalten Krieges einsetzendn Bemühungen um die sog. deutsch-französische Freundschaft waren auch an meiner Schule nicht spurlos vorrübergegangen, und ich hatte - nachdem meine Eltern sich jahrelang erfolglos bemüht hatten - mich endlich nach einem 14-tägigen Besuch von Franzosen an unserer Schule bereit erklärt, ein dreimonatiges Gastspiel an der “Ècole Internat Rudolph Steiner Laboissiérre-en-Théle” zu wagen. Diese liegt ca. 40 Km von Paris entfernt, mitten in einem winzigen Dorf in der französichen Prärie.

Weiterlesen →

Geh doch nach Drüben!

Von Dieter Deinert

Eine Polemik

Wie vermisse ich diesen Satz, vermisse dieses Signal des Stammtisches, der großformatigen Zeitung, diese weiße Fahne der Dummheit, die immer dann aufgezogen wurde, wenn die Argumente nicht mehr ausreichten.

Nicht, daß ich diesem Rat gefolgt wäre. Der Unterschied zwischen “Real existierendem Sozialismus” und “Kapitalismus mit menschlichem Antlitz” war mir sehr wohl bekannt. “Im Kapitalismus beutet der Einzelne die Massen aus. Im Sozialismus ist es genau umgekehrt.” Treffender als in diesem alte DDR-Witz kann niemand beschreiben, was östlich der Elbe lief.

Weiterlesen →

Jenaer Betrachtungen

Von Jörg Matysik

Im Übergangszustand Ostdeutschlands

Große rote Lettern stechen aus der Warntafel hervor: “Objektbezogene Alarmierung bei Bränden und Havarien”. Dieses Plakat im Treppenhaus des Chemielaborgebäudes in der August-Bebel-Straße war einer meiner ersten prägenden Eindrücke in Jena. Und auch während des gesamten Semesters, in dem ich hier Chemie studierte, zeigte es mir immer an, daß ich hier noch nicht ganz zu Hause war.

In Jena sprach man von “Zielstellung” statt “Zielsetzung”, Kunststoffe ware hier “Plaste und Elaste”. Der Titel gehörte zur Anrede, und auch das “Fräulein” galt als Norm. Ich hörte manchmal Redewendungen wie “Er ist orientiert worden auf 16 Uhr” oder das in westdeutschen Ohren so fatalistisch klingende Versprechen “Das geht seinen Gang”. Schon ausgestorben waren der “Broiler”, ein gegrilltes Hähnchen, und auch kein Restaurant hätte mehr Kartoffeln als “Sättigungsbeilagen” offeriert. Sehr bald, gleich im September 1990, lernte ich auch, daß Thüringisch nicht Sächsisch ist und auch nie so bezeichnet werden darf.

Weiterlesen →

Spottgedichte

Von Lutz Menard

Volkskammerwahl März 1990

Zum ersten Male ohne Hammer
rief man das Volk zur Wahl der Kammer.
Die Farben waren buntgemischt,
viel stumpfer Lack nur aufgefrischt,
jedoch ein westlich angehauchtes Rötlich
erwies sich später fast als tödlich.
So gingen denn auch die Prognosen
mit Hochdruck in die Schlotterhosen!
Man wählte den, der mehr versprach,
und sparte sich das Ungemach,
die Rechnung nachzukontrollieren,
ließ lieber sich vom Schein verführen.
Dem Kandidaten Böhme, Ibrahim*,
erging es ganz besonders schlimm!
Sah er sich doch als Prätendenten
für den Ministerpräsidenten -
und stürzte dann unendlich tief,
weil alles gänzlich anders lief.
Doch ist´s, genau geseh´n, verständlich!
Des Volkes Mehrheit dachte ländlich
und wie die echten Bauernschlauen,
die nur aufs Fett im Schinken schauen:
wenn jemand auch zuviel verspricht
und hält nachher die Hälfte nicht -
ist dennoch für uns mehr zu holen,
als dort, wo sie uns nicht verkohlen!
Ob diese Sicht im Endeffekt
den Wechsel auf die Zukunft deckt,
zählt dabei erst an zweiter Stelle
in dieser Welt der Wechselfälle!

Weiterlesen →

Zwischen Baum und Borke (Leseprobe)

Von Edith Fuchs

Roman

Leseprobe:

Daß etwas Altes, Erneuerungsbedürftiges in unserem Land zu Ende ging, merkte ich deutlich und ganz persönlich bei unseren monatlichen Frauentreffen. Jedesmal fehlten mehr. Das war kein Wunder. Regelrecht vernarrt war ich in das Feindbild unserer politischen Gegner; und so drehte sich unsere Diskussion im Kreis, war unproduktiv. Ich konnte ihnen weder das politisch gute Gefühl, noch das vereinsmäßig gute Gefühl, das Gefühl der Geborgenheit, des Aufgehobenseins erhalten. Am Ende blieb Leere und Hohlheit in den Worten, in den Gedanken. Hinzu kam, daß der DFD (Demokratischer Frauenbund Deutschlands) inzwischen auch als systemfreundlich galt und demzufolge lieber zu meiden war. Es war nicht so, daß die Frauen gleichgültig, uninteressiert oder unwillig gegenüber einer Erneuerung, einer Verbesserung des Lebens, der politischen Situation gewesen wären. Das ganz bestimmt nicht. Nur, und das war die Frage, was sollten sie tun? Man konnte nicht von ihnen erwarten, daß sie in die nächste Stadt fuhren, um zu demonstrieren. Nein, davon hielten die meisten auf dem Land nichts.

Weiterlesen →

1991

Depleted Uranium

Von Martina Ellis

Seit dem Jahre 1991 verbinde ich mit meinem Geburtstag den Ausbruch des Golfkriegs. Mein Mann war zu diesem Zeitpunkt Unteroffizier in der britischen Rheinarmee und stand mit seinen Leuten am 17.01.91 an der Grenze zum Irak.

Es wurde das traurigste Weihnachten, und als der Morgen des Abschieds nahte, konnte niemand die Empfindungen in Worte fassen. Wir klammerten uns aneinander, unser kleines 3 Monate altes Söhnchen zwischen uns. Ich war die einzige Ehefrau, die den Männern zum Abschied winkte. Die anderen konnten oder wollten dieses schreckliche Gefühl der Ohnmacht nicht ertragen. Aber ich war abergläubisch: sehe ich ihn abfahren, dann sehe ich ihn auch wiederkommen! Keine Spur von Heldenpathos. Kein jubelnder Abschied mit einer kleinen Träne im Auge, wie sie die Medien so gerne verkauften. Einfach ein letzter Kuß, ein letzter Blick - Stille.

Weiterlesen →

Desert Shield und Desert Storm

Von Jan Ulrich Hasecke

Am 17. Januar 1991, knapp 19 Stunden nach Ablauf des UNO-Ultimatums zur Räumung Kuwaits, beginnt die Operation “Desert Storm”. Unter dem Oberbefehl des Vier-Sterne-Generals Norman Schwarzkopf fliegen 1.500 Flugzeuge Luftangriffe gegen Bagdad und strategische Ziele wie Waffenfabriken, Munitionsdepots, Flugzeugbasen und Raketenstellungen.

Saddam Hussein, der im August 1990 Kuwait besetzt hatte, ruft alle Iraker zum Kampf gegen das Böse auf; die Mutter aller Schlachten habe begonnen.

Der Golfkrieg wird ein TV-Spektakel, eine einzige große Werbeshow für moderne Waffensysteme. Mit faszinierenden Videoaufnahmen wird die Präzision lasergesteuerter Bomben und Raketen demonstriert und die Vorstellung geweckt, dieser High-Tech-Krieg sei ein sauberer Krieg, ein Krieg, der mit chirurgischer Genauigkeit nur militärische Ziele treffe und die Zivilbevölkerung schone. Eine naive Vorstellung wie sich wenig später herausstellt, als mindestens 314 Zivilisten bei einem Luftangriff auf Bagdad in einem Bunker sterben.

Weiterlesen →

Golfkrieg 1990

Von Arnold Schiller

Kuwait war überrannt, greifen die internationalen Streitmächte an?

Er brach 1991 aus, der von allen bemerkte Golfkrieg. Der Krieg entstand 1990, während ich noch bei der Bundeswehr war und betraf den Einmarsch der Irakis in den Kuwait. Januar 1991 war ich bereits aus der Bundeswehr entlassen. Die Flugabwehrstaffel, in der ich stationiert war, hätte in die Türkei zur Grenze in den Irak verlegt werden können, eine Schwestereinheit wurde dorthin verlegt. Wir hatten innerhalb der Bundeswehr viel darüber diskutiert, insbesondere mit denen, die als Wehrpflichtige einberufen wurden und sich dann als Zeitsoldat verpflichteten. Wäre der Wehrdienst nicht von 12 auf 15 Monate verkürzt worden, hätte ich “Desert Storm” in der Bundeswehr erlebt. Ich wurde für 15 Monate einberufen und nach 12 Monaten entlassen. Mich betraf der Golfkrieg und doch eben deswegen auch nicht.

Weiterlesen →

1992

Andrew und Bill …

Von Angela Baumann

Im August 1992 bereiste ich mit meinen Eltern die Südstaaten der USA. Unsere Reise führte uns unter anderem auch nach Memphis. Im Radisson Hotel abgestiegen, vernahmen wir schon bald von einem herannahenden Hurricane, der gerade über Florida zog und sich nun bedrohlich New Orleans näherte. Dies wäre unsere nächste Station auf der Reise gewesen. So kam es, dass wir uns zwischen Graceland, Raddampfer-Fahrt auf dem Mississippi und anderen Aktivitäten regelmäßig im Hotelzimmer einfanden, um den Weather Channel zu konsultieren. Und tatsächlich: Hurricane Andrew hatte New Orleans in sein bedrohliches Auge gefasst und drohte damit, unsere Reisepläne ziemlich zu durchkreuzen. Unzählige Faxe und Telefonate mit unserem Reisebüro in der Schweiz führten letztendlich dazu, dass wir unseren Aufenthalt in Memphis unfreiwillig verlängerten und die Hotelreservation in New Orleans annullierten. Aus geplanten 2 wurden 5 Tage Memphis. Doch soviel bietet dieses beschauliche Städtchen eigentlich gar nicht. Die Besichtigungen nahmen ab, der Fernsehkonsum zu. Der Weather Channel hielt uns auf dem Laufenden und bestätigte, dass unsere Entscheidung richtig war.

Weiterlesen →

Neujahrsnacht in Wolgograd

Von Raymond Zoller

Sonntag, den 12. Januar 1992

Neujahr hab ich dieses Jahr zweimal hintereinander gefeiert; zuerst nach Wolgograder Zeit und eine Stunde später dann nochmal nach Moskauer Zeit. In kleinem Kreis bei Freunden; entgegen meinen sonstigen Gepflogenheiten: vorm Fernseher. Zuerst lief der Wolgograder Sender; und als dort Neujahr durch war, schalteten wir um auf den Moskauer und harrten dem nächsten Jahreswechsel.

Diese Neujahrsfete am Fernseher war nicht einmal so uninteressant. Im Gegensatz zu den westlichen Neujahrsprogrammen war da kaum ausgearbeitete Gekünsteltheit (trotz des offensichtlichen Bemühens, sie nachzuahmen). Die Conferenciers wandten sich, halb im Scherz, halb im Ernst, an die “ehemaligen Genossen” und die “ehemaligen Bürger der Sowjetunion” und machten keinerlei Versuch, die Probleme hinter irgendeiner glänzenden Fassade zum Verschwinden zu bringen; sie wurden angesprochen; und es schwang - nicht gekünstelt, sondern echt - die Zuversicht mit, dass, wie ernst auch immer die Lage sei, man schon irgendwie damit fertig werde. Eine erfrischende Offenheit und Ehrlichkeit, wie sie auch hier im Fernsehen immer seltener wird. Aber zu Neujahr lebte sie nochmal auf. - Die Show-Einlagen waren von wohltuender unfreiwilliger Komik; da passte überhaupt nichts zusammen. Ein langhaariger, etwas fülliger junger Mensch, den man sich seinem Auftreten nach als Verkehrspolizist oder als Platzanweiser im Kino vorstellen könnte, sang in einer sehr schwülstigen Melodie ein Lied mit sehr sachlichem Text über Liebe, Schicksal und Abschied und was es sonst in der Richtung noch so gibt. Unterstützt wurde diese Sachlichkeit durch seine Bewegungen, die wie gesagt an die eines Verkehrspolizisten oder eines Platzanweisers erinnerten. Bei fachmännischer Ausarbeitung von Text, Musik und Vortrag in der unfreiwillig eingeschlagenen Richtung käme ein ausgezeichnetes Groteskical zustande. - All dies in wohltuendem Kontrast zu den zum Glück noch nicht erreichten westlichen Vorbildern, wo in ausgeklügelter professioneller Rafinesse ein glattes Gespinst aus Dummheit gewoben wird, das auch nicht den geringsten Durchschlupf zum Menschlichen mehr frei lässt.

Weiterlesen →

1994

Gedichte

Von Guntram Balzer

Bus fahren

Steig ein
steig ein
wir fahren
Bus nach Omarska
Bergwerk Omarska
weißes Haus

Steig ein
steig ein
wir fahren
Bus nach Omarska
auf den von Touristenärschen
durchgesessenen Sitzen hocken
Mercedes, Magirus, MAN, Setra, Ikarus

Steig ein
steig ein
Bus nach Omarska
da werden alle Fenster verdunkelt
im Sommer, im weißen Sommer
und die Heizung aufgedreht:
mich dürstet!
SCHWEIG
glücklich, die, die Essig trinken dürfen

Steig ein
steig ein
wir fahren
Bus nach Omarska
warum bist du hier
Keine Ahnung. Ich saß zu Hause
beim Frühstück und wurde
dann deportiert. Dann wirst
du wohl ein fundamentalistischer
Extremist sein

Weiterlesen →

1996

Love Zinfandel 1996

Von Wolff 'wodile' Lehmann

Wenn sich in den 80er Jahren eine halbe oder eine ganze Million Menschen in irgendeiner Weise versammelte, dann handelte es sich dabei in der Regel um einen Ostermarsch, irgendeinen Kirchentag oder sonstige Skurrilitäten. Am Rande habe ich zumindest ersteres noch mitbekommen, wobei meine Erinnerung auch nicht mehr so weit reicht, dass ich Details skizziere könnte. Das einzige, was ich noch weiß, ist, dass es grundsätzlich eine Veranstaltung gegen irgendetwas war. Gegen Reagan, gegen Pershing, gegen Chauvinismus und gegen kleine gelbe Tierchen mit roten Punkten …

Weiterlesen →

1997

Hale Bopp

Von Fabian Köster

Energie verpufft so schnell, mein Gott !

Ich möchte von einer Erscheinung erzählen, von einem Himmelskörper, einem magischen Moment, vielleicht.

Das Jahr 1997, irgendwann im März. Wir hatten uns in der Nebensaison ein Ferienhaus gemietet, im höheren Norden Dänemarks, Lønstrup. Nach einiger Zeit voll durchwachter und durchspielter Nächte, exzessiver Strandgänge und von Gischt benetzter, und die dennoch strahlende Frühfrühlingssonne begrüßende, Haut hatten wir uns doch endlich entschlossen, an eine Grenze vorzudringen. Nicht eine belanglose Grenze, wie die Atlanten sie uns vorgaukeln, sondern eine von Naturmächten geschaffene; es sollte nach Skagen gehen, ans Kap, dorthin, wo Nord- und Ostsee sich kämpfend küssen.

Weiterlesen →

Kinder - Kinder

Von Christopher Ray

Routiniert im amtlichen Beenden von amtlich sanktionierten Beziehungen - sprich: Scheidungen, war mein Talent 1997 wieder einmal gefragt.

Im Vorgriff auf die ab 1998 gültige, aber schon verabschiedete Sorgerechtsmodifikation wollte ich mich diesmal nicht von meinen Kindern scheiden lassen, wie das sonst zwangsläufig üblich war.

  1. (bei der Premiere) klärte mich der Familienrichter noch über die Wertstellung einer Vater-Kind-Beziehung so auf:

“Die schlechteste Mutter ist besser als der beste Vater…!”

Zur selbsterfüllenden Prognose wurde diese Einstellung damit manifestiert:

Weiterlesen →

1999

Der letzte Fingerzeig

Von Ziad Zaki Mahayni

»Anfang des 20. Jahrhunderts haben zwei neue Theorien unsere Vorstellungen von Raum und Zeit, ja der Wirklichkeit selbst, gründlich verändert. Mehr als fünfundsechzig Jahre später sind wir noch immer damit beschäftigt, ihre Konsequenzen zu sondieren und die beiden Systeme zu einer einheitlichen Theorie zusammenzufassen, die - wenn dies gelänge - alles im Universum beschriebe.« —S.W. Hawking

Unsere kleine Geschichte - wir wissen nicht genau, ob es sich um eine Komödie oder Tragödie handelt - spielte sich an der Schwelle zum Jahr 2000 ab. Ein Jahr, das mit trockener Vernunft betrachtet ein Jahr wie jedes andere hätte sein müssen. Es war ein Jahr mit 12 Monaten, 4 Jahreszeiten, vielen Umweltkatastrophen und einigen Kriegen. Ein Jahr also, das sich von den vorhergehenden genauso wenig unterscheiden lässt wie von den darauffolgenden und doch war es ein ganz besonderes Jahr. Die trockene Vernunft ist des Menschen Sache nämlich nicht. Der trotzige Eifer und die sture Beharrlichkeit, mit der der Mensch bemüht ist, sich selbst als ein vernünftiges Wesen zu definieren, sind hierfür die besten Beweise. Das Besondere an diesem Jahr war genau betrachtet eigentlich nur die Zahl: 2000. Der Mensch schien nicht glauben zu können, dass ein Jahr mit so vielen Nullen ein gewöhnliches Jahr sein sollte, und so ließ er es sich nicht nehmen, dieses Jahr besonders freudenvoll zu begrüßen. Bereits zweieinhalb Jahre zuvor, genau gesagt 1000 Tage - vermutlich wieder wegen den vielen Nullen - begann man, an großen Plätzen den Countdown auf digitalen Anzeigen zu zählen. Feuerwerke nie gesehener Größe und Farbenpracht erhellten dann, endlich bei Null angelangt, die Neujahrsnächte aller Metropolen der Welt. Während das gemeine Volk sich damit begnügte, tanzend, tobend und trinkend durch die Straßen zu ziehen, behielten sich einige Reiche das Recht vor, sich von der Masse abzugrenzen, indem sie sich ein Neujahrsvergnügen der besonderen Art gönnten. Um auch wirklich die Allerersten zu sein, die das neue Jahrtausend begrüßen, flogen sie so nah wie möglich an die Datumslinie heran und ließen auf einer Insel mitten im Pazifik die ersten Sektkorken knallen. Kaum die erste Flasche geleert bestiegen diese seltsamen Reiselustigen erneut das Flugzeug, um diesem einmaligen Erlebnis die Einmaligkeit zu rauben. Der Erdbewegung entgegeneilend erlebten sie das Silvesterspektakel immer wieder aufs Neue: In Sydney, Jerusalem, Berlin, New York und Los Angeles Halt machend gelang es ihnen so, gleich sechs mal dem neuen Jahr und vor allem sich selbst ihres genialen Treibens wegen zuzuprosten.

Weiterlesen →

Die Standuhr

Von Max Brink

Sie hat viel erlebt, die alte Standuhr. Jetzt ist sie siebzig Jahre alt. Jedenfalls wurde sie vor siebzig Jahren im Geschäft eines Uhrmachermeisters erworben. In Gronau an der Leine. Vielleicht ist sie ja auch schon ein paar Jahre älter, weil sie nach ihrer Fertigung etwas warten musste, bis der Meister sie meinem Vater verkaufen konnte. Möglich, dass sie zum 10jährigen Hochzeitstag meiner Eltern in unser Haus kam, dann müsste das im März 1930 gewesen sein. Genau kann ich es nicht mehr wissen, denn ich war damals noch zu klein. Aber an den Laden des Uhrmachers, der sich nur wenige Schritte neben unserem Haus befand, kann ich mich noch gut erinnern. Selbst der Name des Meisters ist mir noch geläufig. Drei innenliegende Sandsteinstufen führten neben dem Schaufenster in sein Geschäft. Immer, wenn ich mit Mutter oder Vater daran vorbeiging und bei schönem Wetter die Ladentür geöffnet war, blieb ich eine Weile stehen und schaute neugierig hinein. Die vielen Uhren faszinierten mich. Ich bestaunte dieses verwirrende Ticken der Perpendikel. Und auch die dunklen Gongschläge der großen Standuhren, das helle Klingen der Wanduhren und die Kuckucksrufe aus den Schnitzwerken des Schwarzwaldes. Mitunter, wenn er Zeit hatte, nickte mir der Meister zu und lud mich mit einer Handbewegung ein:

Weiterlesen →

2001

9 / 11 - das Jahrhundert des globalen Terrorismus beginnt

Von Christian Erich Rindt

Ich erinnere mich nicht an das Wetter an diesem Tag.Wahrscheinlich war es ein ganz normaler Spätsommertag im Badischen. Ich hatte Mitteldienst im Kulturprogramm. Sehr angenehm, kein frühes Aufstehen! Der Dienst begann um 11 Uhr 30. Eine halbe Stunde war Übergabezeit. Das Pult musste ich erst mit der Mittags-Nachrichtensendung um 12 Uhr übernehmen. Alles Business as usual. Im Reichstag eröffnete Bundestagspräsident Rudolf Seiters die 185. Sitzung des Deutschen Bundestages. Keine besonderen Vorkommnisse, keine Themen, an die ich mich sonst noch erinnern kann. Nach dem Mittagskonzert, um 14 Uhr 30 begann meine Pause. Während dieser halben Stunde lief die Literatur-Lesung. Ich machte unten im Aufenthaltsraum meine QUI GONG-Übungen, aber um kurz vor 15 Uhr war ich wieder zurück im Studio. Dort stand, völlig unerwartet, der diensthabende Redakteur der Aktuellen Redaktion mit einer DPA-Meldung in der Hand. »Es hat einen Anschlag auf das WORLD TRADE CENTER in New York gegeben, wir bringen eine Sondermeldung. Also das SWR2-AKTUELL-Jingle, dann ich!«

Weiterlesen →

2020

Die Klassentreffen

Von Max Brink

Sie bestanden 53 Jahre fort

Wir schlossen 1945 nach 6 Jahren die Mittelschule ab. Unmittelbar bei Kriegsende.

Immer wenn wir den einen oder anderen Schulfreund trafen, gab es das übliche Gespräch: „Was macht Dieser“, „wo ist Jener geblieben“, „man müsste sich mal wieder treffen“. Immer wieder die übliche Leier Nicht mehr? Doch, es gab schließlich ein Mehr, als nur Gerede.

An einem April-Sonntag 1967 traf ich den Klassenfreund Werner beim Schwimmen im Niedersachsenbad in Osnabrück. Gleiche Wortschwalle! Ich war es plötzlich leid,und versprach Werner auf der Stelle:

Weiterlesen →

2024

Vermisst ist schlimmer als tot

Von Max Brink

Hoffnung macht die Qual nicht endlich

Mein älterer Bruder Walter war im zweiten Weltkrieg an allen Fronten eingesetzt. Zuerst Polen, dann Frankreich und zuletzt Russland.

Von dort erhielt unsere Familie durch den Hauptmann der Kompanie die traurige Nachricht, dass mein Bruder seit dem 4. August 1943 im Raume Bjelgorod/Charkow als vermisst zu gelten hat.

Für unsere Familie, besonders für meine Mutter, war diese Nachricht ein großes Betrübnis.

Ein sofortiger Suchantrag beim Deutschen Roten Kreuz ging natürlich jahrelang ins Leere. Erst 1969 und weiterhin 1973 kamen die ersten Antworten. Danach dürfte mein Bruder Walter als am 8. August 1943 gefallen gelten.

Weiterlesen →



Soziale Plastik. Die Kunst der Allmende

Zum 30. Todestag von Joseph Beuys.

Die Reise nach Jerusalem

Roman

Ich bin doch auch ein Hitlerjude

Witze im 3. Reich