1989
Sommer 1989: Tausende DDR-Bürger kehren ihrem Staat den Rücken und
fliehen über Ungarn, das den eisernen Vorhang durchtrennt hat, in den
Westen. Andere flüchten in die bundesdeutschen Botschaften in Prag,
Warschau und anderen Städten des zerbrechenden Ostblocks, um ihre
Ausreise zu erzwingen.
Aber auch im Lande selbst tut sich Unerhörtes. Mehr und mehr Menschen
wagen mehr Demokratie und gehen auf die Straße. Die Montagsdemos in
Leipzig gebären den Mythos der Heldenstadt. Dann endlich: die Wende. Am 18. Oktober wird Honecker, der seine Landsleute zum Schluß in kein Land
der Welt mehr ausreisen lassen wollte, von seinen eigenen Parteigenossen
gestürzt. Die Reformer um Honeckers Nachfolger, Egon Krenz, versuchen zu
retten, was zu retten ist. Doch das Volk glaubt ihnen nicht mehr.
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Im April 1989 besuchte ich meine Freundin Margot in der DDR, die mich zu
sich in die kleine brandenburgischen Stadt zur Jugendweihe ihres Sohnes
Christian eingeladen hatte.
Die DDR kannte ich fast nur aus der Zeitung. Nur auf kurzen
Urlaubsreisen hatte ich eigene Eindrücke gewonnen. Das »bessere
Deutschland« wollte es sein, zumindest war dies der Anspruch vieler
seiner Bürger.
Und nun hatte ich die Gelegenheit, eine Jugendweihe zu erleben, eine
Zeremonie, die aus jungen DDR-Bürgern vollwertige Mitglieder des
sozialistischen Staates machen sollte. Das fand ich spannend, und
außerdem wollte ich Margot besuchen, die ich seit Beginn unserer
Brieffreundschaft erst einmal persönlich kennen gelernt hatte.
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Dreimal waren sie Hand in Hand um das Brandenburger Tor gelaufen, sie
konnten es nicht fassen, sie mussten es beschwören wie im Märchen. Die
magische Zahl drei. Wenn danach immer noch alles so war, wie es gewesen
war, dann war es Wirklichkeit. Wahrhaftig wahr. Die Wiedervereinigung,
es gibt sie. Mit der S-Bahn die Strecke über Friedrichstraße fahren,
einfach so weiter: keine Schikane, keine Grenze. Jederzeit! Unfassbar!
Seit 1953, als sie mit ihrer Familie rüber gemacht hatten, war Petra
alleine diesen Weg, diese Einbahnstraße von West nach Ost gegangen, hat
sich den zahlreichen Schikanen ausgesetzt und ist doch immer und immer
wieder gekommen, um die alte Schulfreundin Barbara und deren Familie und
Schwester zu besuchen.
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Der Arzt kam diesmal ohne Mundschutz. “Ansteckend sind Sie nicht”, sagte
er.
Aber davon fühlte ich mich auch nicht besser. Ich wußte, daß ich schwer
krank war, wahrscheinlich schwerer, als ich überhaupt wissen wollte.
Abgesehen von meiner Schwäche und den diffusen körperlichen Beschwerden
gingen merkwürdige Dinge in mir vor. Vertraute Worte fielen mir entweder
nicht mehr ein, oder ich konnte keine Verbindung zu ihrer Bedeutung
herstellen. Die eigene Telefonnummer war mir entfallen. Wollte ich das
Fieberthermometer ablesen, mußte ich lange grübeln. 83? Oder 38? Und was
bedeutete das?
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Gerüchteweise davon gehört habend, luden wir uns abends um halb 11 bei
dem Besitzer eines Fernsehgerätes zu den “Tagesthemen” ein. - Da sich
irgendein noch geschichtsträchtigeres Fußballereignis
dazwischengeschoben hatte, ließen die Tagesthemen auf sich warten. Auf
dem Bildschirm liefen Leute einem Ball nach; und immer wieder ertönte,
als sattsam bekannte Fanfare unseres zeitgenössischen kulturellen
Lebens, das kraftvolle, vielstimmige “Ha-a-a-a-aaaaa.” - Ich reparierte
derweil das Bett unseres Gastgebers, welches kurz vor unserem Eintreffen
zusammengebrochen war; und als die “Tagesthemen” dann doch noch begannen
(das Fußballereignis war wohl nicht wichtig genug, um sie völlig zu
verdrängen) war ich eben fertig damit. - Während unser Gastgeber die
Matratze und das Bettzeug wieder auflegte, schauten wir uns die
“Tagesthemen” an, in deren Verlauf wir wiederholt darauf aufmerksam
gemacht wurden, dass es sich in der Tat um einen historischen Tag
handele. Als die Tagesthemen dann zu Ende waren, gingen wir schlafen.