Lutz Menard

Das verschwundene Fernglas

Von Lutz Menard

Es beginnt schon zu dämmern, als unsere Nachbarn, die alten Friedrichs, an der Wohnungstür klingeln. Ich öffne und muss erst einmal »hochziehen«, bevor ich »guten Abend« sagen kann, denn ein Taschentuch führe ich in meiner Hosentasche nicht. Ich bibbere immer noch vor Kälte. Meine Knie in den kurzen Hosen, auf die ich selbst im Winter nicht verzichten möchte, sind rot und blau gefroren, weil ich den ganzen Tag draußen bei der Versorgung der Flüchtlingstrecks durch das Jungvolk geholfen habe. Mutter hat die Friedrichs zum Abendessen eingeladen. Sie kämen an diesem Tag wahrscheinlich auch von allein zu uns herüber, aber die Einladung lässt wenigstens äußerlich den Eindruck entstehen, als sei alles noch normal. Friedrichs verbessern unsere geringen Lebensmittelvorräte mit ein paar eingemachten sauren Heringen. Für mich gibt es sowieso Milchsuppe mit Klimpern, das übliche Einerlei der letzten Wochen. Aus seiner Manteltasche zaubert der alte Friedrich dann eine Flasche Rotwein hervor, was Mutter zu einem erstaunten »Oh« veranlasst. Der alte Friedrich verweist auf die bekannte Tatsache, dass er von Hause aus Gastwirt sei. Trotzdem bleibt die Stimmung gedrückt. Keiner weiß so recht, wie man sich jetzt, nachdem die Front immer näher heranrückt, verhalten soll. Man spricht darüber, welche Bekannten sich mit der Bahn, die bis vor wenigen Tagen noch gefahren ist, bereits nach dem Westen abgesetzt haben. Gegenüber im Hotel liege noch genügend Militär, das uns notfalls in Sicherheit bringen würde, sagt Frau Friedrich und wiederholt diese Feststellung mehrere Male. Mutter schaltet das Licht aus, öffnet die Balkontür und zieht den Rollladen hoch. Aus der Ferne hört man deutlich Kanonendonner, über den sternenklaren Himmel zuckt flackerndes Licht wie ferne Blitze. Wir wagen einen Schritt auf den Balkon und können unten auf der Straße zwei Soldaten erkennen, die, wie es scheint, in aller Ruhe spazieren gehen. Mutter beugt sich über die Balkonbrüstung und ruft: »Was gibt es Neues von der Front? Sollen wir lieber in den Keller gehen?« Der eine der beiden antwortet, wir könnten uns ruhig in unsere Betten legen, es sei nichts zu befürchten. Die Erwachsenen kehren an den Tisch zurück, und Herr Friedrich schenkt den letzten Schluck Wein aus. Doch zum Trinken kommt keiner mehr.

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Flucht aus Wimmersbüll

Von Lutz Menard

Wir, meine Mutter, meine zwei Jahre jüngere Schwester (10) und ich, waren nach der Vertreibung aus unserer pommerschen Heimat im April 1946 und einer gar nicht lustigen Seefahrt von Stettin nach Travemünde auf einem ehemaligen deutschen Truppentransporter im Auffanglager Wimmersbüll bei Niebüll in Schleswig gelandet. Und bald fürchteten wir nichts so sehr, als unser weiteres Leben auf einer Sanddüne fristen zu müssen. Doch eines Tages hieß es, dass wir auf Dauer bei einer Familie im Dorf eingewiesen werden sollten. Erste Vorbereitungen wurden schon getroffen. Wir wurden wieder einmal neu registriert, und die Engländer in der Lagerverwaltung drückten Mutter sogar ein paar zerfledderte deutsche Banknoten in die Hand. Bevor wir aber unsere wenigen Habseligkeiten zusammensuchen konnten, gab es eine dicke Überraschung.

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Spottgedichte

Von Lutz Menard

Volkskammerwahl März 1990

Zum ersten Male ohne Hammer
rief man das Volk zur Wahl der Kammer.
Die Farben waren buntgemischt,
viel stumpfer Lack nur aufgefrischt,
jedoch ein westlich angehauchtes Rötlich
erwies sich später fast als tödlich.
So gingen denn auch die Prognosen
mit Hochdruck in die Schlotterhosen!
Man wählte den, der mehr versprach,
und sparte sich das Ungemach,
die Rechnung nachzukontrollieren,
ließ lieber sich vom Schein verführen.
Dem Kandidaten Böhme, Ibrahim*,
erging es ganz besonders schlimm!
Sah er sich doch als Prätendenten
für den Ministerpräsidenten -
und stürzte dann unendlich tief,
weil alles gänzlich anders lief.
Doch ist´s, genau geseh´n, verständlich!
Des Volkes Mehrheit dachte ländlich
und wie die echten Bauernschlauen,
die nur aufs Fett im Schinken schauen:
wenn jemand auch zuviel verspricht
und hält nachher die Hälfte nicht -
ist dennoch für uns mehr zu holen,
als dort, wo sie uns nicht verkohlen!
Ob diese Sicht im Endeffekt
den Wechsel auf die Zukunft deckt,
zählt dabei erst an zweiter Stelle
in dieser Welt der Wechselfälle!

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Soziale Plastik. Die Kunst der Allmende

Zum 30. Todestag von Joseph Beuys.

Die Reise nach Jerusalem

Roman

Ich bin doch auch ein Hitlerjude

Witze im 3. Reich