Nachkriegszeit

Buchenwald

Von Annegret Kronenberg

1945

(Zur Erinnerung an Dich, Onkel Ernst)

Fremder Mann,
im üppig blühenden Sommergarten
stehen wir uns gegenüber.
Du, der Häftling aus Buchenwald,
ich das sechsjährige Mädchen.
Eigenartig schaust du aus.
Dein Gesicht wie eine Maske,
dein Körper nur ein Gerippe.
Deine Augen schauen durch mich hindurch,
du sprichst kein Wort mit mir.
Bist du etwa stumm oder taub?
Dein stumpfer Blick scheint nur auf die
Blütenpracht gerichtet zu sein
und ist doch so weit weg.
Noch in Buchenwald, was weiß ich davon?
Ja, deine Gedanken sind noch in Buchenwald,
wie du später bruchstückhaft berichtet hast.
Du warst wirklich sprachlos geworden,
hattest noch all die erlebten Grausamkeiten
vor deinen Augen.
Die gequälten, geschundenen Leiber
auf den harten Holzpritschen,
Gerippe in zerlumpter Kleidung.
Gesichter, die eigentlich keine mehr waren,
schmerzverzehrt, mehr tot als lebendig.
In den Ohren noch die Schreie des totgeprügelten
Kameraden, der seinen übermächtigen Hunger
mit einer Handvoll abgerissener Blätter
zu stillen versuchte.
Siehst vor dir noch die gegerbten Menschenhäute,
die dich schaudern lassen.
Spürst noch den ständig nagenden Hunger,
die Angst vor Prügel und Folter,
vor den unmenschlichen medizinischen
Versuchen, dem grausamen Sterben.
Totale Entwürdigung, mehr Tier als Mensch,
und doch ein Mensch.
Oh, fremder Mann,
wirst du dich je wieder an das Menschsein
gewöhnen, je noch einmal wieder lachen können?
Werden diese schrecklichen Erfahrungen irgendwann
in deinem Leben verblassen?
Später habe ich nicht gewagt, dich danach zu fragen,
um dir nicht weh zu tun, aber lachend habe ich dich nie erlebt.

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Du Oma, wer war Hitler?

Von Marianne Bunyan

Gut bürgerliches Neukölln, Hobrechtstraße, Seitenflügel, 2 Treppen. Dunkelbraun lackierte Holztreppen und gedrechselte, stets auf Hochglanz polierte Geländer. Die Frau des Hausmeisters verbrachte Stunden damit, jede einzelne Rundung blitzblank zu polieren. Alles musste zwanghaft glänzend und reinlich sein, geradeso als müsste fortwährend das Image von Fleiß und Sauberkeit zur Schau gestellt werden. Deutsche Tugenden, die einzigen, die uns geblieben waren?

Wir Kinder mussten uns stets leise durch den Hausflur schleichen, wenn uns der Portier nicht erwischen sollte. Er flößte uns Angst ein, regelrecht panische Angst. Er kannte kein Pardon und jeden, den er von uns Kindern erwischte, packte er am Kragen, kniff ihn, haute ihm eine Ohrfeige oder drosch gar mit einem Stock auf ihn ein. Bestenfalls hielt er eine Standpauke mit der Androhung, er würde uns noch kriegen und uns das Jackstück so vollhauen, dass wir es nie vergessen würden. Im Hausflur herrschte ein schnelles Laufen, ein lauteres Kichern und das, was man als Herumlungern bezeichnete, was bei den Alten die Wut auf Kinder und die verkommene Generation und bei uns sehr langsam und vorsichtig aufkeimenden Widerstand hervorrief. »Olle doofe Potsche« grölten wir frech von der Ferne, wenn wir die Frau des Hausmeisters sahen und uns in Sicherheit wähnten, doch irgendwann einmal mussten wir irgendwie an der Observationstür vorbei kommen, um nach Hause zu gelangen. Und somit wurde jeder Tag ein Kampf mit neuen Überraschungen, die es sonst kaum gab.

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Flucht aus Wimmersbüll

Von Lutz Menard

Wir, meine Mutter, meine zwei Jahre jüngere Schwester (10) und ich, waren nach der Vertreibung aus unserer pommerschen Heimat im April 1946 und einer gar nicht lustigen Seefahrt von Stettin nach Travemünde auf einem ehemaligen deutschen Truppentransporter im Auffanglager Wimmersbüll bei Niebüll in Schleswig gelandet. Und bald fürchteten wir nichts so sehr, als unser weiteres Leben auf einer Sanddüne fristen zu müssen. Doch eines Tages hieß es, dass wir auf Dauer bei einer Familie im Dorf eingewiesen werden sollten. Erste Vorbereitungen wurden schon getroffen. Wir wurden wieder einmal neu registriert, und die Engländer in der Lagerverwaltung drückten Mutter sogar ein paar zerfledderte deutsche Banknoten in die Hand. Bevor wir aber unsere wenigen Habseligkeiten zusammensuchen konnten, gab es eine dicke Überraschung.

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Soziale Plastik. Die Kunst der Allmende

Zum 30. Todestag von Joseph Beuys.

Die Reise nach Jerusalem

Roman

Ich bin doch auch ein Hitlerjude

Witze im 3. Reich