»Anfang des 20. Jahrhunderts haben zwei neue Theorien unsere Vorstellungen von Raum und Zeit, ja der Wirklichkeit selbst, gründlich verändert. Mehr als fünfundsechzig Jahre später sind wir noch immer damit beschäftigt, ihre Konsequenzen zu sondieren und die beiden Systeme zu einer einheitlichen Theorie zusammenzufassen, die - wenn dies gelänge - alles im Universum beschriebe.« —S.W. Hawking
Unsere kleine Geschichte - wir wissen nicht genau, ob es sich um eine Komödie oder Tragödie handelt - spielte sich an der Schwelle zum Jahr 2000 ab. Ein Jahr, das mit trockener Vernunft betrachtet ein Jahr wie jedes andere hätte sein müssen. Es war ein Jahr mit 12 Monaten, 4 Jahreszeiten, vielen Umweltkatastrophen und einigen Kriegen. Ein Jahr also, das sich von den vorhergehenden genauso wenig unterscheiden lässt wie von den darauffolgenden und doch war es ein ganz besonderes Jahr. Die trockene Vernunft ist des Menschen Sache nämlich nicht. Der trotzige Eifer und die sture Beharrlichkeit, mit der der Mensch bemüht ist, sich selbst als ein vernünftiges Wesen zu definieren, sind hierfür die besten Beweise. Das Besondere an diesem Jahr war genau betrachtet eigentlich nur die Zahl: 2000. Der Mensch schien nicht glauben zu können, dass ein Jahr mit so vielen Nullen ein gewöhnliches Jahr sein sollte, und so ließ er es sich nicht nehmen, dieses Jahr besonders freudenvoll zu begrüßen. Bereits zweieinhalb Jahre zuvor, genau gesagt 1000 Tage - vermutlich wieder wegen den vielen Nullen - begann man, an großen Plätzen den Countdown auf digitalen Anzeigen zu zählen. Feuerwerke nie gesehener Größe und Farbenpracht erhellten dann, endlich bei Null angelangt, die Neujahrsnächte aller Metropolen der Welt. Während das gemeine Volk sich damit begnügte, tanzend, tobend und trinkend durch die Straßen zu ziehen, behielten sich einige Reiche das Recht vor, sich von der Masse abzugrenzen, indem sie sich ein Neujahrsvergnügen der besonderen Art gönnten. Um auch wirklich die Allerersten zu sein, die das neue Jahrtausend begrüßen, flogen sie so nah wie möglich an die Datumslinie heran und ließen auf einer Insel mitten im Pazifik die ersten Sektkorken knallen. Kaum die erste Flasche geleert bestiegen diese seltsamen Reiselustigen erneut das Flugzeug, um diesem einmaligen Erlebnis die Einmaligkeit zu rauben. Der Erdbewegung entgegeneilend erlebten sie das Silvesterspektakel immer wieder aufs Neue: In Sydney, Jerusalem, Berlin, New York und Los Angeles Halt machend gelang es ihnen so, gleich sechs mal dem neuen Jahr und vor allem sich selbst ihres genialen Treibens wegen zuzuprosten.
Sie hat viel erlebt, die alte Standuhr. Jetzt ist sie siebzig Jahre alt. Jedenfalls wurde sie vor siebzig Jahren im Geschäft eines Uhrmachermeisters erworben. In Gronau an der Leine. Vielleicht ist sie ja auch schon ein paar Jahre älter, weil sie nach ihrer Fertigung etwas warten musste, bis der Meister sie meinem Vater verkaufen konnte. Möglich, dass sie zum 10jährigen Hochzeitstag meiner Eltern in unser Haus kam, dann müsste das im März 1930 gewesen sein. Genau kann ich es nicht mehr wissen, denn ich war damals noch zu klein. Aber an den Laden des Uhrmachers, der sich nur wenige Schritte neben unserem Haus befand, kann ich mich noch gut erinnern. Selbst der Name des Meisters ist mir noch geläufig. Drei innenliegende Sandsteinstufen führten neben dem Schaufenster in sein Geschäft. Immer, wenn ich mit Mutter oder Vater daran vorbeiging und bei schönem Wetter die Ladentür geöffnet war, blieb ich eine Weile stehen und schaute neugierig hinein. Die vielen Uhren faszinierten mich. Ich bestaunte dieses verwirrende Ticken der Perpendikel. Und auch die dunklen Gongschläge der großen Standuhren, das helle Klingen der Wanduhren und die Kuckucksrufe aus den Schnitzwerken des Schwarzwaldes. Mitunter, wenn er Zeit hatte, nickte mir der Meister zu und lud mich mit einer Handbewegung ein: