Raymond Zoller

Neujahrsnacht in Wolgograd

Von Raymond Zoller

Sonntag, den 12. Januar 1992

Neujahr hab ich dieses Jahr zweimal hintereinander gefeiert; zuerst nach Wolgograder Zeit und eine Stunde später dann nochmal nach Moskauer Zeit. In kleinem Kreis bei Freunden; entgegen meinen sonstigen Gepflogenheiten: vorm Fernseher. Zuerst lief der Wolgograder Sender; und als dort Neujahr durch war, schalteten wir um auf den Moskauer und harrten dem nächsten Jahreswechsel.

Diese Neujahrsfete am Fernseher war nicht einmal so uninteressant. Im Gegensatz zu den westlichen Neujahrsprogrammen war da kaum ausgearbeitete Gekünsteltheit (trotz des offensichtlichen Bemühens, sie nachzuahmen). Die Conferenciers wandten sich, halb im Scherz, halb im Ernst, an die “ehemaligen Genossen” und die “ehemaligen Bürger der Sowjetunion” und machten keinerlei Versuch, die Probleme hinter irgendeiner glänzenden Fassade zum Verschwinden zu bringen; sie wurden angesprochen; und es schwang - nicht gekünstelt, sondern echt - die Zuversicht mit, dass, wie ernst auch immer die Lage sei, man schon irgendwie damit fertig werde. Eine erfrischende Offenheit und Ehrlichkeit, wie sie auch hier im Fernsehen immer seltener wird. Aber zu Neujahr lebte sie nochmal auf. - Die Show-Einlagen waren von wohltuender unfreiwilliger Komik; da passte überhaupt nichts zusammen. Ein langhaariger, etwas fülliger junger Mensch, den man sich seinem Auftreten nach als Verkehrspolizist oder als Platzanweiser im Kino vorstellen könnte, sang in einer sehr schwülstigen Melodie ein Lied mit sehr sachlichem Text über Liebe, Schicksal und Abschied und was es sonst in der Richtung noch so gibt. Unterstützt wurde diese Sachlichkeit durch seine Bewegungen, die wie gesagt an die eines Verkehrspolizisten oder eines Platzanweisers erinnerten. Bei fachmännischer Ausarbeitung von Text, Musik und Vortrag in der unfreiwillig eingeschlagenen Richtung käme ein ausgezeichnetes Groteskical zustande. - All dies in wohltuendem Kontrast zu den zum Glück noch nicht erreichten westlichen Vorbildern, wo in ausgeklügelter professioneller Rafinesse ein glattes Gespinst aus Dummheit gewoben wird, das auch nicht den geringsten Durchschlupf zum Menschlichen mehr frei lässt.

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Tagebuchnotiz 10. November 1989

Von Raymond Zoller

Gerüchteweise davon gehört habend, luden wir uns abends um halb 11 bei dem Besitzer eines Fernsehgerätes zu den “Tagesthemen” ein. - Da sich irgendein noch geschichtsträchtigeres Fußballereignis dazwischengeschoben hatte, ließen die Tagesthemen auf sich warten. Auf dem Bildschirm liefen Leute einem Ball nach; und immer wieder ertönte, als sattsam bekannte Fanfare unseres zeitgenössischen kulturellen Lebens, das kraftvolle, vielstimmige “Ha-a-a-a-aaaaa.” - Ich reparierte derweil das Bett unseres Gastgebers, welches kurz vor unserem Eintreffen zusammengebrochen war; und als die “Tagesthemen” dann doch noch begannen (das Fußballereignis war wohl nicht wichtig genug, um sie völlig zu verdrängen) war ich eben fertig damit. - Während unser Gastgeber die Matratze und das Bettzeug wieder auflegte, schauten wir uns die “Tagesthemen” an, in deren Verlauf wir wiederholt darauf aufmerksam gemacht wurden, dass es sich in der Tat um einen historischen Tag handele. Als die Tagesthemen dann zu Ende waren, gingen wir schlafen.

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Soziale Plastik. Die Kunst der Allmende

Zum 30. Todestag von Joseph Beuys.

Die Reise nach Jerusalem

Roman

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Witze im 3. Reich