Aus der Enge der mütterlichen Geborgenheit ausgestoßen, ausgetrieben. Der Schrei, der erste Schrei, vermischt mit den Explosionen der detonierenden Bomben, hallt durch den feuchten, dunklen Bunker. Rings umher Menschen mit angstvollen Gesichtern, angespannten Körpern. Die Mutter allein gelassen ohne Hebamme und ärztliche Hilfe.
Dieser Bunker wird nun in den ersten zwei Jahren dieses kleinen Wesens immer wieder das schützende Zuhause, wenn die Sirenen den herannahenden Fliegerverband mit der tödlichen Last im Rumpf ankündigen.
Im späten Mittelalter, genauer gesagt im Jahre 1418, wurde in der Stadt Hildesheim am alten Markte das erste Fachwerkhaus errichtet. Ein Haus des Ackerbürgers war es und die Menschen, die in ihm leben durften, waren selbstbewusst und voller Freude. Sie waren Handwerker und mit Recht stolz auf das Geschaffene.
Wenig mehr als hundert Jahre später stand ein junger Zimmergeselle vor eben diesem wunderschönen Haus und konnte sich nicht sattsehen. Inzwischen waren schon viele weitere Fachwerkhäuser gebaut worden.
Im Frühjahr 1945 kehrten wir in unser Heimatdorf zurück. Wir alle waren froh, dass das Haus noch stand. Etliche Granaten waren zwar eingeschlagen, aber das Dach war nur teilweise zerstört. Vater fand am nächsten Tag zufällig zwischen zwei zerschossenen amerikanischen Militärfahrzeugen ein paar noch gut erhaltene Autoabdeckplanen. Damit konnte er provisorisch die Löcher im Dach flicken, so dass es nicht mehr durchregnete.
Meine Mutter machte sich große Sorgen, wovon wir wohl in Zukunft leben sollten. Es gab nichts zu kaufen, denn der Bäckerladen war ausgebrannt und der Konsum ausgeplündert. Wie groß war daher unsere Überraschung, als wir sahen, was die Amerikaner uns hinterlassen hatten! Jede Menge Büchsen mit Brot, Zwieback, Schmalz und Schokolade, lagen überall herum. Besonders das schneeweiße Brot war für uns Kinder etwas ganz Besonderes. Wir staunten nur noch, was wir im Haus und im Garten alles zum Essen fanden. Wochenlang konnten wir davon leben. Meine Eltern versuchten, aus den halbwegs noch brauchbaren Möbelstücken, notdürftig die Küche und zwei Schlafzimmer herzurichten.
Gemurmel im Hintergrund. Ihre Gäste reden von der Angst vor Kellergespenstern. Renates Gedanken driften in frühere Zeiten ab. Die Sirene heult ums Haus. Alte Bücher auf dem Speicher, ein Gesangbuch, »Bis hierher hat mich Gott gebracht…«. Tiefflieger, krachende Äste, heulender Sturm. Hinter einem kleinen Fenster, einem Ausschnitt im Dunkel, der tiefrote Himmel. Diese Erinnerungen plötzlich. Bilder, Rufen. »Mutter! Mutter!«, »Ruhe hier, was sollen denn die Kinder denken? Gehen Sie endlich wieder da hinten hin und bleiben Sie bei den anderen sitzen! Zivilisten! Es passiert Ihnen hier schon nichts!« Bilder, Lärm. Feuer vor dem Kellerfenster. »Dies Kind soll unverletzet sein.«
Es beginnt schon zu dämmern, als unsere Nachbarn, die alten Friedrichs, an der Wohnungstür klingeln. Ich öffne und muss erst einmal »hochziehen«, bevor ich »guten Abend« sagen kann, denn ein Taschentuch führe ich in meiner Hosentasche nicht. Ich bibbere immer noch vor Kälte. Meine Knie in den kurzen Hosen, auf die ich selbst im Winter nicht verzichten möchte, sind rot und blau gefroren, weil ich den ganzen Tag draußen bei der Versorgung der Flüchtlingstrecks durch das Jungvolk geholfen habe. Mutter hat die Friedrichs zum Abendessen eingeladen. Sie kämen an diesem Tag wahrscheinlich auch von allein zu uns herüber, aber die Einladung lässt wenigstens äußerlich den Eindruck entstehen, als sei alles noch normal. Friedrichs verbessern unsere geringen Lebensmittelvorräte mit ein paar eingemachten sauren Heringen. Für mich gibt es sowieso Milchsuppe mit Klimpern, das übliche Einerlei der letzten Wochen. Aus seiner Manteltasche zaubert der alte Friedrich dann eine Flasche Rotwein hervor, was Mutter zu einem erstaunten »Oh« veranlasst. Der alte Friedrich verweist auf die bekannte Tatsache, dass er von Hause aus Gastwirt sei. Trotzdem bleibt die Stimmung gedrückt. Keiner weiß so recht, wie man sich jetzt, nachdem die Front immer näher heranrückt, verhalten soll. Man spricht darüber, welche Bekannten sich mit der Bahn, die bis vor wenigen Tagen noch gefahren ist, bereits nach dem Westen abgesetzt haben. Gegenüber im Hotel liege noch genügend Militär, das uns notfalls in Sicherheit bringen würde, sagt Frau Friedrich und wiederholt diese Feststellung mehrere Male. Mutter schaltet das Licht aus, öffnet die Balkontür und zieht den Rollladen hoch. Aus der Ferne hört man deutlich Kanonendonner, über den sternenklaren Himmel zuckt flackerndes Licht wie ferne Blitze. Wir wagen einen Schritt auf den Balkon und können unten auf der Straße zwei Soldaten erkennen, die, wie es scheint, in aller Ruhe spazieren gehen. Mutter beugt sich über die Balkonbrüstung und ruft: »Was gibt es Neues von der Front? Sollen wir lieber in den Keller gehen?« Der eine der beiden antwortet, wir könnten uns ruhig in unsere Betten legen, es sei nichts zu befürchten. Die Erwachsenen kehren an den Tisch zurück, und Herr Friedrich schenkt den letzten Schluck Wein aus. Doch zum Trinken kommt keiner mehr.
Fortsetzung von »Pusteblumen im Winter«
Wieder einmal stehen wir in trostloser Dunkelheit und klammer eisiger Kälte mit unseren Gepäckballen und Koffern auf einer fremden Straße in einer Stadt, von der wir nur den Namen kennen: Neuwied. Wir strecken unsere steif gewordenen Glieder nach dieser nervtötenden nächtlichen Busfahrt. Neuwied. Wir sind sozusagen rausgeschmissen worden. Alle sind ausgestiegen, auch die Männer in Zivil. Die werden schon wissen, wie es für sie weitergeht. Kein auf Wiedersehen oder gar gute Wünsche für unsere Odyssee. Die verschwinden sang- und klanglos aus unserem Leben.
Aus dem Nichts schossen die metallenen Bestien urplötzlich über dem nahen Horizont empor, um sich sogleich auf die beiden erspähten Opfer zu stürzen. Wie Hornissen rasten sie in geringer Höhe über die unbestellten, kahlen Felder. Das Kind stand gebannt von dem Schauspiel und starrte mit großen, staunenden Augen in das aufblitzende Mündungsfeuer der beiden fliegenden Maschinengewehre. Bauer war noch zu unerfahren, die tödliche Gefahr zu erkennen, er versuchte instinktiv den Lärm abzuwehren und hob die kleinen Hände an die Ohren. Doch seine Mutter hatte ihn bereits am Arm gepackt und zog ihn von der Stelle, an der er gerade noch wie angewurzelt gestanden hatte, fort. Bauer stolperte und fiel. Aber seine Mutter ließ nicht los, sie zwang ihn, zog ihn, schleifte ihn über die unwegsamen Schollen. Rennend, stolpernd, schreiend erreichten sie den rettenden Wald, bevor die beiden heulenden Tiefflieger zurückkehrten.
Ich war gerade 17 Jahre alt. In der Kleinstadt mit ihren 3000 Einwohnern in der Nähe von Danzig, in der ich aufgewachsen war, lebten wir wie in einer Dorfgemeinschaft. Wir kannten uns fast alle. Der Krieg nahm immer mehr an Härte und Brutalität zu. Menschenmaterial wurde an der Kriegsfront verheizt. Die Blüte der Jugend wurde im viel zu frühen Alter im Kampf für das Vaterland gefordert. Der größte Teil der Jugend wurde zur Infanterie oder Waffen SS einberufen.
Ende September 1945 verließ ich mit meiner Mutter die von russischen Truppen besetzte Insel Rügen. Ich war acht Jahre alt. Unser Ziel: den von den westlichen Alliierten kontrollierten Teil Deutschlands zu erreichen. Wochenlang waren wir auf Achse und fragten uns täglich: wie geht es weiter, ohne Proviant und ohne ein Dach über dem Kopf. Wieder im Straßengraben übernachten oder vielleicht doch in einer Scheune unterkriechen? Stets waren wir in panischer Angst, von russischen Patrouillen gefasst oder von Landsleuten denunziert zu werden.
Der Winter 1946/47 war bitterkalt. Wir froren jämmerlich, hatten weder gute warme Bekleidung, noch Geld, um Kohlen zu kaufen. Wir, das waren meine Mutter, meine zwei Geschwister und ich, sechseinhalb Jahre jung. Wir waren zwei Jahre zuvor in einem in Polen noch eisigeren Winter in einem offenen Viehwaggon aus Posen geflüchtet. Dabei waren mir beide Beine bis zu den Knien erfroren. Zwei Jahre später litt ich noch immer an den Folgen dieser Erfrierungen. Die Füße wurden bei der winterlichen Kälte glasig und rot, platzten auf und eiterten.
Im Herbst 1944 hatten wir unser Dorf vor der anrückenden Front verlassen müssen und waren in den nahe gelegenen Wald gezogen. »Es ist nur für ein paar Tage«, hatte mein Vater gesagt, als wir Bretter, Balken, Bettzeug, einen Tisch, eine Kanne voll Milch, ein Säckchen Kartoffeln und einige Lebensmittel aus der Vorratskammer auf den Pferdewagen luden.
»Wir bleiben hier im Wald bis die Amerikaner kommen, dann können wir wieder zurück in unser Haus«, verkündete Vater abends, als die Bretterbude fertig aufgebaut war und wir uns total erschöpft an einem kleinen Feuer wärmten.
Zu meinen Kindheitserinnerungen gehören verdunkelte Fenster, Sirenen und überstürzte Fluchten in den Luftschutzkeller. Jede harmlose Sirenenübung der Feuerwehr jagt mir noch heute einen Schauer den Rücken hinunter, weil der Ton gekoppelt ist an diese nächtlichen Vorgänge, die mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegen.
Als die Front damals näher rückte, blieb es nicht mehr bei der nächtlichen Flucht in den Luftschutzkeller. Die Bevölkerung der östlichen Gebiete Deutschlands wurde evakuiert. Das war im Februar 1945. Es lag Schnee.
Der November 1944 war besonders kalt und nass.
Seit fast zwei Monaten hausten wir nun hier in einer Bretterbude am Waldrand, nachdem wir vor der heranrückenden Front geflüchtet waren. Es war nicht allzu weit entfernt von unserem Heimatdorf. Mein Vater war davon ausgegangen, dass wir wieder heimkehren könnten, sobald die Alliierten unser Dorf eingenommen hätten.
»Heute Nachmittag«, so erzählte Vater eines Abends, als wir wieder einmal frierend am prasselnden Feuer vor unserer Behausung saßen, »habe ich deutsche Soldaten getroffen, die mir sagten, dass die Kameraden in den Westwallbunkern den Vormarsch der Amerikaner gestoppt hätten.« Und nach einer Weile fügte er hinzu: »Ich fürchte, bei dieser Kälte können wir es nicht mehr lange hier aushalten.«
Die großen Schulferien sind verlängert worden. Klasse! Diese gute Botschaft hat sich herumgesprochen wie ein Lauffeuer. Da kommt Freude auf. Ich besuche das 3. Schuljahr in der Volksschule in Bochum-Weitmar. Heute, am 1. September 1939, weile ich schon drei lange Wochen in Ferien bei unserer Oma in Essen-Schonnebeck. Ich will aber nach Hause! Meine beiden Brüder sind bei den anderen Großeltern in Essen auf der Margarethenhöhe in Ferien.
Aber was ist heute, am 1. September 1939, eigentlich geschehen? Was ist los? Im Radio haben wir es gehört. Wir sind so aufgeregt. „Deutschland hat Polen den Krieg erklärt“, lautet die Nachricht. Warum? Was bedeutet Krieg?
In jener Nacht im März 1942, als unsere Mutter mich wach rüttelt, fliegen bereits britische Bomberverbände das Ruhrgebiet an. »Los Lore, aufstehen. Jeden Moment kann es Fliegeralarm geben. Im Radio ist bereits Feindeinflug gemeldet worden. Steh auf!« »Ach, lass mich doch schlafen. Vielleicht gibt es ja gar keinen Alarm!« Ich dreh mich wieder auf die Seite. Mama wird ärgerlich: »Los, raus aus den Federn!« Sie zieht das Oberbett weg und ich rolle mich verdrießlich im Trainingsanzug aus dem Bett. Wir ziehen seit Monaten keine Nachthemden mehr an. Meine beiden großen Brüder, die schon in die Schule gehen, hantieren in der Wohnküche. Sie ärgern mich oft und ziehen an meinen kurzen Zöpfen, nur weil ich ein Mädchen und die Kleinste bin. Der Frisör hat den Jungen die Haare zu kurz geschnitten. Ihre Ohren sind jetzt viel zu groß. Die Fenster in der Wohnung sind verdunkelt.
Vater, du verließest mich,
ich konnte gerad’ erst steh’n.
Das Vaterland, es brauchte dich —-,
es gab kein Wiederseh’n.
Wie gerne hätte ich mit dir
einmal geweint, gelacht,
hätt’ froh erlebt, wenn du mit mir
den ersten Schritt gemacht.
Ich kenne deine Stimme nicht
und sehn’ mich so nach ihr.
Die unerfüllte Sehnsucht
verklingt wohl nie in mir.
Nie durfte ich erfahren
das Streicheln deiner Hand.
Du opfertest dein Leben
und starbst im fremden Land.
Räume, Orte, Menschen, Fahrzeuge, ein wirres Kaleidoskop. Immer wieder einpacken, aufbrechen. Die »Lappen Ella« an die Brust gedrückt. Ihr, der Lumpenpuppe, flüsternd Geschichten erzählen, sie aufmuntern, um die eigene Angst zu verlieren. Einer Liebe, die in all dem Chaos Sicherheit, Geborgenheit gibt, damit Angst und Schrecken, die permanente Ungeborgenheit nicht überhand nehmen, sich nicht ausbreiten, nicht lähmen oder sich in einem Gebrüll zur falschen Zeit Bahn brechen: »Um Gottes Willen Kind, sei bloß still, du bringst uns noch alle ins Grab!« Damit keiner ihre Anwesenheit bemerkt und Schlimmeres, als dieses Kind sich je vorstellen kann, geschieht. Ein Kleinkinderleben in dieser Zeit. Kein zu Hause, kein Raum, kein Ort, nur eine Lappenpuppe als Stütze, in dieser aus den Fugen geratenen Welt.
Es waren junge Soldaten. Schüler, gerade 15 Jahre alt, als sie Anfang
1944 als Luftwaffenhelfer zu einer Flugabwehrbatterie eingezogen wurden.
Diese lag zum Schutz eines großen Stahlwerkes in Georgsmarienhütte.
Ich war einer von ihnen. Und zwar der Jüngste des Jahrgangs 1928, der
als letzte Altersstufe zur Flugabwehrkampfwaffe (Flak) verpflichtet
wurde.
Dreimal in der Woche fuhren wir Jungen zu unserer Schule nach Osnabrück,
um neben dem Dienst in der Stellung dennoch das Schulpensum zu erreichen
und den geistigen Anschluss nicht zu versäumen. In der übrigen Zeit
standen wir bei Tage und in den Nächten an der Kanone. Ein erfahrener
Geschützführer hatte das Kommando. Alle anderen Gefechtspositionen
wurden durch uns Luftwaffenhelfer besetzt, um die älteren Flaksoldaten
für die Fronteinsätze in Ost und West freizusetzen. Nur scheinbar waren
wir in der fliegerblauen Uniform mit den HJ-Armbinden noch Hitlerjugend,
die Wirklichkeit hatte schnell und gründlich Soldaten aus uns gemacht.
An einem Februartag 1945, wurden wir mit unseren Geschützen auf die Bahn
verladen. Stellungswechsel. Es ging nach Handorf bei Münster. Dort wurde
der Luftabwehr-Ring um den Nachtjagd-Einsatzhafen der Luftwaffe durch
unsere Batterie verstärkt. Als Ergänzung einer schweren
Großkampfstellung der Flak wurde unser Zug mit mittelschweren
Geschützen für die Abwehr von Tiefangriffen eingesetzt. Die Luft war
hier plötzlich wesentlich eisenhaltiger geworden.
Es war Anfang Dezember 1944, der letzte Kriegswinter. Vor Kälte schlotternd, mit rotgefrorenen Wangen, stürmte ich ins Haus, um mich ein wenig aufzuwärmen. Als ich händereibend die sonst so heimelige Wohnküche betrat, schlug mir eine ungewohnte Kälte entgegen. Etwas Bedrückendes lag in der Luft.
Statt meiner Mutter stand eine Nachbarin am Küchenherd und machte sich dort zu schaffen. Meine Mama, die hochschwanger war, saß mit ihrem unförmigen Leib am Küchentisch und hatte den Kopf auf ihre Hände gestützt. Beide Frauen schnupften und weinten in ihre Taschentücher. Erschreckt lief ich zu meiner Mutter und fragte sie: »Mama, warum weinst du?« Sie brachte kein Wort heraus, nahm mich nur schweigend in ihre Arme und drückte mich fest an sich. Ich spürte, wie ihr Leib von ihrem heftigen Schluchzen erschüttert wurde und ihre heißen Tränen meine kleinen, verfrorenen Hände netzten. Ungeduldig bohrte ich weiter: »Sag' doch, Mami, was ist geschehen?« Da nahm mich die Nachbarin zur Seite und erklärte mir, es sei ein Päckchen mit einem Brief angekommen, in dem uns mitgeteilt wurde, dass mein Vater in Polen gefallen sei und sie deshalb so traurig wären. Diese Worte trafen mich wie Peitschenhiebe.
Der Krieg führte uns zusammen,
dich, den gefangenen französischen Offizier,
der freiwillig bei meinem Großvater Dienst tat,
und mich, das kleine deutsche Mädchen.
In deinem Herzen brannte die Sehnsucht
nach Heimat und Familie,
in meinem die nach dem gefallenen Vater.
Wir ergänzten uns gegenseitig.
Du reichtest mir deine väterliche Hand,
stilltest meinen Wissensdurst.
Ich belohnte dich mit frischem Kinderlachen
und kindlicher Unbefangenheit.
Zärtlich nanntest du mich: »Bebe«,
und ich dich liebevoll: »Monsieur Viktor«.
Jeden Sonntag erwartete ich dich ungeduldig
an dem großen Tor unserer Hofeinfahrt.
Vertrauensvoll legte ich meine kleine
Kinderhand in deine große Männerhand.
Fröhlich spazierten wir
über duftende Wiesen und Felder.
Die Feld-, Wald-, Wiesendüfte
betörten mich schon als Kind.
Lag es vielleicht an dir?
Voller Begeisterung erklärtest du mir
die Wunder der Natur.
Den Arm voller Wiesenblumen,
sangen wir lauthals
deine und meine Kinderlieder.
Flogen die Schwalben über unsere Köpfe,
warst du fest davon überzeugt,
dass sie dir Grüße aus Frankreich brächten.
Später habe ich so gedacht.
Er hörte es in den Abend-Nachrichten.
In der westfälischen Stadt Rheine war am Nachmittag eine Bombe explodiert. Ein Blindgänger aus dem zweiten Weltkrieg. Ein schreckliches Ereignis, denn ein Bauarbeiter war bei diesem Unglück um sein Leben gekommen. Es war ein Toter zu viel.
Was war geschehen?
In der Stadt wurde ein neues Geschäftszentrum geplant. Direkt gegenüber vom Bahnhof. Die Vorarbeiten für dieses Objekt waren mit den Ausschachtungsarbeiten und der Trümmerräumung in vollem Gang. Einige Häuser des engeren Stadtkerns mussten diesen Planungen weichen. Es waren alte Häuser und auch ehemals bebaute Bereiche, die nach den Kriegsschäden unbedingt einer Erneuerung bedurften.
Der Krieg hielt dich in seinen Klauen.
Ich, dein Töchterchen, wuchs in Mutters Großfamilie auf.
Ich vermisste dich nicht, weil ich dich nicht kannte.
Mutter hatte viele Brüder, alles meine Onkel,
die ständig um mich herum waren.
Dann kamst du unverhofft auf Fronturlaub.
Freudig rief Mutter: »Anne, dein Papa ist da!«
Schüchtern reichte ich dir meine kleine Hand
und hauchte: “Onkel Papa”.
Du warst geschockt, enttäuscht.
Ich hatte dir sehr weh getan,
dabei wollte ich nur höflich sein.
Heute würde ich bis ans Ende der Welt laufen,
könnte ich nur einmal “Papa” zu dir sagen.
Kann man das Leben nennen, das wir hier führen, Anfang Februar 1945? Mit “wir” meine ich unsere übrig gebliebene kleine Familie: die Mama, den Hubert, unser Baby Brigitte und mich. Wir atmen noch in einem ständig von der feindlichen Artillerie beschossenen kleinen Dorf in der Voreifel. - Ja, Iversheim gibt es noch! In den verbauten engen kleinen Fachwerkhäusern ohne Kanalisation leben Menschen - an der Ley, eigentlich müsste es heißen “An der Erft”, denn diese plätschert ins Dorf hinunter. Eine Mauer und eine schmale Straße trennen das Flüsschen von den fast an den “Katzenberg” gelehnten Häuschen.
»Morgen gibt es die letzten Zeugnisse von mir!« verkündete Lehrer Thoma uns, der vierten Schulklasse, einige Tage vor Ostern. Nun war das Ende des Schuljahres 1944 gekommen und jetzt musste entschieden werden, wer zum Gymnasium ging oder nicht.
Ich hatte schon einige Monate vorher heimlich bei meiner Mutter mal nachgefragt, ob ich, wenn das Zeugnis gut wäre, auf die höhere Schule gehen dürfte. Mit meinem Vater darüber zu sprechen, traute ich mich nicht. Ich sollte als Ältester von vier Kindern einmal seinen Hof übernehmen. Nach seiner Meinung brauchte ich dafür aber keine höhere Schule.
Die Milchkanne schlenkert um ihr Handgelenk, schlägt wider Willen gegen einen der Feldsteine am Rand der Dorfstraße, baumelt lange Minuten träge neben der Wiese mit dem Löwenzahn herum, klappert gegen den endlosen Lattenzaun, scheppert lustlos mit dem Deckel und hängt endlich zwischen braunen, grauen, karierten Wollröcken und Tuchjacken dicht über dem kühlen Terrazzofußboden im säuerlichen Dunst des Ladens.
Die käsige Luft schwingt vom erregten Flüster-Stimmen-Gewirr. Keine klaren Worte, kein verständlicher Satz. Fragende, gedämpfte, zweifelnde, ungläubig hoffende, zusichernde, bestimmt wissende, ängstlich-freudige Laute tropfen ihr in die Kanne, mit dem Achtellitermaß geschöpfte Juchzer perlen hinein; ein Viertelliter halblauter Jubel und glucksende Seufzer rinnen nach; warnende Töne und bedeutungsvolles Gemurmel füllen sie bis zum Rand. Das Geraune kondensiert ihr zu einer Gewissheit, wichtiger als Milch.
Helmut beugte sich über seinen alten, zerkratzten Schreibtisch, auf dem sich abgegriffene Bücher, Kladden und Alben türmten. Seine Hände, übersät mit braunen Flecken und hervortretenden dunklen Adersträngen, umfassten zitternd ein großes vergilbtes Foto.
»1924«, brummelte er.
»Was war 1924, Opa?«
Schwerfällig sank Helmut auf den gepolsterten Stuhl und seufzte. Er hatte seinen zwölfjährigen Urenkel Kai, der ihm mit verwuscheltem hellblondem Haarschopf im Schlafanzug gegenüber saß, für eine Weile vergessen. Nun blickte er ihn zwinkernd an.
Dunkel war es gewesen, als die Mutter sie geweckt hatte. Sie hatte über das Hemdchen das Leibchen und darüber zwei Pullover und auch noch die Strickjacke anziehen müssen, und zwei Röcke. Eng war es im Mantel, gar nicht richtig warm, als sie in der kalten Januarluft zum Bahnhof trabten, die Mutter mit dem Koffer, der großen Tasche und dem Rucksack und sie mit den Schwestern an der Hand, Anna und Stänzel. Die sind noch klein, sagte die Mutter, du bist schon groß.