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Überschäumen (8. Mai 1945)

Die Milchkanne schlenkert um ihr Handgelenk, schlägt wider Willen gegen einen der Feldsteine am Rand der Dorfstraße, baumelt lange Minuten träge neben der Wiese mit dem Löwenzahn herum, klappert gegen den endlosen Lattenzaun, scheppert lustlos mit dem Deckel und hängt endlich zwischen braunen, grauen, karierten Wollröcken und Tuchjacken dicht über dem kühlen Terrazzofußboden im säuerlichen Dunst des Ladens.

Die käsige Luft schwingt vom erregten Flüster-Stimmen-Gewirr. Keine klaren Worte, kein verständlicher Satz. Fragende, gedämpfte, zweifelnde, ungläubig hoffende, zusichernde, bestimmt wissende, ängstlich-freudige Laute tropfen ihr in die Kanne, mit dem Achtellitermaß geschöpfte Juchzer perlen hinein; ein Viertelliter halblauter Jubel und glucksende Seufzer rinnen nach; warnende Töne und bedeutungsvolles Gemurmel füllen sie bis zum Rand. Das Geraune kondensiert ihr zu einer Gewissheit, wichtiger als Milch.

Aus dem Halbdunkel der Ängste und Hoffnungen von Einheimischen und Flüchtlingsfrauen heraus stürzt sie in die strahlende Maisonne, hinein in die Frühlingswärme, und rennt die Dorfstraße zurück, die freudenvolle Kanne fliegt ihr waagerecht nach und schäumt über auf der Schwelle des Hauses, in dem ihre Mutter mit drei Kleinkindern Quartier gefunden hat. Es quillt, sprudelt und spritzt heraus, hoch bis in die Mansarde: Müttli, der Krieg ist aus!

Die junge Frau kommt die Treppe herunter, überspringt zwei Stufen, bleibt stehen, läuft weiter, in die Küche hinein. Sie zieht den Hocker unter dem Tisch hervor, stellt ihn vor die Küchenvitrine, steigt hinauf und dreht an dem Knopf des Volksempfängers oben auf dem Schrank, bis das grüne Auge leuchtet und eine Stimme die Nachricht vom 8. Mai bestätigt.

Das Schreien hat die Hausbesitzerin herbeigerufen. Die steht nun in der Tür, sieht die fremden Kinder in ihrer Küche, die fremde Frau entspannt vom Hocker steigen und hört sie ›Gott sei Dank‹ sagen. Da fängt sie an zu zittern, zu schluchzen, sucht in ihrer Schürzentasche nach dem Taschentuch, findet es nicht, und heult dann gellend laut auf: »Nur wegen Sie, wegen Leute wie Sie ist das.«

»Geh jetzt die Milch holen, zwei Liter«, sagt die Mutter zu ihrer Tochter.

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