1943
In meinem zwölften Lebensjahr, kurz bevor die Welt aus den Angeln zu
geraten schien, traf ich sie. Sie war nicht älter als ich und hatte
große dunkle Augen und schwarzes glänzendes Haar. Ihre wunderschöne Haut
war von der eisigen Januarkälte krebsrot gefärbt. Ich war fasziniert von
der Ausstrahlung dieses Mädchens. Ihre Kleidung war nicht bemerkenswert.
Sie trug einen langen schwarzen Mantel, der ihre Figur verhüllte,
abgetragene Schuhe, einen verwaschenen Schal sowie mehrfach gestopfte
Wollhandschuhe. Aber ihre Augen, diese dunklen Augen verzauberten mich,
alles andere war nebensächlich.
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Aus der Enge der mütterlichen Geborgenheit ausgestoßen, ausgetrieben.
Der Schrei, der erste Schrei, vermischt mit den Explosionen der
detonierenden Bomben, hallt durch den feuchten, dunklen Bunker. Rings
umher Menschen mit angstvollen Gesichtern, angespannten Körpern. Die
Mutter allein gelassen ohne Hebamme und ärztliche Hilfe.
Dieser Bunker wird nun in den ersten zwei Jahren dieses kleinen Wesens
immer wieder das schützende Zuhause, wenn die Sirenen den herannahenden
Fliegerverband mit der tödlichen Last im Rumpf ankündigen.
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Meine Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft im Dorf. Vater war vom
Militärdienst freigestellt. Er musste dafür in den Kriegsjahren täglich
mit Pferd und Wagen in mehreren Dörfern die Milch bei den Bauern abholen
und zur Molkerei fahren. Meistens kam er erst am späten Nachmittag nach
Hause, sodass meine Mutter viele Arbeiten im Stall und auf dem Feld
alleine verrichten musste. Daneben hatte sie noch uns vier Kinder zu
versorgen.
Als ihr dann im Herbst 1943 eine junge Russin als Hilfe zugeteilt wurde,
war das für sie eine spürbare Erleichterung. Die Frau war fünfundzwanzig
Jahre alt, sehr scheu und konnte etwas deutsch. Im Obergeschoss unseres
Hauses hatte mein Vater ein Zimmer hergerichtet, in das ich nach den
Ferien einziehen sollte.
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