An jedem Morgen war es so. In jeder Woche und jedem Monat, mit Ausnahme
der Ferien. Es war nur ein kurzer Weg vom Haus seiner Eltern zum
Bahnhof. In dem kleinen beschaulichen Ort, in dem es kein Gymnasium gab,
war diese tägliche Bahnfahrt für ihn und seine Mitschüler erforderlich.
Es war eine Nebenstrecke, auf der das alte Dampfross sich mit Pfeifen
und Rumpeln durch die grüne Landschaft quälte. Wenn die
vorsintflutlichen Waggons an der Station hielten, traf der Junge weitere
Freunde, die bereits an der vorigen Haltestelle eingestiegen waren. In
den alten Wagen nahmen sie gewöhnlich auf den Holzbänken Platz, oder sie
standen bei besserem Wetter draußen auf der offenen Plattform. Fünf
Stationen waren es bis zur Stadt. Und dort ging es auf Schusters Rappen
weiter bis zur Schule. Manchmal verspätete sich der Zug ein wenig. Dies
wurde von allen gern genutzt, um die erste Unterrichtsstunde zu
versäumen. Wenn man entsprechend bummelte, so blieb die Ausrede, dass
sich der Zug verspätet habe, doch eine bestimmte Art von Wahrheit. Zwar
kam man am Mittag etwas später als die Stadtkinder wieder in die Nähe
von Mutters Kochtopf, doch wie das so ist: Alles im Leben gleicht sich
aus.
Im Herbst 1944 hatten wir unser Dorf vor der anrückenden Front verlassen
müssen und waren in den nahe gelegenen Wald gezogen. »Es ist nur für ein
paar Tage«, hatte mein Vater gesagt, als wir Bretter, Balken, Bettzeug,
einen Tisch, eine Kanne voll Milch, ein Säckchen Kartoffeln und einige
Lebensmittel aus der Vorratskammer auf den Pferdewagen luden.
»Wir bleiben hier im Wald bis die Amerikaner kommen, dann können wir
wieder zurück in unser Haus«, verkündete Vater abends, als die
Bretterbude fertig aufgebaut war und wir uns total erschöpft an einem
kleinen Feuer wärmten.
Wenige Worte: Beileid, Tapferkeit. Sind nie langlebig gewesen, die
Männer unserer Familie. Wollte er sterben, vom Krieg gefressen?
Kein Essen, den Sohn ins Wäschewasser geworfen, weiß gewaschen bei den
Göttern deponiert, keine Zeit für Besuche, die Kinder wollen Essen, was
hast du Feigling sie allein gelassen.
Einer muss bleiben um klug zu werden, sie gaben dir nichts, damit du die
Hoffnung nicht aufgibst, wartest, weil es zu wenig gewesen ist, um
weiterzugehen, wer braucht in diesen Zeiten eine Lateinprofessorin, kein
Essen am Tisch, wer ist der Ehemann.
Seit fast zwei Monaten hausten wir nun hier in einer Bretterbude am
Waldrand, nachdem wir vor der heranrückenden Front geflüchtet waren. Es
war nicht allzu weit entfernt von unserem Heimatdorf. Mein Vater war
davon ausgegangen, dass wir wieder heimkehren könnten, sobald die
Alliierten unser Dorf eingenommen hätten.
»Heute Nachmittag«, so erzählte Vater eines Abends, als wir wieder
einmal frierend am prasselnden Feuer vor unserer Behausung saßen, »habe
ich deutsche Soldaten getroffen, die mir sagten, dass die Kameraden in
den Westwallbunkern den Vormarsch der Amerikaner gestoppt hätten.« Und
nach einer Weile fügte er hinzu: »Ich fürchte, bei dieser Kälte können
wir es nicht mehr lange hier aushalten.«
Es war Anfang Dezember 1944, der letzte Kriegswinter. Vor Kälte
schlotternd, mit rotgefrorenen Wangen, stürmte ich ins Haus, um mich ein
wenig aufzuwärmen. Als ich händereibend die sonst so heimelige Wohnküche
betrat, schlug mir eine ungewohnte Kälte entgegen. Etwas Bedrückendes
lag in der Luft.
Statt meiner Mutter stand eine Nachbarin am Küchenherd und machte sich
dort zu schaffen. Meine Mama, die hochschwanger war, saß mit ihrem
unförmigen Leib am Küchentisch und hatte den Kopf auf ihre Hände
gestützt. Beide Frauen schnupften und weinten in ihre Taschentücher.
Erschreckt lief ich zu meiner Mutter und fragte sie: »Mama, warum weinst
du?« Sie brachte kein Wort heraus, nahm mich nur schweigend in ihre Arme
und drückte mich fest an sich. Ich spürte, wie ihr Leib von ihrem
heftigen Schluchzen erschüttert wurde und ihre heißen Tränen meine
kleinen, verfrorenen Hände netzten. Ungeduldig bohrte ich weiter: »Sag'
doch, Mami, was ist geschehen?« Da nahm mich die Nachbarin zur Seite und
erklärte mir, es sei ein Päckchen mit einem Brief angekommen, in dem uns
mitgeteilt wurde, dass mein Vater in Polen gefallen sei und sie deshalb
so traurig wären. Diese Worte trafen mich wie Peitschenhiebe.
»Morgen gibt es die letzten Zeugnisse von mir!« verkündete Lehrer Thoma
uns, der vierten Schulklasse, einige Tage vor Ostern. Nun war das Ende
des Schuljahres 1944 gekommen und jetzt musste entschieden werden, wer
zum Gymnasium ging oder nicht.
Ich hatte schon einige Monate vorher heimlich bei meiner Mutter mal
nachgefragt, ob ich, wenn das Zeugnis gut wäre, auf die höhere Schule
gehen dürfte. Mit meinem Vater darüber zu sprechen, traute ich mich
nicht. Ich sollte als Ältester von vier Kindern einmal seinen Hof
übernehmen. Nach seiner Meinung brauchte ich dafür aber keine höhere
Schule.
Wer von uns damals in den Jahren des Krieges den hinweisenden Namen
“Iwan” benutzte, meinte damit im Allgemeinen Russland oder die
russischen Menschen. Sozusagen als “Begriffsverwandtschaft” verstanden.
Dabei musste das nicht negativ gemeint sein. Genau so wenig, wie die
Deutschen von den Österreichern als “Piefke”, von den Franzosen als
“Boche” oder den Niederländern als “Moffe” bezeichnet werden. Auch das
muss nicht ausgesprochen abfällig gemeint sein. Der Name Iwan ist in
Russland halt ein häufig vertretener Vorname. Daher hat man diese
Bezeichnung wohl als Synonym für das Land und seine Bewohner ausgewählt.
Es war im Frühling 1944, ich war gerade sechzehn Jahre alt geworden. Die
Zeiten wurden immer gefährlicher und erbarmungsloser. Wieder war ich auf
mich allein gestellt, wieder war ich auf der Flucht. Ich stand
verzweifelt im Bahnhof von Wilhelmshaven und fürchtete mich vor jedem,
der mich ansah oder sich nur länger in meiner Nähe aufhielt.
Die Züge fuhren sehr unregelmäßig. Ich hatte mir eine Fahrkarte nach
Köln gekauft und musste warten.