Im August 1992 bereiste ich mit meinen Eltern die Südstaaten der USA.
Unsere Reise führte uns unter anderem auch nach Memphis. Im Radisson
Hotel abgestiegen, vernahmen wir schon bald von einem herannahenden
Hurricane, der gerade über Florida zog und sich nun bedrohlich New
Orleans näherte. Dies wäre unsere nächste Station auf der Reise gewesen.
So kam es, dass wir uns zwischen Graceland, Raddampfer-Fahrt auf dem
Mississippi und anderen Aktivitäten regelmäßig im Hotelzimmer einfanden,
um den Weather Channel zu konsultieren. Und tatsächlich: Hurricane
Andrew hatte New Orleans in sein bedrohliches Auge gefasst und drohte
damit, unsere Reisepläne ziemlich zu durchkreuzen. Unzählige Faxe und
Telefonate mit unserem Reisebüro in der Schweiz führten letztendlich
dazu, dass wir unseren Aufenthalt in Memphis unfreiwillig verlängerten
und die Hotelreservation in New Orleans annullierten. Aus geplanten 2
wurden 5 Tage Memphis. Doch soviel bietet dieses beschauliche Städtchen
eigentlich gar nicht. Die Besichtigungen nahmen ab, der Fernsehkonsum
zu. Der Weather Channel hielt uns auf dem Laufenden und bestätigte, dass
unsere Entscheidung richtig war.
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Sonntag, den 12. Januar 1992
Neujahr hab ich dieses Jahr zweimal hintereinander gefeiert; zuerst nach
Wolgograder Zeit und eine Stunde später dann nochmal nach Moskauer Zeit.
In kleinem Kreis bei Freunden; entgegen meinen sonstigen
Gepflogenheiten: vorm Fernseher. Zuerst lief der Wolgograder Sender; und
als dort Neujahr durch war, schalteten wir um auf den Moskauer und
harrten dem nächsten Jahreswechsel.
Diese Neujahrsfete am Fernseher war nicht einmal so uninteressant. Im
Gegensatz zu den westlichen Neujahrsprogrammen war da kaum
ausgearbeitete Gekünsteltheit (trotz des offensichtlichen Bemühens, sie
nachzuahmen). Die Conferenciers wandten sich, halb im Scherz, halb im
Ernst, an die “ehemaligen Genossen” und die “ehemaligen Bürger der
Sowjetunion” und machten keinerlei Versuch, die Probleme hinter
irgendeiner glänzenden Fassade zum Verschwinden zu bringen; sie wurden
angesprochen; und es schwang - nicht gekünstelt, sondern echt - die
Zuversicht mit, dass, wie ernst auch immer die Lage sei, man schon
irgendwie damit fertig werde. Eine erfrischende Offenheit und
Ehrlichkeit, wie sie auch hier im Fernsehen immer seltener wird. Aber zu
Neujahr lebte sie nochmal auf. - Die Show-Einlagen waren von wohltuender
unfreiwilliger Komik; da passte überhaupt nichts zusammen. Ein
langhaariger, etwas fülliger junger Mensch, den man sich seinem
Auftreten nach als Verkehrspolizist oder als Platzanweiser im Kino
vorstellen könnte, sang in einer sehr schwülstigen Melodie ein Lied mit
sehr sachlichem Text über Liebe, Schicksal und Abschied und was es sonst
in der Richtung noch so gibt. Unterstützt wurde diese Sachlichkeit durch
seine Bewegungen, die wie gesagt an die eines Verkehrspolizisten oder
eines Platzanweisers erinnerten. Bei fachmännischer Ausarbeitung von
Text, Musik und Vortrag in der unfreiwillig eingeschlagenen Richtung
käme ein ausgezeichnetes Groteskical zustande. - All dies in wohltuendem
Kontrast zu den zum Glück noch nicht erreichten westlichen Vorbildern,
wo in ausgeklügelter professioneller Rafinesse ein glattes Gespinst aus
Dummheit gewoben wird, das auch nicht den geringsten Durchschlupf zum
Menschlichen mehr frei lässt.
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