1990
Seit Anfang September war ich (damals 16) nun hier, und bisher wars auch
ganz gut so, hier; Die kurz nach Beginn des kalten Krieges einsetzendn
Bemühungen um die sog. deutsch-französische Freundschaft waren auch an
meiner Schule nicht spurlos vorrübergegangen, und ich hatte - nachdem
meine Eltern sich jahrelang erfolglos bemüht hatten - mich endlich nach
einem 14-tägigen Besuch von Franzosen an unserer Schule bereit erklärt,
ein dreimonatiges Gastspiel an der “Ècole Internat Rudolph Steiner
Laboissiérre-en-Théle” zu wagen. Diese liegt ca. 40 Km von Paris
entfernt, mitten in einem winzigen Dorf in der französichen Prärie.
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Eine Polemik
Wie vermisse ich diesen Satz, vermisse dieses Signal des Stammtisches,
der großformatigen Zeitung, diese weiße Fahne der Dummheit, die immer
dann aufgezogen wurde, wenn die Argumente nicht mehr ausreichten.
Nicht, daß ich diesem Rat gefolgt wäre. Der Unterschied zwischen “Real
existierendem Sozialismus” und “Kapitalismus mit menschlichem Antlitz”
war mir sehr wohl bekannt. “Im Kapitalismus beutet der Einzelne die
Massen aus. Im Sozialismus ist es genau umgekehrt.” Treffender als in
diesem alte DDR-Witz kann niemand beschreiben, was östlich der Elbe
lief.
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Im Übergangszustand Ostdeutschlands
Große rote Lettern stechen aus der Warntafel hervor: “Objektbezogene
Alarmierung bei Bränden und Havarien”. Dieses Plakat im Treppenhaus des
Chemielaborgebäudes in der August-Bebel-Straße war einer meiner ersten
prägenden Eindrücke in Jena. Und auch während des gesamten Semesters, in
dem ich hier Chemie studierte, zeigte es mir immer an, daß ich hier noch
nicht ganz zu Hause war.
In Jena sprach man von “Zielstellung” statt “Zielsetzung”, Kunststoffe
ware hier “Plaste und Elaste”. Der Titel gehörte zur Anrede, und auch
das “Fräulein” galt als Norm. Ich hörte manchmal Redewendungen wie “Er
ist orientiert worden auf 16 Uhr” oder das in westdeutschen Ohren so
fatalistisch klingende Versprechen “Das geht seinen Gang”. Schon
ausgestorben waren der “Broiler”, ein gegrilltes Hähnchen, und auch kein
Restaurant hätte mehr Kartoffeln als “Sättigungsbeilagen” offeriert.
Sehr bald, gleich im September 1990, lernte ich auch, daß Thüringisch
nicht Sächsisch ist und auch nie so bezeichnet werden darf.
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Volkskammerwahl März 1990
Zum ersten Male ohne Hammer
rief man das Volk zur Wahl der Kammer.
Die Farben waren buntgemischt,
viel stumpfer Lack nur aufgefrischt,
jedoch ein westlich angehauchtes Rötlich
erwies sich später fast als tödlich.
So gingen denn auch die Prognosen
mit Hochdruck in die Schlotterhosen!
Man wählte den, der mehr versprach,
und sparte sich das Ungemach,
die Rechnung nachzukontrollieren,
ließ lieber sich vom Schein verführen.
Dem Kandidaten Böhme, Ibrahim*,
erging es ganz besonders schlimm!
Sah er sich doch als Prätendenten
für den Ministerpräsidenten -
und stürzte dann unendlich tief,
weil alles gänzlich anders lief.
Doch ist´s, genau geseh´n, verständlich!
Des Volkes Mehrheit dachte ländlich
und wie die echten Bauernschlauen,
die nur aufs Fett im Schinken schauen:
wenn jemand auch zuviel verspricht
und hält nachher die Hälfte nicht -
ist dennoch für uns mehr zu holen,
als dort, wo sie uns nicht verkohlen!
Ob diese Sicht im Endeffekt
den Wechsel auf die Zukunft deckt,
zählt dabei erst an zweiter Stelle
in dieser Welt der Wechselfälle!
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Roman
Leseprobe:
Daß etwas Altes, Erneuerungsbedürftiges in unserem Land zu Ende ging,
merkte ich deutlich und ganz persönlich bei unseren monatlichen
Frauentreffen. Jedesmal fehlten mehr. Das war kein Wunder. Regelrecht
vernarrt war ich in das Feindbild unserer politischen Gegner; und so
drehte sich unsere Diskussion im Kreis, war unproduktiv. Ich konnte
ihnen weder das politisch gute Gefühl, noch das vereinsmäßig gute
Gefühl, das Gefühl der Geborgenheit, des Aufgehobenseins erhalten. Am
Ende blieb Leere und Hohlheit in den Worten, in den Gedanken. Hinzu kam,
daß der DFD (Demokratischer Frauenbund Deutschlands) inzwischen auch als
systemfreundlich galt und demzufolge lieber zu meiden war. Es war nicht
so, daß die Frauen gleichgültig, uninteressiert oder unwillig gegenüber
einer Erneuerung, einer Verbesserung des Lebens, der politischen
Situation gewesen wären. Das ganz bestimmt nicht. Nur, und das war die
Frage, was sollten sie tun? Man konnte nicht von ihnen erwarten, daß sie
in die nächste Stadt fuhren, um zu demonstrieren. Nein, davon hielten
die meisten auf dem Land nichts.
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