1986
1986 begann 1989: Das Kind musste wachsen. Unbedingt wachsen. Kind, wachs
doch, weil nach deinem dritten Geburtstag wirst du stehen bleiben.
Keinen einzigen neuen Strich werden wir am Türstock mehr ziehen können.
Kein Millimeter mehr. Kind, beeil dich. Kind, wachs schneller, die Zeit.
- Eines Tages werden die Kirschbäume aufgeblüht gewesen sein. - Hatte
Christa Wolf in der Zwischenzeit geschrieben. Nur wegen dem ROT der
Kirschen, die gewachsen sind in den Jahren. Und abgefallen. Und wieder
gewachsen. Und abgefallen. Und geblüht haben sie - hatte sich das halten
lassen. Über die Jahre.
Am 26. April 1986 geschieht in einem ukrainischen Atomkraftwerk in
Tschernobyl das angeblich im Restrisiko verborgene Unmögliche: der GAU.
Durch mehrere Bedienungsfehler gerät der Reaktorblock 4 außer Kontrolle,
der Reaktor brennt durch, es kommt zu einer Explosion, das Kernkraftwerk
geht in Flammen auf. Riesige Mengen Radioaktivität werden freigesetzt.
Zunächst soll der Unfall vertuscht werden. Die Bewohner der Umgebung
ahnen nichts von der Gefahr. Manche sonnen sich unbekümmert am nächsten
Tag vor ihrem Haus, beobachten neugierig den Reaktorbrand. Erst 36
Stunden nach dem Unfall beginnen die Behörden rund 200 Dörfer in der
Umgebung des Reaktors zu evakuieren.
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Ehemals war ich ein kleiner Schuljunge ohne Wissen und vor allem ohne
Ahnung darüber, wie die Welt ihren Tanz auf’s Parkett bringt. Heute habe
ich verstanden: was die Welt ausmacht, sind die Menschen in ihr und ihre
Gedanken - sie sind es, die entscheiden, ob es ein langsamer Walzer oder
ein Tango sein wird. Sie sind es, die entscheiden, wie schnell sie außer
Atem kommt unsere Welt. Freilich, wenn die Musik schneller und schneller
wird, kann sie irgendwann einmal nicht mehr mithalten und lässt uns
entkräftet fallen.
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