1953
Am 17. Juni 1953 arbeitete mein Vater wie immer im Malergeschäft seines
Vaters Willi Barth. Im Radio wurde von Unruhen und Demonstrationen
berichtet. Am Nachmittag kam Dieter, ein Malerlehrling, zu uns. Ich
spielte auf dem Hof. Dieter fragte nach meiner Mutter. Ich rief sie und
hörte, wie er zu ihr sagte: »Frau Barth, Ihren Mann haben die Russen
mitgenommen.« Meine Mutter war geschockt und starrte ins Leere, ehe sie
leise fragte: »Dieter, wieso denn das?« Sie hatte die Hände vors Gesicht
geschlagen, während der Lehrling erzählte: »Ja, am Schönebecker Bahnhof
hat Ihr Mann von der Treppe aus zu den Menschen gesprochen. Dann kamen
die Russen mit Panzern. Aus der Menge haben sie einige rausgegriffen.
Den Wilhelm haben sie auch weggeholt. Als sie den hatten, hat Ihr Mann
ihn befreien wollen und zum Widerstand aufgerufen. Als die Russen
vordrangen, wollte er abhauen, stolperte aber über sein Rad. Dann haben
die Russen ihn mitgenommen. Mehr weiß ich nicht, bin vor Schreck gleich
abgehauen.«
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Ich erinnere mich, daß ich als kleines Kind im Park unserer Wohnsiedlung
in Warschau, sehr gerne mit meinem Ball am Denkmal eines Herrn mit
großem Schnurbart gespielt habe. Ich habe den Ball gegen das Denkmal aus
rotem Sandstein geworfen, und der Ball sprang wieder zu mir zurück, der
joviale Herr auf dem Sockel, es war nur sein Kopf, lächelte mir dabei
freundlich zu. Eines Tages war der Kopf weg, zugleich sah ich den Kopf
dieses Herrn auf der Titelseite unserer Kinderzeitschrift, schwarz
umrandet. Ich war gerade drei Jahre alt.
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Ein fremdartiges Brummen, Dröhnen lag in der Luft, die Fensterscheiben
zitterten. Sie stürzte zum Fenster und sah aus ihrer luftigen Höhe aus
dem dritten Stock in der Warschauer Str. 165 in Ost-Berlin, Panzer durch
die Straße rollen. Voller Freude entdeckte sie kyrillische Buchstaben.
Das sind russische Panzer, dachte sie, da fahren Russische Soldaten, mit
denen kann ich endlich mal wieder Russisch sprechen. Vielleicht ist ja
auch einer aus Leningrad dabei.
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Als am 4. März 1953 der Tod Stalins bekanntgegeben wird, hält die Welt
den Atem an. Ein Mythos war tot. Für fast drei Jahrzehnte hat Stalin die
Sowjetunion mit stählerner Hand regiert. Millionen Menschen sind seiner
Politik zum Opfer gefallen.
Der Georgier Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili wurde am 21. Dezember
1879 geboren. 1903 schloss er sich Lenin an, nach dessen Tod er durch
Ausschaltung seiner Gegner zum Alleinherrscher wurde.
Stalin hatte große Ziele. Rücksichtslos verwandelte er die Sowjetunion
innerhalb weniger Jahre in einen modernen Industriestaat. Der
Kollektivierung der Landwirtschaft fielen dabei 11 Millionen Menschen
zum Opfer. Bei der “Großen Säuberung” in den Jahren 1936 bis 1939 wurden
über 8 Millionen Menschen verhaftet, die Straflager Sibiriens füllten
sich bis 1942 mit über 12 Millionen Menschen. In monströsen
Schauprozessen rechnete Stalin mit seinen Gegnern in Partei und Armee
ab.
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Vor mir liegt das Foto. Format 6x9, schwarz-weiß, mit weißem, gezacktem
Rand: ein sechsjähriger Junge im Museumspark in Braunschweig, schon
ziemlich aufgeschossen für sein Alter, eine glänzende Schultüte im
rechten Arm, das Butterbrot-Täschchen vor der Hüfte hängend. Sein Kopf
ist leicht zur Seite geneigt, das aschblonde Haar sauber gescheitelt.
Schüchtern und ein wenig verschämt grinst er in die Kamera. Er trägt
einen quergestreiften Pullover, eine gestrickte, kurze Hose mit Trägern.
Und lange Wollstrümpfe. Das linke Knie hat er vorgeschoben, seine
Gestalt wirkt merkwürdig eingeknickt.
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