1945
1945
(Zur Erinnerung an Dich, Onkel Ernst)
Fremder Mann,
im üppig blühenden Sommergarten
stehen wir uns gegenüber.
Du, der Häftling aus Buchenwald,
ich das sechsjährige Mädchen.
Eigenartig schaust du aus.
Dein Gesicht wie eine Maske,
dein Körper nur ein Gerippe.
Deine Augen schauen durch mich hindurch,
du sprichst kein Wort mit mir.
Bist du etwa stumm oder taub?
Dein stumpfer Blick scheint nur auf die
Blütenpracht gerichtet zu sein
und ist doch so weit weg.
Noch in Buchenwald, was weiß ich davon?
Ja, deine Gedanken sind noch in Buchenwald,
wie du später bruchstückhaft berichtet hast.
Du warst wirklich sprachlos geworden,
hattest noch all die erlebten Grausamkeiten
vor deinen Augen.
Die gequälten, geschundenen Leiber
auf den harten Holzpritschen,
Gerippe in zerlumpter Kleidung.
Gesichter, die eigentlich keine mehr waren,
schmerzverzehrt, mehr tot als lebendig.
In den Ohren noch die Schreie des totgeprügelten
Kameraden, der seinen übermächtigen Hunger
mit einer Handvoll abgerissener Blätter
zu stillen versuchte.
Siehst vor dir noch die gegerbten Menschenhäute,
die dich schaudern lassen.
Spürst noch den ständig nagenden Hunger,
die Angst vor Prügel und Folter,
vor den unmenschlichen medizinischen
Versuchen, dem grausamen Sterben.
Totale Entwürdigung, mehr Tier als Mensch,
und doch ein Mensch.
Oh, fremder Mann,
wirst du dich je wieder an das Menschsein
gewöhnen, je noch einmal wieder lachen können?
Werden diese schrecklichen Erfahrungen irgendwann
in deinem Leben verblassen?
Später habe ich nicht gewagt, dich danach zu fragen,
um dir nicht weh zu tun, aber lachend habe ich dich nie erlebt.
Wilder Mann
(Der Geschichte erster Teil)
Im späten Mittelalter, genauer gesagt im Jahre 1418, wurde in der Stadt
Hildesheim am alten Markte das erste Fachwerkhaus errichtet. Ein Haus
des Ackerbürgers war es und die Menschen, die in ihm leben durften,
waren selbstbewusst und voller Freude. Sie waren Handwerker und mit
Recht stolz auf das Geschaffene.
Wenig mehr als hundert Jahre später stand ein junger Zimmergeselle vor
eben diesem wunderschönen Haus und konnte sich nicht sattsehen.
Inzwischen waren schon viele weitere Fachwerkhäuser gebaut worden.
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Im Frühjahr 1945 kehrten wir in unser Heimatdorf zurück. Wir alle waren
froh, dass das Haus noch stand. Etliche Granaten waren zwar
eingeschlagen, aber das Dach war nur teilweise zerstört. Vater fand am
nächsten Tag zufällig zwischen zwei zerschossenen amerikanischen
Militärfahrzeugen ein paar noch gut erhaltene Autoabdeckplanen. Damit
konnte er provisorisch die Löcher im Dach flicken, so dass es nicht mehr
durchregnete.
Meine Mutter machte sich große Sorgen, wovon wir wohl in Zukunft leben
sollten. Es gab nichts zu kaufen, denn der Bäckerladen war ausgebrannt
und der Konsum ausgeplündert. Wie groß war daher unsere Überraschung,
als wir sahen, was die Amerikaner uns hinterlassen hatten! Jede Menge
Büchsen mit Brot, Zwieback, Schmalz und Schokolade, lagen überall herum.
Besonders das schneeweiße Brot war für uns Kinder etwas ganz Besonderes.
Wir staunten nur noch, was wir im Haus und im Garten alles zum Essen
fanden. Wochenlang konnten wir davon leben. Meine Eltern versuchten, aus
den halbwegs noch brauchbaren Möbelstücken, notdürftig die Küche und
zwei Schlafzimmer herzurichten.
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Gemurmel im Hintergrund. Ihre Gäste reden von der Angst vor
Kellergespenstern. Renates Gedanken driften in frühere Zeiten ab. Die
Sirene heult ums Haus. Alte Bücher auf dem Speicher, ein Gesangbuch,
»Bis hierher hat mich Gott gebracht…«. Tiefflieger, krachende Äste,
heulender Sturm. Hinter einem kleinen Fenster, einem Ausschnitt im
Dunkel, der tiefrote Himmel. Diese Erinnerungen plötzlich. Bilder,
Rufen. »Mutter! Mutter!«, »Ruhe hier, was sollen denn die Kinder denken?
Gehen Sie endlich wieder da hinten hin und bleiben Sie bei den anderen
sitzen! Zivilisten! Es passiert Ihnen hier schon nichts!« Bilder, Lärm.
Feuer vor dem Kellerfenster. »Dies Kind soll unverletzet sein.«
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Am 14. Mai 1940 wurde der Stadtkern Rotterdams innerhalb von zehn
Minuten dem Erdboden gleichgemacht. Der Angriff der deutschen Luftwaffe
war eigentlich nur ein Versehen. Denn aufgrund eines
Kommunikationsfehlers war die Bereitschaft der Niederlande zu
Kapitulationsverhandlungen nicht rechtzeitig weitergeleitet worden. So
starben 900 Menschen aus Versehen, 80 000 wurden aus Versehen obdachlos,
eine der schönsten historischen Hafenstädte wurde unwiederbringlich
zerstört. An diesem Tag wurde ich geboren. Mein Leben begann in einem
Krieg, dessen Folgen uns noch heute, sechzig Jahre danach, begleiten.
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Es beginnt schon zu dämmern, als unsere Nachbarn, die alten Friedrichs,
an der Wohnungstür klingeln. Ich öffne und muss erst einmal
»hochziehen«, bevor ich »guten Abend« sagen kann, denn ein Taschentuch
führe ich in meiner Hosentasche nicht. Ich bibbere immer noch vor Kälte.
Meine Knie in den kurzen Hosen, auf die ich selbst im Winter nicht
verzichten möchte, sind rot und blau gefroren, weil ich den ganzen Tag
draußen bei der Versorgung der Flüchtlingstrecks durch das Jungvolk
geholfen habe. Mutter hat die Friedrichs zum Abendessen eingeladen. Sie
kämen an diesem Tag wahrscheinlich auch von allein zu uns herüber, aber
die Einladung lässt wenigstens äußerlich den Eindruck entstehen, als sei
alles noch normal. Friedrichs verbessern unsere geringen
Lebensmittelvorräte mit ein paar eingemachten sauren Heringen. Für mich
gibt es sowieso Milchsuppe mit Klimpern, das übliche Einerlei der
letzten Wochen. Aus seiner Manteltasche zaubert der alte Friedrich dann
eine Flasche Rotwein hervor, was Mutter zu einem erstaunten »Oh«
veranlasst. Der alte Friedrich verweist auf die bekannte Tatsache, dass
er von Hause aus Gastwirt sei. Trotzdem bleibt die Stimmung gedrückt.
Keiner weiß so recht, wie man sich jetzt, nachdem die Front immer näher
heranrückt, verhalten soll. Man spricht darüber, welche Bekannten sich
mit der Bahn, die bis vor wenigen Tagen noch gefahren ist, bereits nach
dem Westen abgesetzt haben. Gegenüber im Hotel liege noch genügend
Militär, das uns notfalls in Sicherheit bringen würde, sagt Frau
Friedrich und wiederholt diese Feststellung mehrere Male. Mutter
schaltet das Licht aus, öffnet die Balkontür und zieht den Rollladen
hoch. Aus der Ferne hört man deutlich Kanonendonner, über den
sternenklaren Himmel zuckt flackerndes Licht wie ferne Blitze. Wir wagen
einen Schritt auf den Balkon und können unten auf der Straße zwei
Soldaten erkennen, die, wie es scheint, in aller Ruhe spazieren gehen.
Mutter beugt sich über die Balkonbrüstung und ruft: »Was gibt es Neues
von der Front? Sollen wir lieber in den Keller gehen?« Der eine der
beiden antwortet, wir könnten uns ruhig in unsere Betten legen, es sei
nichts zu befürchten. Die Erwachsenen kehren an den Tisch zurück, und
Herr Friedrich schenkt den letzten Schluck Wein aus. Doch zum Trinken
kommt keiner mehr.
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Fortsetzung von »Pusteblumen im Winter«
Sonderzug ins Land des Lächelns
Wieder einmal stehen wir in trostloser Dunkelheit und klammer eisiger
Kälte mit unseren Gepäckballen und Koffern auf einer fremden Straße in
einer Stadt, von der wir nur den Namen kennen: Neuwied. Wir strecken
unsere steif gewordenen Glieder nach dieser nervtötenden nächtlichen
Busfahrt. Neuwied. Wir sind sozusagen rausgeschmissen worden. Alle sind
ausgestiegen, auch die Männer in Zivil. Die werden schon wissen, wie es
für sie weitergeht. Kein auf Wiedersehen oder gar gute Wünsche für
unsere Odyssee. Die verschwinden sang- und klanglos aus unserem Leben.
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Aus dem Nichts schossen die metallenen Bestien urplötzlich über dem
nahen Horizont empor, um sich sogleich auf die beiden erspähten Opfer zu
stürzen. Wie Hornissen rasten sie in geringer Höhe über die
unbestellten, kahlen Felder. Das Kind stand gebannt von dem Schauspiel
und starrte mit großen, staunenden Augen in das aufblitzende
Mündungsfeuer der beiden fliegenden Maschinengewehre. Bauer war noch zu
unerfahren, die tödliche Gefahr zu erkennen, er versuchte instinktiv den
Lärm abzuwehren und hob die kleinen Hände an die Ohren. Doch seine
Mutter hatte ihn bereits am Arm gepackt und zog ihn von der Stelle, an
der er gerade noch wie angewurzelt gestanden hatte, fort. Bauer
stolperte und fiel. Aber seine Mutter ließ nicht los, sie zwang ihn, zog
ihn, schleifte ihn über die unwegsamen Schollen. Rennend, stolpernd,
schreiend erreichten sie den rettenden Wald, bevor die beiden heulenden
Tiefflieger zurückkehrten.
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Es ist der Tag vor Heiligabend. Die Dämmerung ist hereingebrochen. Der
Schnee vor der Tür löst sich langsam in kleine Rinnsale auf. Drinnen bei
Großmutter ist es so richtig gemütlich. Das heruntertropfende Wachs der
roten Kerzen im Adventskranz, der Duft der Bratäpfel und das
ausströmenden Aroma des knisternden kleinen Tannenzweiges auf der Platte
des Kamins vermitteln den Duft, der die Großmutter jedes Jahr in der
Weihnachtszeit begleitet hat. Und nun soll sie wieder einmal erzählen,
wie das “damals” war, Weihnachten 1945. Die rothaarigen Zwillinge hören
nicht auf zu bitten. Die beiden Enkel sind ganz schön hartnäckig für
ihre 6 Jahre.
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Ich war gerade 17 Jahre alt. In der Kleinstadt mit ihren 3000 Einwohnern
in der Nähe von Danzig, in der ich aufgewachsen war, lebten wir wie in
einer Dorfgemeinschaft. Wir kannten uns fast alle. Der Krieg nahm immer
mehr an Härte und Brutalität zu. Menschenmaterial wurde an der
Kriegsfront verheizt. Die Blüte der Jugend wurde im viel zu frühen Alter
im Kampf für das Vaterland gefordert. Der größte Teil der Jugend wurde
zur Infanterie oder Waffen SS einberufen.
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Ende September 1945 verließ ich mit meiner Mutter die von russischen
Truppen besetzte Insel Rügen. Ich war acht Jahre alt. Unser Ziel: den
von den westlichen Alliierten kontrollierten Teil Deutschlands zu
erreichen. Wochenlang waren wir auf Achse und fragten uns täglich: wie
geht es weiter, ohne Proviant und ohne ein Dach über dem Kopf. Wieder im
Straßengraben übernachten oder vielleicht doch in einer Scheune
unterkriechen? Stets waren wir in panischer Angst, von russischen
Patrouillen gefasst oder von Landsleuten denunziert zu werden.
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Zu meinen Kindheitserinnerungen gehören verdunkelte Fenster, Sirenen und
überstürzte Fluchten in den Luftschutzkeller. Jede harmlose Sirenenübung
der Feuerwehr jagt mir noch heute einen Schauer den Rücken hinunter,
weil der Ton gekoppelt ist an diese nächtlichen Vorgänge, die mehr als
ein halbes Jahrhundert zurückliegen.
Als die Front damals näher rückte, blieb es nicht mehr bei der
nächtlichen Flucht in den Luftschutzkeller. Die Bevölkerung der
östlichen Gebiete Deutschlands wurde evakuiert. Das war im Februar 1945.
Es lag Schnee.
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Räume, Orte, Menschen, Fahrzeuge, ein wirres Kaleidoskop. Immer wieder
einpacken, aufbrechen. Die »Lappen Ella« an die Brust gedrückt. Ihr, der
Lumpenpuppe, flüsternd Geschichten erzählen, sie aufmuntern, um die
eigene Angst zu verlieren. Einer Liebe, die in all dem Chaos Sicherheit,
Geborgenheit gibt, damit Angst und Schrecken, die permanente
Ungeborgenheit nicht überhand nehmen, sich nicht ausbreiten, nicht
lähmen oder sich in einem Gebrüll zur falschen Zeit Bahn brechen: »Um
Gottes Willen Kind, sei bloß still, du bringst uns noch alle ins Grab!«
Damit keiner ihre Anwesenheit bemerkt und Schlimmeres, als dieses Kind
sich je vorstellen kann, geschieht. Ein Kleinkinderleben in dieser Zeit.
Kein zu Hause, kein Raum, kein Ort, nur eine Lappenpuppe als Stütze, in
dieser aus den Fugen geratenen Welt.
Es waren junge Soldaten. Schüler, gerade 15 Jahre alt, als sie Anfang
1944 als Luftwaffenhelfer zu einer Flugabwehrbatterie eingezogen wurden.
Diese lag zum Schutz eines großen Stahlwerkes in Georgsmarienhütte.
Ich war einer von ihnen. Und zwar der Jüngste des Jahrgangs 1928, der
als letzte Altersstufe zur Flugabwehrkampfwaffe (Flak) verpflichtet
wurde.
Dreimal in der Woche fuhren wir Jungen zu unserer Schule nach Osnabrück,
um neben dem Dienst in der Stellung dennoch das Schulpensum zu erreichen
und den geistigen Anschluss nicht zu versäumen. In der übrigen Zeit
standen wir bei Tage und in den Nächten an der Kanone. Ein erfahrener
Geschützführer hatte das Kommando. Alle anderen Gefechtspositionen
wurden durch uns Luftwaffenhelfer besetzt, um die älteren Flaksoldaten
für die Fronteinsätze in Ost und West freizusetzen. Nur scheinbar waren
wir in der fliegerblauen Uniform mit den HJ-Armbinden noch Hitlerjugend,
die Wirklichkeit hatte schnell und gründlich Soldaten aus uns gemacht.
An einem Februartag 1945, wurden wir mit unseren Geschützen auf die Bahn
verladen. Stellungswechsel. Es ging nach Handorf bei Münster. Dort wurde
der Luftabwehr-Ring um den Nachtjagd-Einsatzhafen der Luftwaffe durch
unsere Batterie verstärkt. Als Ergänzung einer schweren
Großkampfstellung der Flak wurde unser Zug mit mittelschweren
Geschützen für die Abwehr von Tiefangriffen eingesetzt. Die Luft war
hier plötzlich wesentlich eisenhaltiger geworden.
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Der Krieg führte uns zusammen,
dich, den gefangenen französischen Offizier,
der freiwillig bei meinem Großvater Dienst tat,
und mich, das kleine deutsche Mädchen.
In deinem Herzen brannte die Sehnsucht
nach Heimat und Familie,
in meinem die nach dem gefallenen Vater.
Wir ergänzten uns gegenseitig.
Du reichtest mir deine väterliche Hand,
stilltest meinen Wissensdurst.
Ich belohnte dich mit frischem Kinderlachen
und kindlicher Unbefangenheit.
Zärtlich nanntest du mich: »Bebe«,
und ich dich liebevoll: »Monsieur Viktor«.
Jeden Sonntag erwartete ich dich ungeduldig
an dem großen Tor unserer Hofeinfahrt.
Vertrauensvoll legte ich meine kleine
Kinderhand in deine große Männerhand.
Fröhlich spazierten wir
über duftende Wiesen und Felder.
Die Feld-, Wald-, Wiesendüfte
betörten mich schon als Kind.
Lag es vielleicht an dir?
Voller Begeisterung erklärtest du mir
die Wunder der Natur.
Den Arm voller Wiesenblumen,
sangen wir lauthals
deine und meine Kinderlieder.
Flogen die Schwalben über unsere Köpfe,
warst du fest davon überzeugt,
dass sie dir Grüße aus Frankreich brächten.
Später habe ich so gedacht.
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Iversheim bei Münstereifel kurz vor Kriegsende
Kann man das Leben nennen, das wir hier führen, Anfang Februar 1945? Mit
“wir” meine ich unsere übrig gebliebene kleine Familie: die Mama, den
Hubert, unser Baby Brigitte und mich. Wir atmen noch in einem ständig
von der feindlichen Artillerie beschossenen kleinen Dorf in der
Voreifel. - Ja, Iversheim gibt es noch! In den verbauten engen kleinen
Fachwerkhäusern ohne Kanalisation leben Menschen - an der Ley,
eigentlich müsste es heißen “An der Erft”, denn diese plätschert ins
Dorf hinunter. Eine Mauer und eine schmale Straße trennen das Flüsschen
von den fast an den “Katzenberg” gelehnten Häuschen.
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Im Herbst 1945 begann ich meine Tätigkeit als Volksschullehrerin in
einem pfälzischen Landkreis. Ich hatte ein paar Tage vor dem Eintreffen
der Amerikaner gerade noch meine Ausbildung in der damaligen
Lehrerbildungsanstalt mit dem 1. Examen abgelegt. Bis Ende 1944 hatte
man sich zumindest in den ländlichen Gebieten bemüht, den Schulbetrieb
wenigstens in den Volksschulen aufrecht zu erhalten, während die
Oberstufen der Oberschulen bereits vollzählig zum »Schanzeinsatz«, also
zum Ausheben von Schützengräben, eingezogen worden waren. Mit dem
Eintreffen der Amerikaner, denen bald danach die Franzosen als
Besatzungsmacht folgten, wurden im Frühjahr 1945 sämtliche Schulen
geschlossen, die Abschlussklassen entlassen. Während dieser Zeit führte
die Militärregierung sehr strenge Säuberungsmaßnahmen unter den Lehrern
durch. Einige Wochen nach Kriegsende hatte ich mich in einer
abenteuerlichen Fahrradtour (verbotenerweise; denn man durfte zunächst
seinen Wohnort nur mit besonderer Genehmigung, die schwer zu erhalten
war, verlassen) in mein heimatliches Dorf abgesetzt und wartete dort der
kommenden Entwicklung. In unserm Landkreis wurden damals mehr als
Dreiviertel aller Volksschullehrer vorläufig entlassen.
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Die Milchkanne schlenkert um ihr Handgelenk, schlägt wider Willen gegen
einen der Feldsteine am Rand der Dorfstraße, baumelt lange Minuten träge
neben der Wiese mit dem Löwenzahn herum, klappert gegen den endlosen
Lattenzaun, scheppert lustlos mit dem Deckel und hängt endlich zwischen
braunen, grauen, karierten Wollröcken und Tuchjacken dicht über dem
kühlen Terrazzofußboden im säuerlichen Dunst des Ladens.
Die käsige Luft schwingt vom erregten Flüster-Stimmen-Gewirr. Keine
klaren Worte, kein verständlicher Satz. Fragende, gedämpfte, zweifelnde,
ungläubig hoffende, zusichernde, bestimmt wissende, ängstlich-freudige
Laute tropfen ihr in die Kanne, mit dem Achtellitermaß geschöpfte
Juchzer perlen hinein; ein Viertelliter halblauter Jubel und glucksende
Seufzer rinnen nach; warnende Töne und bedeutungsvolles Gemurmel füllen
sie bis zum Rand. Das Geraune kondensiert ihr zu einer Gewissheit,
wichtiger als Milch.
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Dunkel war es gewesen, als die Mutter sie geweckt hatte. Sie hatte über
das Hemdchen das Leibchen und darüber zwei Pullover und auch noch die
Strickjacke anziehen müssen, und zwei Röcke. Eng war es im Mantel, gar
nicht richtig warm, als sie in der kalten Januarluft zum Bahnhof
trabten, die Mutter mit dem Koffer, der großen Tasche und dem Rucksack
und sie mit den Schwestern an der Hand, Anna und Stänzel. Die sind noch
klein, sagte die Mutter, du bist schon groß.
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