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Ballspiele

5. März 1953: der Tod Stalins. Eine Kindheit in Warschau.

Ich erinnere mich, daß ich als kleines Kind im Park unserer Wohnsiedlung in Warschau, sehr gerne mit meinem Ball am Denkmal eines Herrn mit großem Schnurbart gespielt habe. Ich habe den Ball gegen das Denkmal aus rotem Sandstein geworfen, und der Ball sprang wieder zu mir zurück, der joviale Herr auf dem Sockel, es war nur sein Kopf, lächelte mir dabei freundlich zu. Eines Tages war der Kopf weg, zugleich sah ich den Kopf dieses Herrn auf der Titelseite unserer Kinderzeitschrift, schwarz umrandet. Ich war gerade drei Jahre alt.

Das Verschwinden der Büste dieses Herrn hat mich sehr erschrocken, noch merkwürdiger kam mir damals vor, daß die Erwachsenen auf mein Befragen hin, was mit dem Herrn denn gewesen sei, sofort das Thema wechselten und mit keinem Wort mit mir darüber reden wollten. Die Sache kam mir immer komischer vor, ich entschied mich, lieber woanders mit meinem Ball zu spielen, wohl befürchtend, daß mir das gleiche geschehen könnte, wie diesem Herrn. Mit dem schnurbärtigen Kopf verschwanden auch die Soldaten, die den Eingang zu unserer Siedlung bewachten. Das fand ich schade, denn ich spielte gerne mit ihnen, indem ich versuchte, ganz schnell zwischen ihnen auf die Straße zu laufen, was mir natürlich nicht gelang, weil sie mich sofort einholten und zurückbrachten. Nun aber hatte ich keine Lust mehr, auf die Straße zu laufen, weil keine Wachen mehr da standen, die ich hätte foppen können.

Meine Eltern schienen sehr erleichtert zu sein, daß dieser Herr verschwunden war, weil sie bis dahin zunehmend von der Sorge getrieben worden waren, daß dieser Herr sie beschuldigen könnte, ihn zu vergiften. Meine Eltern waren Ärzte, jüdische Ärzte, wie man heute sagt, Ärztin und Arzt.

Das sind meine ersten Erinnerungen überhaupt.

Meine ersten Erinnerungen an Deutschland stammen auch aus dieser Zeit: als ich noch unter den Stühlen krabbeln konnte, schaute ich diese von unten an und sah sehr komische Zeichen, so wie Kreuze, aber jeweils am Ende eingeknickt, die ein Adler in seiner Krallen hielt, und die Aufschrift: “Eigentum des Oberkommando der Wehrmacht”. Ich konnte nämlich schon mit drei Jahren sehr gut lesen und fing gerade an Klavier zu spielen, wie es bei Kindern jüdischer Ärztinnen und Ärzte damals üblich war. Ich habe in dieser Zeit auch andere interessante Beobachtungen gemacht, im Unterschied zu Oskar Matzerath wollte ich jedoch schnell wachsen, um stärker als mein Boxerhund zu werden.

Als Kinder haben wir oft mit Menschenknochen und Totenköpfen gespielt, die wir unter der Erdoberfläche fanden. Wir mußten dafür nicht mehr als etwa zwanzig Zentimeter graben. Die Erwachsenen haben es sehr ungern gesehen, und deswegen brachten wir diese Spielzeuge in den Keller, aber auch dort wurden wir schnell aufgespürt und unserer Spielzeuge beraubt. Wir fanden das damals ungerecht. Überhaupt war Vieles unverständlich. Aber eins wußten wir genau, daß wir nur in den Kellern spielen durften, auf denen geschrieben stand: “Min niet!”.

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