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Die seltsame Parade

Ein deutsches Mädchen, das in Russland aufgewachsen ist, erlebt den 17. Juni 1953 in Ostberlin. Von Heidrun Schaller

Ein fremdartiges Brummen, Dröhnen lag in der Luft, die Fensterscheiben zitterten. Sie stürzte zum Fenster und sah aus ihrer luftigen Höhe aus dem dritten Stock in der Warschauer Str. 165 in Ost-Berlin, Panzer durch die Straße rollen. Voller Freude entdeckte sie kyrillische Buchstaben. Das sind russische Panzer, dachte sie, da fahren Russische Soldaten, mit denen kann ich endlich mal wieder Russisch sprechen. Vielleicht ist ja auch einer aus Leningrad dabei.

Seit drei Monaten war sie nun in diesem für sie so fremden Land und hatte mit keinem Russen mehr gesprochen. Wenn sie auch eine Deutsche war, doch hatte sie ihr ganzes bewusstes zehnjähriges Leben in Oranienbaum bei Leningrad verbracht. Sie war in ihrer Seele ein Russenkind. Ihr fehlte das vertraute Umfeld, die Gespräche, die Freundinnen, die Anerkennung in der Schule.

Und nun diese Panzer. Sicher eine Parade wie neulich am 1. Mai! Sie kannte das aus Russland. Da war sie als Pionier, geschmückt mit der weißen Schürze über dem braunen Schulkleid und dem roten Halstuch, auch immer zu Paraden, Festtagen, Ehrentagen aufmarschiert. Sie hatte sich immer sehr stolz und stark gefühlt, dass sie Helden der Sowjetunion ehren konnte.

Sie überlegt hinunter zu laufen, auch wenn die Mutter nicht da war. Sie war am Morgen in den Westteil der Stadt zu Tante Christel gefahren und Vater war sowieso nicht da. Er war noch in Oranienbaum in der Sowjetunion, er hatte nicht mit nach Deutschland zurückkehren dürfen. Ach, wie sie ihn beneidete, denn sie hatte nicht zurückkehren wollen in dieses ihr so fremde Land. Es würde sicherlich nicht lange dauern und bis Mutter zurück ist, würde sie ja längst wieder da sein.

Schon sah sie nur noch die Rücklichter, oder haben Panzer gar keine Rücklichter, bildete sie sich das nur ein, jedenfalls verschwanden die Panzer ihrem Blick, sie konnte nur noch den Gestank des schlechten Diesels riechen und das ferner werdende Brummen und Dröhnen hören, das sich Richtung Oberbaumbrücke entfernte.

Schnell lief sie im Treppenhaus die drei Stockwerke hinunter und den entschwindenden Freunden hinterher. Es war für sie kein Problem, die langsam fahrenden Panzer und Mannschaftswagen einzuholen. Den ersten Soldaten, den sie sah, sprach sie auf Russisch an. Dieser reagierte erstaunt, ja lachte sogar und fragte sie, woher sie denn so gut Russisch könne. Schnell erzählte sie ihm, dass sie erst seit drei Monaten hier in Ostberlin sei, dass sie eigentlich aus der Nähe von Leningrad her käme. Dass sie in Eckernförde an der Ostsee geboren worden war und wie ihre Eltern und Vorfahren aus dem Sudetenland stammte, das verschwieg sie ihm. Sie machte sich wie in den letzten sieben Jahren zum Russenkind, froh endlich wieder vertrautes Terrain unter den Füßen zu haben.

Steig doch zu uns auf den Panzer, sagte der Soldat und hob sie kurz entschlossen als Maskottchen hinauf. Konnte sie wissen, dass dies keine Heldenparade war, dass es für die Ostberliner um die Freiheit ging, um den Versuch, die Russen abzuschütteln, die sich so bemächtigend überall festgesetzt hatten, die ihnen die Art und Weise, wie sie zu leben hatten unter Androhung strengster Strafen, auferlegten? Konnte sie wissen, dass die Mehrheit der Ostberliner gegen den Kommunismus, gegen die Russen war, wo es für sie doch Heimat, Vertrautheit, Freude war, endlich wieder am richtigen Platz zu sein, verstanden zu werden und zwar nicht nur in der Sprache sondern auch im Denken und Wissen?

Alles was sie war und wusste, war seit drei Monaten falsch, interessierte niemanden. Wer gab ihr hier schon gute Zensuren für ihre Kenntnisse in russischer Geschichte, in russischer Geographie, russischer Sprache? Denn vom Russischunterricht hatte man sie nach zwei Wochen zurückgestellt, da sie zu gut war. Die anderen Kinder hatten in der fünften Klasse gerade mit dem Alphabet und den allerersten Wörtern angefangen. Und sie sei, wie sich die Lehrerin ausdrückte, unterfordert und könne dadurch eher stören. Und außerdem spräche sie einen entsetzlichen Leningrader Dialekt. Das sagte die Russischlehrerin, die selber noch nie in Russland war und die Sprache nur theoretisch in der Schule gelernt hatte.

So hatte sie alles verloren, was ihr wichtig war, was ihr Leben und Denken ausmachte und deswegen war sie so froh, dass sie hier auf dem Panzer wieder so sein durfte, wie sie wirklich war. Strahlend saß sie auf dem Panzer bis die Russen an der Oberbaumbrücke vor einer größeren Menschenmenge Halt machten. Ein anderer Soldat, wahrscheinlich ein Vorgesetzter, herrschte sie an, herunter zu kommen und zu verschwinden.

Nun kam sie in der Menge zu stehen und erfuhr, dass man sich gegen die Sowjets auflehnte, dass diese Panzer einen Aufstand der Ostberliner Bürger niederschlugen, dass die Russen hier in Berlin die Freiheit unterdrückten.

Völlig verstört ob ihrer widerstreitenden Gefühle, denn wie konnte man nur die Russen als schlimm, als Unterdrücker empfinden, wo sie selber sie doch als Freunde, als ihr Nahestehende empfand, ging sie nach Hause zurück. Ihr Bruder wartete schon in der Wohnung auf sie. Er hatte sich große Sorgen gemacht, denn er war der Ältere und fühlte sich verantwortlich. Die Mutter hatte angerufen und ihm mitgeteilt, dass sie nicht über die Grenze zurück könne, da die Grenzübergänge geschlossen worden waren und überall Russen aufmarschiert seien. Sie wüsste nicht, wann sie zurückkommen könne, doch die Kinder sollten unbedingt in der Wohnung bleiben, auch nicht in die Schule gehen, denn es sei eine Ausgangssperre verhängt und es dürften nicht mehr als zwei Personen auf der Straße zusammen gesehen werden. Die Russen würden schießen.

Nun war es natürlich vorbei mit ihrer Freude am Wiedersehen mit den russischen Soldaten. Sie zog sich weinend in ihr Zimmer zurück. Sie konnte gar nichts mehr verstehen, war völlig verwirrt an diesem 17. Juni 1953 in der Warschauer Straße in Ostberlin.

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