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9 / 11 - das Jahrhundert des globalen Terrorismus beginnt

Ich erinnere mich nicht an das Wetter an diesem Tag.Wahrscheinlich war es ein ganz normaler Spätsommertag im Badischen. Ich hatte Mitteldienst im Kulturprogramm. Sehr angenehm, kein frühes Aufstehen! Der Dienst begann um 11 Uhr 30. Eine halbe Stunde war Übergabezeit. Das Pult musste ich erst mit der Mittags-Nachrichtensendung um 12 Uhr übernehmen. Alles Business as usual. Im Reichstag eröffnete Bundestagspräsident Rudolf Seiters die 185. Sitzung des Deutschen Bundestages. Keine besonderen Vorkommnisse, keine Themen, an die ich mich sonst noch erinnern kann. Nach dem Mittagskonzert, um 14 Uhr 30 begann meine Pause. Während dieser halben Stunde lief die Literatur-Lesung. Ich machte unten im Aufenthaltsraum meine QUI GONG-Übungen, aber um kurz vor 15 Uhr war ich wieder zurück im Studio. Dort stand, völlig unerwartet, der diensthabende Redakteur der Aktuellen Redaktion mit einer DPA-Meldung in der Hand. »Es hat einen Anschlag auf das WORLD TRADE CENTER in New York gegeben, wir bringen eine Sondermeldung. Also das SWR2-AKTUELL-Jingle, dann ich!«

Unser Programm-Sprecher schaltet sofort die beiden TV-Monitore im Studio ein, und da sehen wir zum allerersten Mal die Boing in den südlichen der beiden Twin Towers hineinfliegen. Gleich darauf startet das Zeitzeichen, ich fahre das AKTUELL-Jingle ab. Der Redakteur liest, immer noch völlig atemlos, die Meldung vor. Dann übernimmt der Sprecher mit den normalen Nachrichten. Während die Nachrichten noch laufen, schlägt um 15 Uhr 03 MEZ ein zweites Flugzeug im Nordturm ein. Die Chefredaktion hat mittlerweile auch reagiert, der normale Programm-Ablauf wird außer Kraft gesetzt. Na klar, jetzt ist erst einmal Trauermusik angesagt, aus dem im Studio vorhandenden Fundus. Bald darauf kommen eine, auf die schnelle engagierte Musikredakteurin und eine Redakteurin von den Aktuellen ins Studio. Die gibt mir die Telefon-Nummer der ARD-Korrespondentin in New York und geht direkt ins Studio. Ich blende mich, halbwegs musikalisch aus der Musik ‘raus und gebe ihr Mikro. Sie meldet, was wir bis jetzt schon wissen und moderiert dann die Korrespondentin an, während ich draußen in der Regie noch versuche, eine Verbindung herzustellen. Ich habe noch das Rufzeichen im Hörer, da hebt sie schon die Hand. Ich ziehe den Regler auf: Düt, Düt, Düt, keine Verbindung. Weitere Versuche scheitern ebenfalls: New York ist nicht erreichbar. Am nächsten Tag wissen wir es natürlich: kurz nach dem ersten Einschlag in die Twin Towers sind im Raum New York alle Telefonverbindungen komplett zusammengebrochen. Wir spielen also weiter Trauermusik. Alle TV-Monitore werden auf CNN umgeschaltet. Die sind offensichtlich schneller als ARD und ZDF, sind ja auch wesentlich dichter dran! Mittlerweile sind auch die Agenturen etwas besser informiert. Die Bilder holen wir uns natürlich weiter von CNN. Irgendwann kommt die Meldung, dass um 15 Uhr 37 MEZ ein weiteres Flugzeug ins Pentagon gestürzt ist. Aussagefähige Bilder gibt es aber auch von CNN nicht. Offensichtlich greift da die Geheimhaltung. Die Tragödie im WORLD TRADE CENTER läuft währenddessen aber unausweichlich auf ihren Höhepunkt zu. Für die Menschen oberhalb der Einschlagstellen in den Türmen gibt es praktisch kein Entkommen. Denn die Hubschrauber auf die sie gehofft hatten, kommen nicht. Als die Hitze dort oben immer unerträglicher wird und kaum noch Luft zum Atmen bleibt, springen die ersten in die Tiefe. Ich denke, während ich - wie ein Roboter - meine Arbeit am Pult verrichte: jetzt sind die schlimmsten Horror-Visonen Hollywoods Wirklichkeit geworden. Self fulfilling prophecy! Um 15 Uhr 59 MEZ stürzt der Südturm ein, wir im Studio sind mit CNN Live dabei Die Menschen unten in den Straẞen New Yorks fliehen vor der ungeheuren Staubwolke, die sich in der Stadt ausbreitet. Die Agenturen melden nun, dass ein weiteres Flugzeug entführt worden ist, Flug UA 93 von Newark nach San Francisco. Später werden wir erfahren, dass die Passagiere den Terroristen Widerstand geleistet haben müssen. Das Flugzeug stürzt gegen 16h 07 MEZ bei Shanksville ab. Alle Insassen kommen ums Leben. Der Terrorplan der Entführer ist aber offensichtlich misslungen. Dann um 16h 28 MEZ stürzt auch der Nordturm ein. Jetzt werden die ersten Schätzungen über die Anzahl der Todesopfer verbreitet. Von mindestens 5000 Toten ist die Rede. Wir versuchen derweil in unserem Programm unsere Hörer so gut wie möglich über den Fortgang der Anschläge in den USA zu informieren. Dazwischen jede Menge zum Anlass passende, klassische Musik.

Als alles sich ein wenig eingespielt hat und etwas Ruhe einkehrt ist, schaue ich in den Dienstplan, wer mich denn ablösen kommt. Eine Aushilfe. Na, ob die nicht überfordert ist? Ich beschlieẞe schon mal, notfalls länger zu bleiben. Der Ingenieur vom Dienst hat mittlerweile auch reagiert und einen zweiten Mann angefordert. Der kann aber erst um 19h 30. Also bleibe ich solange.

Zuhause angekommen, schalte ich dann gleich meinen Fernseher auf CNN. Ich erwarte, dass noch etwas passieren wird. Eine Antwort der USA, irgendetwas. Die U.S.-Geheimdienste, die ganz offensichtlich alle Vorbereitungen der Anschläge verpennt hatten, warten jetzt doch mit etlichen Indizien auf, die unter anderem nach Afghanistan führen. CNN schaltet also immer wieder auch mal nach Kabul. Und tatsächlich kommt es spät am Abend dort zu einem Raketenangriff auf die Stadt. Vielleicht nur ein Zufall. Trotzdem wird der Krieg gegen die Taliban in Afghanistan die erste Antwort der Vereinigten Staaten auf die Anschläge des 11. Septembers 2001 sein.

Nachwort:

Seitdem ist nichts besser geworden in der Welt. Vieles dagegen schlimmer. Francis Fukuyama, der 1992 behauptet hatte, mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes sei auch das Ende der Geschichte erreicht (was für ein Schwachsinn!), war da wohl endgültig widerlegt. Denn seit dem 11. September 2001 gibt es immer mehr gescheiterte oder in Bürgerkriegen völlig paralysierte Staaten in der Welt. Gleichzeitig waren noch nie so viele Menschen auf der Flucht vor unerträglichen Lebensumständen. Man kann nur hoffen, dass Fukuyama am Ende nicht doch noch recht behält und die menschliche Geschichte in einem unauflösbaren, anarchischen Chaos untergeht.

Das Copyright für die Texte liegt bei den Autoren.