Vermisst ist schlimmer als tot

Hoffnung macht die Qual nicht endlich

Mein älterer Bruder Walter war im zweiten Weltkrieg an allen Fronten eingesetzt. Zuerst Polen, dann Frankreich und zuletzt Russland.

Von dort erhielt unsere Familie durch den Hauptmann der Kompanie die traurige Nachricht, dass mein Bruder seit dem 4. August 1943 im Raume Bjelgorod/Charkow als vermisst zu gelten hat.

Für unsere Familie, besonders für meine Mutter, war diese Nachricht ein großes Betrübnis.

Ein sofortiger Suchantrag beim Deutschen Roten Kreuz ging natürlich jahrelang ins Leere. Erst 1969 und weiterhin 1973 kamen die ersten Antworten. Danach dürfte mein Bruder Walter als am 8. August 1943 gefallen gelten.

Inzwischen starben meine Eltern 1973 und 1974, sodaß sie von der weiteren Entwickung nichts mehr erfuhren.

Eine dpa-Meldung vom 26. März 1990 sprach von 300.000 vermißten deutschen Soldaten und ergänzte die Meldung, dass die Sowjet-Union Unterlagen zur Verfügung stellen würde. Eine nach Jahren, nämlich die am 2. Mai 1995 im Fernsehen erfolgte Meldung besagte ebenfalls weitere Entwicklungen die aber wohl noch nicht spruchreif seien.

Am 17. September 1998 startete ich eine erneute Anfrage beim DRK, worauf dann am 8. Oktober 1998 die endgültige, aus den russischen Unterlagen klar hervorgehende Nachricht bestätigt wurde:

Mein Bruder ist in der Gefangenschaft
im Lager Tambow-Rada
am 2. November 1943 verstorben.

Damit war es das erste Mal, dass ich von der jahrzehnte langen Ungewissheit befreit war. Meine Eltern konnten diese Gewissheit leider nicht mehr erfahren.

Das Leben meines älteren Bruders war zu Ende. Walter kam nie mehr zurück. An August Graf von Platen musste ich denken, der in seiner Ballade „Das Grab im Busento“ den Tod des Alarich mit folgenden Worten beklagt:

Viel zu früh und fern der Heimat,
mussten hier sie ihn begraben,
während noch die Jugendlocken
seine Schultern blond umgaben.

Um eine Jugend wurden sie betrogen, durch einen wahnsinnigen Krieg, den Verbrecher vom Zaun gebrochen hatten. Mein Bruder gehörte zu den vielen Millionen junger Menschen, die einmal von einer Idee beseelt waren und an das gute im Deutschen Reich geglaubt hatten. Verführt von dem Gedanken: „Du bist nichts, Dein Volk ist alles!“ Doch sie wurden als Menschenmaterial verheizt und in verbrecherischer Weise in den Tod getrieben, weil einige mörderische Maulhelden Europa unterjochen und die Welt erobern wollten. Walter wurde zweiundzwanzig Jahre und acht Monate alt. Es waren 8263 Tage, in denen er an das Große und an die Zukunft glaubte, aber schließlich in einem bitteren Krieg umkam. Die Ortsbezeichnung „Unter der Erde“ in seinem letzten Brief vom 30.Juli 1943 war ein böses Omen. Sie traf leider schon wenige Wochen später auf erschütternde Weise zu. Ich werde immer an meinen Bruder Walter denken, ich werde ihn niemals vergessen.

Aber es gab doch noch etwas, dass mir fehlte.

Nach der nun erfolgten Gewissheit, blieb in meinen Gedanken immer noch die Frage, wie es ihm in der Gefangenschaft in seinen letzten drei Monaten ergangen sein könnte.

Das würde ich wohl niemals erfahren können.

Und doch irrte ich mich mit dieser Feststellung.

In der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 24.12.2019 erschien ein umfassender Artikel zum 75jährigen Kriegsende.

Plötzlich elktrisierte mich die Tatsache, dass ein 100-Jähriger Zeitzeuge aus Hasbergen bei Osnabrück in dem Gefangenenlager Tambow-Rada war.

Die Redakteurin war so freundlich, für mich einen Kontakt zu dem 100-Jährigen herzustellen.

Er war einverstanden, mich kennenzulernen. Und so besuchte ich am 13.Januar 2020 Herrn Gerhard Werner in seinem Haus in Hasbergen.

Es wurden zwei schöne Stunden in denen ich dankbar zuhören durfte, wie es im Lager ausgesegehn hatte.

Grausam!

Aber ich konnte staunen, wie erfreulich frisch Herr Werner alles schilderte. Er war geistig absolut auf der Höhe und konnte alles bildhaft darstellen.

Ich habe mich mit großem Dank von ihm verabschiedet. Hatte ich doch nun das letzte Zipfelchen an Vorstellungen von den letzten Tagen meines Bruders Walter augenscheinlich erhalten.

Ich war sehr glücklich, dankbar und zufrieden.

Gerhard Werner ist nach drei Jahren im Alter von 104 Jahren zufrieden gestorben.

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