So kam mein Abitur näher. Der Leiter unserer Schule war damals Oberstudiendirektor Dr. Gohlke, ein Nazi, aber auch wohl eher ein schwacher denn ein schlechter Charakter. Wenn alle Schüler sich zur vorgeschriebenen montäglichen Morgenfeier versammelten, pflegte er die deutschen Märchen im Sinne nationalsozialistischer Ideologie zu interpretieren, was nicht nur mir erheblich auf die Nerven ging.
Doch schien er mir persönlich nicht ohne Wohlwollen zu begegnen. Einige Monate vor der Abiturprüfung wirkte ich bei einem künstlerisch gestaltetem Elternabend mit. Es handelte sich um die melodramatische Fassung von Gottfried Bürgers Riesenballade ›Lenore‹, mit Liszts musikalischer Untermalung. Ich donnerte den Text, während unser Musiklehrer, Herr Paetsch, meine Darbietungen am Klavier begleitete. Lehrerschaft und Publikum waren von unserer Vorführung sichtlich angetan. Dr. Gohlke nahm mich anschließend bei Seite und machte mir folgende Eröffnung: Er kenne nun meine Fähigkeiten, wisse von meiner einseitigen Begabung für die Geisteswissenschaften und um meine Schwäche in den Naturwissenschaften. Ich sollte also zusehen, mich im Jahresfortgang hier so gut wie möglich zu behaupten. Er verspreche mir, dass ich in keinem naturwissenschaftlichen Fach mündlich geprüft würde.