Karl-Heinz Ganser
Im Frühjahr 1945 kehrten wir in unser Heimatdorf zurück. Wir alle waren
froh, dass das Haus noch stand. Etliche Granaten waren zwar
eingeschlagen, aber das Dach war nur teilweise zerstört. Vater fand am
nächsten Tag zufällig zwischen zwei zerschossenen amerikanischen
Militärfahrzeugen ein paar noch gut erhaltene Autoabdeckplanen. Damit
konnte er provisorisch die Löcher im Dach flicken, so dass es nicht mehr
durchregnete.
Meine Mutter machte sich große Sorgen, wovon wir wohl in Zukunft leben
sollten. Es gab nichts zu kaufen, denn der Bäckerladen war ausgebrannt
und der Konsum ausgeplündert. Wie groß war daher unsere Überraschung,
als wir sahen, was die Amerikaner uns hinterlassen hatten! Jede Menge
Büchsen mit Brot, Zwieback, Schmalz und Schokolade, lagen überall herum.
Besonders das schneeweiße Brot war für uns Kinder etwas ganz Besonderes.
Wir staunten nur noch, was wir im Haus und im Garten alles zum Essen
fanden. Wochenlang konnten wir davon leben. Meine Eltern versuchten, aus
den halbwegs noch brauchbaren Möbelstücken, notdürftig die Küche und
zwei Schlafzimmer herzurichten.
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Im Herbst 1944 hatten wir unser Dorf vor der anrückenden Front verlassen
müssen und waren in den nahe gelegenen Wald gezogen. »Es ist nur für ein
paar Tage«, hatte mein Vater gesagt, als wir Bretter, Balken, Bettzeug,
einen Tisch, eine Kanne voll Milch, ein Säckchen Kartoffeln und einige
Lebensmittel aus der Vorratskammer auf den Pferdewagen luden.
»Wir bleiben hier im Wald bis die Amerikaner kommen, dann können wir
wieder zurück in unser Haus«, verkündete Vater abends, als die
Bretterbude fertig aufgebaut war und wir uns total erschöpft an einem
kleinen Feuer wärmten.
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Der November 1944 war besonders kalt und nass.
Seit fast zwei Monaten hausten wir nun hier in einer Bretterbude am
Waldrand, nachdem wir vor der heranrückenden Front geflüchtet waren. Es
war nicht allzu weit entfernt von unserem Heimatdorf. Mein Vater war
davon ausgegangen, dass wir wieder heimkehren könnten, sobald die
Alliierten unser Dorf eingenommen hätten.
»Heute Nachmittag«, so erzählte Vater eines Abends, als wir wieder
einmal frierend am prasselnden Feuer vor unserer Behausung saßen, »habe
ich deutsche Soldaten getroffen, die mir sagten, dass die Kameraden in
den Westwallbunkern den Vormarsch der Amerikaner gestoppt hätten.« Und
nach einer Weile fügte er hinzu: »Ich fürchte, bei dieser Kälte können
wir es nicht mehr lange hier aushalten.«
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»Morgen gibt es die letzten Zeugnisse von mir!« verkündete Lehrer Thoma
uns, der vierten Schulklasse, einige Tage vor Ostern. Nun war das Ende
des Schuljahres 1944 gekommen und jetzt musste entschieden werden, wer
zum Gymnasium ging oder nicht.
Ich hatte schon einige Monate vorher heimlich bei meiner Mutter mal
nachgefragt, ob ich, wenn das Zeugnis gut wäre, auf die höhere Schule
gehen dürfte. Mit meinem Vater darüber zu sprechen, traute ich mich
nicht. Ich sollte als Ältester von vier Kindern einmal seinen Hof
übernehmen. Nach seiner Meinung brauchte ich dafür aber keine höhere
Schule.
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Meine Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft im Dorf. Vater war vom
Militärdienst freigestellt. Er musste dafür in den Kriegsjahren täglich
mit Pferd und Wagen in mehreren Dörfern die Milch bei den Bauern abholen
und zur Molkerei fahren. Meistens kam er erst am späten Nachmittag nach
Hause, sodass meine Mutter viele Arbeiten im Stall und auf dem Feld
alleine verrichten musste. Daneben hatte sie noch uns vier Kinder zu
versorgen.
Als ihr dann im Herbst 1943 eine junge Russin als Hilfe zugeteilt wurde,
war das für sie eine spürbare Erleichterung. Die Frau war fünfundzwanzig
Jahre alt, sehr scheu und konnte etwas deutsch. Im Obergeschoss unseres
Hauses hatte mein Vater ein Zimmer hergerichtet, in das ich nach den
Ferien einziehen sollte.
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