Mauerfall

November

Von Margret Metz

Der Arzt kam diesmal ohne Mundschutz. “Ansteckend sind Sie nicht”, sagte er.

Aber davon fühlte ich mich auch nicht besser. Ich wußte, daß ich schwer krank war, wahrscheinlich schwerer, als ich überhaupt wissen wollte. Abgesehen von meiner Schwäche und den diffusen körperlichen Beschwerden gingen merkwürdige Dinge in mir vor. Vertraute Worte fielen mir entweder nicht mehr ein, oder ich konnte keine Verbindung zu ihrer Bedeutung herstellen. Die eigene Telefonnummer war mir entfallen. Wollte ich das Fieberthermometer ablesen, mußte ich lange grübeln. 83? Oder 38? Und was bedeutete das?

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Spottgedichte

Von Lutz Menard

Volkskammerwahl März 1990

Zum ersten Male ohne Hammer
rief man das Volk zur Wahl der Kammer.
Die Farben waren buntgemischt,
viel stumpfer Lack nur aufgefrischt,
jedoch ein westlich angehauchtes Rötlich
erwies sich später fast als tödlich.
So gingen denn auch die Prognosen
mit Hochdruck in die Schlotterhosen!
Man wählte den, der mehr versprach,
und sparte sich das Ungemach,
die Rechnung nachzukontrollieren,
ließ lieber sich vom Schein verführen.
Dem Kandidaten Böhme, Ibrahim*,
erging es ganz besonders schlimm!
Sah er sich doch als Prätendenten
für den Ministerpräsidenten -
und stürzte dann unendlich tief,
weil alles gänzlich anders lief.
Doch ist´s, genau geseh´n, verständlich!
Des Volkes Mehrheit dachte ländlich
und wie die echten Bauernschlauen,
die nur aufs Fett im Schinken schauen:
wenn jemand auch zuviel verspricht
und hält nachher die Hälfte nicht -
ist dennoch für uns mehr zu holen,
als dort, wo sie uns nicht verkohlen!
Ob diese Sicht im Endeffekt
den Wechsel auf die Zukunft deckt,
zählt dabei erst an zweiter Stelle
in dieser Welt der Wechselfälle!

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Tagebuchnotiz 10. November 1989

Von Raymond Zoller

Gerüchteweise davon gehört habend, luden wir uns abends um halb 11 bei dem Besitzer eines Fernsehgerätes zu den “Tagesthemen” ein. - Da sich irgendein noch geschichtsträchtigeres Fußballereignis dazwischengeschoben hatte, ließen die Tagesthemen auf sich warten. Auf dem Bildschirm liefen Leute einem Ball nach; und immer wieder ertönte, als sattsam bekannte Fanfare unseres zeitgenössischen kulturellen Lebens, das kraftvolle, vielstimmige “Ha-a-a-a-aaaaa.” - Ich reparierte derweil das Bett unseres Gastgebers, welches kurz vor unserem Eintreffen zusammengebrochen war; und als die “Tagesthemen” dann doch noch begannen (das Fußballereignis war wohl nicht wichtig genug, um sie völlig zu verdrängen) war ich eben fertig damit. - Während unser Gastgeber die Matratze und das Bettzeug wieder auflegte, schauten wir uns die “Tagesthemen” an, in deren Verlauf wir wiederholt darauf aufmerksam gemacht wurden, dass es sich in der Tat um einen historischen Tag handele. Als die Tagesthemen dann zu Ende waren, gingen wir schlafen.

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Soziale Plastik. Die Kunst der Allmende

Zum 30. Todestag von Joseph Beuys.

Die Reise nach Jerusalem

Roman

Ich bin doch auch ein Hitlerjude

Witze im 3. Reich