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Die Frau ist uns um Jahre voraus

Über Sit-ins und die freie Liebe

Ende September 68 war Micks Lehre beendet. Er hätte zwar sofort in einem kleinen Laden in Kronshagen als Geselle anfangen können, aber der Meister hatte zur Bedingung gemacht, dass er sich die Haare abschneiden ließe. Und das wollte Mick auf keinen Fall. Ohne seine schulterlangen Haare wäre er sich nackt vorgekommen. Also war Mick arbeitslos. Achtzehn Mark Stempelgeld gab es in der Woche - nicht genug zum Leben, aber ein klein wenig zu viel zum Sterben. Mick hatte nun viel Zeit, und er beschloss, politisch aktiv zu werden. In der ›Bunten Bude‹ in Kiel hatte er einige linke Studenten kennen gelernt - Udo, Charly, Martin und noch ein paar andere. Mit Udo hatte er sich gleich angefreundet, weil ihm dessen bescheidene, aber dennoch souveräne, Art beeindruckte. Udo studierte Biologie, und schrieb offiziell an seiner Doktorarbeit. In Wirklichkeit aber widmete er seine Zeit vor allem der politischen Arbeit im SDS und dem ASTA. Er war ein stiller und ernster Mensch, nur wenn es um Politik ging, wurde er lebhaft. Udo stammte aus einfachen Verhältnissen und war ein glühender Verfechter einer ›proletarischen Linie‹. Er meinte es ernst, strebte eine wirkliche Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die ›proletarische Revolution‹ an. Zusammen mit anderen diskutierten sie ganze Nächte über Politik - bis zur Sperrstunde, meistens in der ›Bude‹ und danach oft noch bis zum Morgengrauen in einer der Wohngemeinschaften, in denen viele der linken Studenten jetzt lebten. Dass nur der Marxismus die geschichtliche Entwicklung richtig erklären konnte, war gar keine Frage. Marx hatte als erster erkannt, dass der geschichtliche Prozess vor allem durch die Auseinandersetzung der Klassen mit ihren widerstreitenden Interessen vorangetrieben wurde. Und er hatte folgerichtig vorhergesagt, dass der Kampf um die Vorherrschaft in der Gesellschaft erst dann zu einem Ende kommen würde, wenn das Proletariat, die zahlenmäßig stärkste, politisch und wirtschaftlich aber schwächste Klasse, die Macht übernommen hätte. Die Frage war nur, wie und mit welchen Mitteln sich die Revolution herbeiführen und beschleunigen ließe, denn es war nicht zu übersehen, dass das viel beschworene Proletariat - zumindest in den entwickelten, westlichen Ländern - überhaupt nicht daran dachte, diese Macht anzustreben. Udo war der Vordenker des kleinen Kreises, dem Mick nun angehörte. Er überzeugte alle davon, dass der ›blinde Aktionismus‹ und der ‘Spaß-Kommunismus’ vieler linker Studenten absolut kontraproduktiv wäre und die ›arbeitenden Massen‹ verschrecke und düpiere.

»Es muss eine Organisation her, die - zumindest längerfristig - auf die Zustimmung und Unterstützung des Proletariats rechnen kann«, dozierte er immer wieder. »Eine politische Kraft, die effektiv, konsequent und rücksichtslos den historischen Prozess der Revolution vorantreibt. Und es liegt doch nahe, das Modell einer Kommunistischen Kaderpartei als Avantgarde des Proletariats, aufzugreifen. Schließlich hat Lenin mit diesem Konzept vor 50 Jahren die Revolution in Russland erfolgreich durchgeführt!«

An einem leidlich schönen Spätherbstnachmittag fuhr Mick in die Stadt, um in der Holstenstraße zu promenieren, ein paar alte Bekannte zu treffen und bei Tchibo Kaffee zu trinken. Bevor er sich auf den Heimweg machte, schaute er noch im Postershop in der Holtenauer Straße vorbei, wo Udo gelegentlich arbeitete.

»Gut, dass du kommst. Heute findet um 18 Uhr in Rendsburg in der Innenstadt eine Demo mit SIT-IN gegen den Vietnamkrieg statt. Hast du Zeit?«

»Klar, ich bin dabei!« Einer im Laden hatte ein Auto, einen alten 180er Diesel. Zu fünft fuhren sie nach Rendsburg, stellten den Schlitten ein paar hundert Meter von der Innenstadt entfernt ab und marschierten durch die Fußgängerzone. Als sie zum Marktplatz kamen, hatten sich dort bereits etwa 150 junge Leute, hauptsächlich Schüler und Studenten, versammelt, unter ihnen viele Langhaarige in Ami-Parkas mit großen PEACE-Symbolen auf dem Rücken. Einige trugen selbst gemalte Transparente mit der Aufschrift: AMIS RAUS AUS VIETNAM! Und die Polizei war natürlich auch da, mindestens eine Hundertschaft. Die Tschakos auf dem Kopf, ihre Schlagstöcke am Gürtel, saßen die Polizisten auf den Ladeflächen der Mannschaftswagen und warteten auf ihren Einsatz. Die Demonstranten formierten sich zu einem geschlossenen Block und setzten sich auf das Pflaster. Kurz darauf fuhr ein blauer VW-Bus mit einem Lautsprecher auf dem Dach auf den Platz.

»Hier spricht die Polizei. Räumen Sie sofort den Marktplatz! Diese Demonstration ist nicht genehmigt. Wenn Sie dieser Aufforderung nicht umgehend nachkommen, müssen wir Gewalt anwenden.« Niemand reagierte. Die Demonstranten rückten dichter zusammen und skandierten:

»HO-HO HO-TSCHI-MINH, HO-HO HO-TSCHI-MINH!« Nun ließ der Einsatzleiter seine Beamten aufmarschieren. Mit finsteren Mienen und drohenden Gebärden standen sie vor dem Pulk der Sitzenden. Die hakten sich unter und verkeilten sich in einander. Die Polizisten teilten sich in kleine Gruppen von drei oder vier Beamten auf und begannen, Einzelne aus der Menge der Demonstranten herauszulösen und wegzutragen. Diese leisteten passiven Widerstand, klammerten sich aneinander, so gut sie konnten, und riefen:

»MACHT AUS PO-LI-ZISTEN GUTE SO-ZIA-LISTEN! MACHT AUS PO-LI-ZISTEN GUTE SO-ZIA-LISTEN!« Das schien die Beamten noch mehr in Rage zu bringen, denn jetzt traten auch die Schlagstöcke in Aktion: ein paar Schläge auf die Schultern, auf die Arme und auch auf den Kopf (aus Versehen natürlich), dann schnappten sie sich zu zweit jeweils einen der Demonstranten, und schleppten ihn weg. Tommy W., der zwei Reihen vor Mick saß, hatten sie besonders auf dem Kieker. Mit seinen langen, schwarzen Locken gab er die perfekte Projektionsfigur für die »Ordnungshüter« ab. Außerdem wurde er auch noch frech.

»Ihr feigen Wichser! Bullenschweine!« brüllte er die Polizisten an. Die Blauen ließen ihre Gummiknüppel sprechen und zogen ihn dann an den Haaren vom Platz. Nach einer knappen halben Stunde war der Spuk vorbei. Die Staatsmacht hatte die Demonstranten vom Marktplatz vertrieben, die ‘öffentliche Ordnung’ war wiederhergestellt. Mick und seine Freunde trollten sich wie geprügelte Hunde.

»Jetzt gehen wir erst mal ein Bier trinken!« schlug Udo vor. Als sie schließlich in einer Eckkneipe vor ihren Halben saßen, ergriff Mick das Wort.

»Ich bin ja noch nie ein großer Freund der Bullen gewesen, aber jetzt habe ich einen richtigen Hass auf die Arschlöcher.«

Ein paar Wochen später brachte Udo einen SPIEGEL mit in die ›Bude‹, und las den Freunden einen Artikel vor. Darin wurde berichtet, dass Ernst Aust, ein ehemaliger KPD-Mann aus Hamburg eine Partei nach marxistisch-leninistischem, also maoistischem, Muster in Deutschland gründen wolle.

»Darauf habe ich schon die ganze Zeit gewartet. Wir sollten schleunigst Kontakt mit dem Mann aufnehmen«, gab Udo sich begeistert. Alle waren interessiert, denn Mao war IN! Er hatte in China die Kulturrevolution in Gang gesetzt, die von vielen progressiven Leuten begrüßt und gutgeheißen wurde, obwohl die Presse im kapitalistischen Westen durchweg negativ darüber berichtete. Schließlich hatte die 50jährige Geschichte der Sowjetunion gezeigt, dass es nicht reichte, die Revolution zu machen und dann darauf zu warten, dass - sozusagen automatisch - das Paradies auf Erden einkehrte. Für alle, die das noch immer nicht kapiert hatten, erklärte Udo zum wiederholten Male den Sinn und Zweck der Kulturrevolution.

»Es ist nun einmal so, dass einzelne und gesellschaftliche Gruppen immer wieder dazu tendieren, ihre Macht zu verfestigen und zu missbrauchen. Und genau das ist in der Sowjetunion und den von ihr abhängigen Staaten passiert. Die KPD-SU hat ein staatskapitalistisches System etabliert, das völlig undemokratisch ist und nur dem Machterhalt einer Führungsclique dient. Die UdSSR hat den Marxismus korrumpiert und verraten. Und um so etwas zu verhindern, ist die ›permanente Revolution‹ eine geschichtliche Notwendigkeit, die in China mit der ‘Großen Kulturrevolution’ bereits durchexerziert wird! Es gibt nur eine Linie, die ein echter Marxist ehrlichen Herzens vertreten kann: die Mao Tse Tungs!« Das leuchtete allen ein und man beschloss, den Mann bei nächster Gelegenheit anzurufen oder zu besuchen, um herauszufinden, was für ein Mensch er war und ob man ihn ernst nehmen konnte. Die Gelegenheit dazu ergab sich bereits in der nächsten Woche.

Im Audimax der Hamburger Uni fand ein SDS-Kongress statt. Mit einem Käfer, den Charly von irgendwem geliehen hatte, fuhren er, Mick, Udo und Martin nach Hamburg. Als sie das Universitätsgebäude gegen Mittag betraten, fiel Mick als erstes auf, wie unordentlich und schmuddelig es überall aussah. In dem großen Saal waren bereits heftige Diskussionen im Gang. Mick war diese Hochschulwelt völlig fremd. Er lehnte sich in seinem Klappstuhl zurück, hielt Augen und Ohren offen und machte sich so seine Gedanken. Es lag ihm daran, zu verstehen, worum es diesen Studenten wirklich ging, denn selbstverständlich setzte er voraus, dass in ihren antiautoritären Ritualen, den mit pastoralem Ernst oder in glühend-eifriger Revoluzzer-Pose vorgetragenen Redebeiträgen und den locker-dümmlichen Zwischenrufen ein tieferer Sinn verborgen liegen musste. Das sind doch alles gebildete Menschen, dachte er, die zukünftige geistige Elite unseres Landes. Hier findet der Aufbruch statt in eine neue gesellschaftliche und politische Zukunft! Aber das chaotische Durcheinander im Parkett und auf den Rängen widersprach seinem guten Glauben. Die meisten sind große Kinder, musste er sich eingestehen. Musterschüler die einen, die nach Latein und deutscher Literatur nun Studentenprotest und Revolution belegt haben. Und die anderen zwanzigjährige Rotzlöffel, die - viel zu spät - versuchen, ihre Trotzphase nachzuholen. Das alles ernst zu nehmen, fiel ihm schwer. Es schien ihm, als sei das ganze ‘revolutionäre Getue’ dieser verwöhnten Bürgersöhnchen nur eine Spielerei, eine nette Abwechslung im Studentenalltag. Und er wurde den Verdacht nicht los, dass die meisten von ihnen bald in Vaters Geschäft einsteigen oder brav-angepasste Referendare an Gerichten und Schulen werden würden, sobald sie ihr Staatsexamen in der Tasche hatten. Der Aufruf Rudi Dutschkes zum ›Langen Marsch durch die Institutionen‹ würde noch eine Zeit lang zur Selbstrechtfertigung herhalten, und wäre dann bald vergessen, wenn es darum ging, Karriere zu machen und sich einen Platz an der Sonne zu sichern. Seine Freunde schienen ähnlich zu denken wie er, denn ihre Gesichter spiegelten leise Verachtung wider. Ohne groß darüber reden zu müssen, war man sich einig. Udo fasste es in einem einzigen Satz zusammen.

»Eins ist mal klar: so kann und wird die Revolution nicht laufen!« Deswegen waren sie ja auch in Hamburg, sie wollten Nägel mit Köpfen machen, und Kontakt aufnehmen zu den Marxisten-Leninisten.

Am späten Nachmittag, im Audimax wurde noch immer heftig diskutiert, verließen Udo, Martin und Mick die Uni. Charly wollte noch Freunde besuchen. Sie gingen zu einer WG in der Grindelallee, wo Udo Leute kannte, um dort zu übernachten. Die drei betraten eine weißgetünchte Jugendstilvilla, vor der etliche Fahrräder an der Wand lehnten. An der mit Blei verglasten Eingangstür im Parterre klebte ein Sticker: Zwei Polizisten in grünen Uniformen, die Dienstmützen auf dem Kopf, die einfältig grinsten. Darauf stand: WIR MÜSSEN DRAUSSEN BLEIBEN!

Einer der Kommunarden öffnete und lud die Besucher ein, in der Küche Platz zu nehmen. Mick registrierte die gängigen Poster an den Wänden im Flur: Che Guevara, das Barrett auf dem Kopf, die Faust zum roten Gruß geballt und Frank Zappa mit heruntergelassener Hose auf dem Klo sitzend. Zwischen die beiden Plakate hatte jemand mit dem Filzstift in großen roten Druckbuchstaben den Wahlspruch der Kommune I an die Wand gemalt. WER ZWEIMAL MIT DER SELBEN PENNT, GEHÖRT SCHON ZUM ESTABLISHMENT. Die große Wohnung hatte fünf Zimmer, alle sparsam eingerichtet, ein Bett, oft nur ein Matratzenlager auf dem Fußboden, mit einer bunten, handgewebten Decke darauf, Stereoanlage, Boxen, ein Stapel Platten, Bücher, ein Schrank. Udo stellte eine Flasche Rotwein, die er an einem Kiosk gekauft hatte, auf den Tisch. Neugierig, wer denn zu Besuch gekommen wäre, kamen nach und nach weitere Bewohner der WG dazu, bis auf eine Frau alles Männer. Man saß um den großen Tisch herum, trank Wein und diskutierte - wie immer über Politik. Mick sah sich in der Küche um. Im Spülbecken häufte sich benutztes Geschirr zu einem Berg, darüber hing der Spülplan. Auf dem Küchenbuffet standen noch Marmeladengläser und der Honig vom Frühstück. Als die Weinflasche leergetrunken war, zog sich das einzige Pärchen der Runde ins Privatleben zurück. Die ›freie Liebe‹, wie sie die K1 in Berlin propagiert, wird hier anscheinend noch nicht praktiziert, dachte Mick. Nachdem noch zwei Kannen Tee geleert waren, bröckelte die Gesellschaft langsam auseinander. Auch der Bekannte von Udo ging zu Bett.

»Seht mal zu, wo ihr was zum Schlafen findet, ein Zimmer müsste frei sein!« Die anderen quartierten sich in dem Zimmer der Frau ein, die bei ihrem Lover nächtigte, und Mick machte es sich im mitgebrachten Schlafsack auf dem Fußboden in der Küche bequem.

Am nächsten Vormittag, beim Frühstück, wurde wieder über Politik geredet. Und wieder wurden die großen politischen Fragen diskutiert: Ob der studentische Protest in der Lage wäre, angesichts von Vietnamkrieg und Ausbeutung der Dritten Welt, eine wirkliche Veränderung der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse herbeizuführen, oder ob es nicht viel mehr an der Zeit wäre, eine neue Linke zu formieren, die getreu den Lehren Mao Tse Tungs das Proletariat in den politischen Kampf, und die Revolution zum Sieg führen würde. Nach einer Weile klinkte sich Udo aus dem Gespräch aus. Er ging in den Flur, suchte die Telefonnummer von Aust aus dem Telefonbuch und wählte. Aber niemand meldete sich. Nachdem er es mehrmals vergeblich versucht hatte, beschloss man, am frühen Nachmittag nach Kiel zurückzukehren.

Als Charly in der Grindelallee aufkreuzte, saß eine Frau neben ihm auf dem Beifahrersitz.

»Hi, das ist Maren, ich habe sie im Audimax getroffen«, erklärte er gockelnd. »Sie fährt mit uns nach Kiel.« Die Frau kletterte aus dem Käfer, um die drei einsteigen zu lassen. Sie war kräftig gebaut, hatte eine rotblonde Löwenmähne, Sommersprossen und einen knallrot geschminkten Schmollmund. Unter ihrem engen, kurzen Kleid zeichnete sich deutlich ein kleiner fester Busen und ein wohlproportionierter Hintern ab. Aufreizend und zugleich spöttisch lächelte sie die drei Männer an.

»Hallo«, grüßte Mick, sie kannten sich. Vor einiger Zeit hatte er sie im ›Fischerdeel‹ getroffen, sie abgeschleppt und mit ihr einen atemberaubend erotischen Nachmittag verbracht. Maren war, wie man so sagt: leicht zu haben und im Bett zu allem bereit - was in jener Zeit, zum Bedauern der meisten Männer, eine ausgesprochene Seltenheit war.

»Hätte nicht gedacht, dass du dich für Politik interessierst«, frotzelte Mick.

»Tu ich auch nicht. Ich wollte mir den ganzen Zirkus bloß mal anschauen, den SDS und so.« Während der zwei Stunden Fahrt nach Kiel knisterte die Luft im Auto. Die Genossen hatten Mösenduft geschnuppert. Mick hätte einiges dafür gegeben, wenn er die Filme in ihren Köpfen hätte sehen können. Man beratschlagte, was mit dem angebrochen Nachmittag anzufangen wäre, und alle dachten dabei nur an das eine. Martin schlug vor, seine Drei-Männer-WG in der Wik anzulaufen. Damit waren alle einverstanden.

»Kommst du mit?« fragte Charly Maren. Sie nickte. Mick schien, dass sie genau wusste, was kommen sollte. Keiner sprach es aus, aber jeder dachte wohl: Wenn die Braut schon mitkommt, dann werden wir mal eine zünftige Orgie veranstalten! In Kiel angekommen, stiegen alle die vier Treppen zu der kleinen Altbauwohnung hinauf. Kalli, der eine von Martins Mitbewohnern, bekam gleich Stielaugen, als er Maren sah. Und Jürgen, der andere, ließ auch nicht lange auf sich warten.

»Lasst uns erst mal in die Küche gehen, einen Tee trinken«, schlug Martin vor. Er, Kalli und Jürgen zwängten sich auf das schmale Plüschsofa, Udo, Charly und Mick setzten sich auf drei Stühle an den Tisch, und Maren nahm - etwas abgesetzt von den Männern auf einem gepolsterten Stuhl vor dem Fenster Platz. Sie schlug die Beine übereinander und legte ihre Hände auf das Knie. Wohlwollend nahm sie zur Kenntnis, dass sechs Augenpaare sich an ihren kräftigen Schenkeln festsaugten. Sie blickte spöttisch in die Runde, und ihre Augen schienen zu signalisieren: Na, dann kommt mal in die Puschen, Jungs! Nicht gerade der ideale Ort für eine Orgie, diese plüschige Küche! dachte Mick. Aber soweit war es noch lange nicht. Denn zuerst wurde diskutiert. Wie man denn nun verfahren wolle, wer zuerst dürfe, und wer danach, und überhaupt und sowieso… Offensichtlich das einzige, was die Herren Studiosi so richtig beherrschen, kommentierte Mick im stillen. Und die Diskussion zog sich hin - schier endlos. Mick hielt sich heraus und beobachtete das Schauspiel, so als gehörte er nicht zu diesem Verein. Die Genossen Studenten gingen die Sache vom theoretisch-weltanschaulichen Blickwinkel aus an, wortreich und ernsthaft, und auch die hygienischen und ästhetischen Aspekte der Angelegenheit wurden angesprochen. Maren saß derweil geduldig auf ihrem antiken Stuhl, genoss ihre Rolle, und zog amüsiert die vollen Lippen kraus. Mick hingegen wurde das ganze Ritual langsam zu dumm. So wird das doch im Leben nichts! dachte er. Als sich immer deutlicher abzeichnete, dass eine Einigung wohl nicht zu erwarten war, und deswegen das hübsche kleine Abenteuer schlicht ins Wasser fallen würde, beschloss Mick zu handeln - unreflektiert und egoistisch, aber wirkungsvoll. Er erhob sich, zwinkerte zu Maren hinüber, deutete mit dem Kopf in Richtung Nebenzimmer und steuerte auf die Tür zu. Die hatte sofort kapiert, was er vorhatte, stand ebenfalls auf und folgte ihm. Sie schlossen die Tür hinter sich, streiften im Stehen ihre Kleider ab, warfen sich auf das große Bett und machten sich übereinander her - unsentimental und leidenschaftslos. Technisch, praktisch, gut, kam Mick die Variation eines bekannten Werbeslogans in den Sinn. Dann, während sie die obligatorische Zigarette danach rauchen, wollte er es wissen.

»Sag mal, hättest du wirklich mit allen…?« Und Maren völlig unbefangen und wie selbstverständlich:

»Na klar! Aber die sind ja zu blöd, die diskutieren morgen früh noch über politische, soziale und psychologische Fragen! Und es ist mir auch egal, wer der erste ist oder der letzte. Ich hätt’ es auch mit allen zusammen gemacht!« Die Frau ist uns allen um Jahre voraus, dachte Mick anerkennend. Später, als er erfuhr, dass sie eine böse Missbrauchsgeschichte hinter sich hatte, änderte er allerdings seine Meinung. Als die beiden wieder die Küche betraten, schauten die Genossen sauertöpfisch und reichlich pikiert aus der Wäsche. Vorwürfe wurden laut, Mick hätte sich nicht an die Spielregeln gehalten. Dann unternahm man einen weiteren Versuch, doch noch zu Potte zu kommen. Kalli wollte der nächste sein, aber Jürgen, der linke Theologiestudent, widersprach.

»Nein, jetzt will ich!« Es folgte ein erneuter hitziger Austausch von Argumenten, diesmal fast theoriefrei. Aber keiner wollte klein beigeben, jeder unbedingt der nächste sein. Und das war es dann. Außer Spesen nix gewesen, dachte Mick. Ich glaube, ernsthaft haben die gar nicht gewollt! Eines war ihm bei der Sache klar geworden: der akademische Nachwuchs Deutschlands hatte offensichtlich noch gravierende Probleme mit der freien Liebe!

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