Überschäumen (8. Mai 1945)
Die Milchkanne schlenkert um ihr Handgelenk, schlägt wider Willen gegen einen der Feldsteine am Rand der Dorfstraße, baumelt lange Minuten träge neben der Wiese mit dem Löwenzahn herum, klappert gegen den endlosen Lattenzaun, scheppert lustlos mit dem Deckel und hängt endlich zwischen braunen, grauen, karierten Wollröcken und Tuchjacken dicht über dem kühlen Terrazzofußboden im säuerlichen Dunst des Ladens.
Die käsige Luft schwingt vom erregten Flüster-Stimmen-Gewirr. Keine klaren Worte, kein verständlicher Satz. Fragende, gedämpfte, zweifelnde, ungläubig hoffende, zusichernde, bestimmt wissende, ängstlich-freudige Laute tropfen ihr in die Kanne, mit dem Achtellitermaß geschöpfte Juchzer perlen hinein; ein Viertelliter halblauter Jubel und glucksende Seufzer rinnen nach; warnende Töne und bedeutungsvolles Gemurmel füllen sie bis zum Rand. Das Geraune kondensiert ihr zu einer Gewissheit, wichtiger als Milch.
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