Im späten Mittelalter, genauer gesagt im Jahre 1418, wurde in der Stadt Hildesheim am alten Markte das erste Fachwerkhaus errichtet. Ein Haus des Ackerbürgers war es und die Menschen, die in ihm leben durften, waren selbstbewusst und voller Freude. Sie waren Handwerker und mit Recht stolz auf das Geschaffene.
Wenig mehr als hundert Jahre später stand ein junger Zimmergeselle vor eben diesem wunderschönen Haus und konnte sich nicht sattsehen. Inzwischen waren schon viele weitere Fachwerkhäuser gebaut worden.
Kann man sich eigentlich so ohne weiteres an seine Kindheit, an die Jugend erinnern? An all jenes, was im einzelnen damit zusammenhing und einherging? Wahrscheinlich doch nur zu einem Teil. Und wohl hauptsächlich an die einschneidenden Begebenheiten, also an solche, die aus verschiedenen Gründen im Gedächtnis haften blieben.
Dabei sind Erinnerungen so schön, weil sie eine Sehnsucht zum Inhalt haben. Weil das “Damals” alles so leicht und unbeschwert war. Und weil wir als Kinder es so und nicht anders gelebt haben.
Wenn man heute am Beginn des neuen Jahrhunderts als Amateur dem Hobby Fotografieren nachgeht, so unterscheidet sich dies gewaltig von der Fotografie der 30er-Jahre. Welten liegen dazwischen. Es sind Unterschiede jeglicher Art, nicht nur die rein technischen, ganz bestimmt auch die des Erlebnisses.
Da geht man heute mit einer Digitalkamera in die Natur, wählt seine Motive aus, und schon ist das Bild auf dem Chip. Es kann sofort auf dem Monitor angeschaut oder auch in Sekunden ausgedruckt werden.
Über Jahrhunderte bedrohten regelmäßig Hochwasser der Flüsse Leine und Ihme die niedrig gelegenen Teile Hannovers. Die Leinemasch wurde zum See, der sich bis zum heutigen Friedrichswall erstreckt. Seite dem 19.Jahrhundert wurde deshalb überlegt, Fussregulierung und öffentliche Erholung mieinander zu verbinden.
In der Weltwirtschaftskrise beschloss der Magistrat im Herbst 1932 den Bau des Sees in der jetzigen Größe als
Arbeits Beschaffungsprogramm.
Im März 1934 wurde mit den Ausschachtungen begonnen. Rund 1.600 Männer mussten den Seegrund ausschachten sowie Leine und Ihme eindeichen. An technischem Gerät wurden nur Loren zum Erdtransport eingesetzt.
An jedem Morgen war es so. In jeder Woche und jedem Monat, mit Ausnahme der Ferien. Es war nur ein kurzer Weg vom Haus seiner Eltern zum Bahnhof. In dem kleinen beschaulichen Ort, in dem es kein Gymnasium gab, war diese tägliche Bahnfahrt für ihn und seine Mitschüler erforderlich.
Es war eine Nebenstrecke, auf der das alte Dampfross sich mit Pfeifen und Rumpeln durch die grüne Landschaft quälte. Wenn die vorsintflutlichen Waggons an der Station hielten, traf der Junge weitere Freunde, die bereits an der vorigen Haltestelle eingestiegen waren. In den alten Wagen nahmen sie gewöhnlich auf den Holzbänken Platz, oder sie standen bei besserem Wetter draußen auf der offenen Plattform. Fünf Stationen waren es bis zur Stadt. Und dort ging es auf Schusters Rappen weiter bis zur Schule. Manchmal verspätete sich der Zug ein wenig. Dies wurde von allen gern genutzt, um die erste Unterrichtsstunde zu versäumen. Wenn man entsprechend bummelte, so blieb die Ausrede, dass sich der Zug verspätet habe, doch eine bestimmte Art von Wahrheit. Zwar kam man am Mittag etwas später als die Stadtkinder wieder in die Nähe von Mutters Kochtopf, doch wie das so ist: Alles im Leben gleicht sich aus.
Wir schlossen 1945 nach 6 Jahren die Mittelschule ab. Unmittelbar bei Kriegsende.
Immer wenn wir den einen oder anderen Schulfreund trafen, gab es das übliche Gespräch: „Was macht Dieser“, „wo ist Jener geblieben“, „man müsste sich mal wieder treffen“. Immer wieder die übliche Leier Nicht mehr? Doch, es gab schließlich ein Mehr, als nur Gerede.
An einem April-Sonntag 1967 traf ich den Klassenfreund Werner beim Schwimmen im Niedersachsenbad in Osnabrück. Gleiche Wortschwalle! Ich war es plötzlich leid,und versprach Werner auf der Stelle:
Sie hat viel erlebt, die alte Standuhr. Jetzt ist sie siebzig Jahre alt. Jedenfalls wurde sie vor siebzig Jahren im Geschäft eines Uhrmachermeisters erworben. In Gronau an der Leine. Vielleicht ist sie ja auch schon ein paar Jahre älter, weil sie nach ihrer Fertigung etwas warten musste, bis der Meister sie meinem Vater verkaufen konnte. Möglich, dass sie zum 10jährigen Hochzeitstag meiner Eltern in unser Haus kam, dann müsste das im März 1930 gewesen sein. Genau kann ich es nicht mehr wissen, denn ich war damals noch zu klein. Aber an den Laden des Uhrmachers, der sich nur wenige Schritte neben unserem Haus befand, kann ich mich noch gut erinnern. Selbst der Name des Meisters ist mir noch geläufig. Drei innenliegende Sandsteinstufen führten neben dem Schaufenster in sein Geschäft. Immer, wenn ich mit Mutter oder Vater daran vorbeiging und bei schönem Wetter die Ladentür geöffnet war, blieb ich eine Weile stehen und schaute neugierig hinein. Die vielen Uhren faszinierten mich. Ich bestaunte dieses verwirrende Ticken der Perpendikel. Und auch die dunklen Gongschläge der großen Standuhren, das helle Klingen der Wanduhren und die Kuckucksrufe aus den Schnitzwerken des Schwarzwaldes. Mitunter, wenn er Zeit hatte, nickte mir der Meister zu und lud mich mit einer Handbewegung ein:
Es waren junge Soldaten. Schüler, gerade 15 Jahre alt, als sie Anfang
1944 als Luftwaffenhelfer zu einer Flugabwehrbatterie eingezogen wurden.
Diese lag zum Schutz eines großen Stahlwerkes in Georgsmarienhütte.
Ich war einer von ihnen. Und zwar der Jüngste des Jahrgangs 1928, der
als letzte Altersstufe zur Flugabwehrkampfwaffe (Flak) verpflichtet
wurde.
Dreimal in der Woche fuhren wir Jungen zu unserer Schule nach Osnabrück,
um neben dem Dienst in der Stellung dennoch das Schulpensum zu erreichen
und den geistigen Anschluss nicht zu versäumen. In der übrigen Zeit
standen wir bei Tage und in den Nächten an der Kanone. Ein erfahrener
Geschützführer hatte das Kommando. Alle anderen Gefechtspositionen
wurden durch uns Luftwaffenhelfer besetzt, um die älteren Flaksoldaten
für die Fronteinsätze in Ost und West freizusetzen. Nur scheinbar waren
wir in der fliegerblauen Uniform mit den HJ-Armbinden noch Hitlerjugend,
die Wirklichkeit hatte schnell und gründlich Soldaten aus uns gemacht.
An einem Februartag 1945, wurden wir mit unseren Geschützen auf die Bahn
verladen. Stellungswechsel. Es ging nach Handorf bei Münster. Dort wurde
der Luftabwehr-Ring um den Nachtjagd-Einsatzhafen der Luftwaffe durch
unsere Batterie verstärkt. Als Ergänzung einer schweren
Großkampfstellung der Flak wurde unser Zug mit mittelschweren
Geschützen für die Abwehr von Tiefangriffen eingesetzt. Die Luft war
hier plötzlich wesentlich eisenhaltiger geworden.
Er hörte es in den Abend-Nachrichten.
In der westfälischen Stadt Rheine war am Nachmittag eine Bombe explodiert. Ein Blindgänger aus dem zweiten Weltkrieg. Ein schreckliches Ereignis, denn ein Bauarbeiter war bei diesem Unglück um sein Leben gekommen. Es war ein Toter zu viel.
Was war geschehen?
In der Stadt wurde ein neues Geschäftszentrum geplant. Direkt gegenüber vom Bahnhof. Die Vorarbeiten für dieses Objekt waren mit den Ausschachtungsarbeiten und der Trümmerräumung in vollem Gang. Einige Häuser des engeren Stadtkerns mussten diesen Planungen weichen. Es waren alte Häuser und auch ehemals bebaute Bereiche, die nach den Kriegsschäden unbedingt einer Erneuerung bedurften.
Wer von uns damals in den Jahren des Krieges den hinweisenden Namen “Iwan” benutzte, meinte damit im Allgemeinen Russland oder die russischen Menschen. Sozusagen als “Begriffsverwandtschaft” verstanden. Dabei musste das nicht negativ gemeint sein. Genau so wenig, wie die Deutschen von den Österreichern als “Piefke”, von den Franzosen als “Boche” oder den Niederländern als “Moffe” bezeichnet werden. Auch das muss nicht ausgesprochen abfällig gemeint sein. Der Name Iwan ist in Russland halt ein häufig vertretener Vorname. Daher hat man diese Bezeichnung wohl als Synonym für das Land und seine Bewohner ausgewählt.
Mein älterer Bruder Walter war im zweiten Weltkrieg an allen Fronten eingesetzt. Zuerst Polen, dann Frankreich und zuletzt Russland.
Von dort erhielt unsere Familie durch den Hauptmann der Kompanie die traurige Nachricht, dass mein Bruder seit dem 4. August 1943 im Raume Bjelgorod/Charkow als vermisst zu gelten hat.
Für unsere Familie, besonders für meine Mutter, war diese Nachricht ein großes Betrübnis.
Ein sofortiger Suchantrag beim Deutschen Roten Kreuz ging natürlich jahrelang ins Leere. Erst 1969 und weiterhin 1973 kamen die ersten Antworten. Danach dürfte mein Bruder Walter als am 8. August 1943 gefallen gelten.