Krieg
Aus der Enge der mütterlichen Geborgenheit ausgestoßen, ausgetrieben.
Der Schrei, der erste Schrei, vermischt mit den Explosionen der
detonierenden Bomben, hallt durch den feuchten, dunklen Bunker. Rings
umher Menschen mit angstvollen Gesichtern, angespannten Körpern. Die
Mutter allein gelassen ohne Hebamme und ärztliche Hilfe.
Dieser Bunker wird nun in den ersten zwei Jahren dieses kleinen Wesens
immer wieder das schützende Zuhause, wenn die Sirenen den herannahenden
Fliegerverband mit der tödlichen Last im Rumpf ankündigen.
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Wilder Mann
(Der Geschichte erster Teil)
Im späten Mittelalter, genauer gesagt im Jahre 1418, wurde in der Stadt
Hildesheim am alten Markte das erste Fachwerkhaus errichtet. Ein Haus
des Ackerbürgers war es und die Menschen, die in ihm leben durften,
waren selbstbewusst und voller Freude. Sie waren Handwerker und mit
Recht stolz auf das Geschaffene.
Wenig mehr als hundert Jahre später stand ein junger Zimmergeselle vor
eben diesem wunderschönen Haus und konnte sich nicht sattsehen.
Inzwischen waren schon viele weitere Fachwerkhäuser gebaut worden.
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Gemurmel im Hintergrund. Ihre Gäste reden von der Angst vor
Kellergespenstern. Renates Gedanken driften in frühere Zeiten ab. Die
Sirene heult ums Haus. Alte Bücher auf dem Speicher, ein Gesangbuch,
»Bis hierher hat mich Gott gebracht…«. Tiefflieger, krachende Äste,
heulender Sturm. Hinter einem kleinen Fenster, einem Ausschnitt im
Dunkel, der tiefrote Himmel. Diese Erinnerungen plötzlich. Bilder,
Rufen. »Mutter! Mutter!«, »Ruhe hier, was sollen denn die Kinder denken?
Gehen Sie endlich wieder da hinten hin und bleiben Sie bei den anderen
sitzen! Zivilisten! Es passiert Ihnen hier schon nichts!« Bilder, Lärm.
Feuer vor dem Kellerfenster. »Dies Kind soll unverletzet sein.«
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Der Winter 1946/47 war bitterkalt. Wir froren jämmerlich, hatten weder
gute warme Bekleidung, noch Geld, um Kohlen zu kaufen. Wir, das waren
meine Mutter, meine zwei Geschwister und ich, sechseinhalb Jahre jung.
Wir waren zwei Jahre zuvor in einem in Polen noch eisigeren Winter in
einem offenen Viehwaggon aus Posen geflüchtet. Dabei waren mir beide
Beine bis zu den Knien erfroren. Zwei Jahre später litt ich noch immer
an den Folgen dieser Erfrierungen. Die Füße wurden bei der winterlichen
Kälte glasig und rot, platzten auf und eiterten.
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Im Herbst 1944 hatten wir unser Dorf vor der anrückenden Front verlassen
müssen und waren in den nahe gelegenen Wald gezogen. »Es ist nur für ein
paar Tage«, hatte mein Vater gesagt, als wir Bretter, Balken, Bettzeug,
einen Tisch, eine Kanne voll Milch, ein Säckchen Kartoffeln und einige
Lebensmittel aus der Vorratskammer auf den Pferdewagen luden.
»Wir bleiben hier im Wald bis die Amerikaner kommen, dann können wir
wieder zurück in unser Haus«, verkündete Vater abends, als die
Bretterbude fertig aufgebaut war und wir uns total erschöpft an einem
kleinen Feuer wärmten.
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Zu meinen Kindheitserinnerungen gehören verdunkelte Fenster, Sirenen und
überstürzte Fluchten in den Luftschutzkeller. Jede harmlose Sirenenübung
der Feuerwehr jagt mir noch heute einen Schauer den Rücken hinunter,
weil der Ton gekoppelt ist an diese nächtlichen Vorgänge, die mehr als
ein halbes Jahrhundert zurückliegen.
Als die Front damals näher rückte, blieb es nicht mehr bei der
nächtlichen Flucht in den Luftschutzkeller. Die Bevölkerung der
östlichen Gebiete Deutschlands wurde evakuiert. Das war im Februar 1945.
Es lag Schnee.
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Vergangenheit?
Wenige Worte: Beileid, Tapferkeit. Sind nie langlebig gewesen, die
Männer unserer Familie. Wollte er sterben, vom Krieg gefressen?
Kein Essen, den Sohn ins Wäschewasser geworfen, weiß gewaschen bei den
Göttern deponiert, keine Zeit für Besuche, die Kinder wollen Essen, was
hast du Feigling sie allein gelassen.
Einer muss bleiben um klug zu werden, sie gaben dir nichts, damit du die
Hoffnung nicht aufgibst, wartest, weil es zu wenig gewesen ist, um
weiterzugehen, wer braucht in diesen Zeiten eine Lateinprofessorin, kein
Essen am Tisch, wer ist der Ehemann.
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Der November 1944 war besonders kalt und nass.
Seit fast zwei Monaten hausten wir nun hier in einer Bretterbude am
Waldrand, nachdem wir vor der heranrückenden Front geflüchtet waren. Es
war nicht allzu weit entfernt von unserem Heimatdorf. Mein Vater war
davon ausgegangen, dass wir wieder heimkehren könnten, sobald die
Alliierten unser Dorf eingenommen hätten.
»Heute Nachmittag«, so erzählte Vater eines Abends, als wir wieder
einmal frierend am prasselnden Feuer vor unserer Behausung saßen, »habe
ich deutsche Soldaten getroffen, die mir sagten, dass die Kameraden in
den Westwallbunkern den Vormarsch der Amerikaner gestoppt hätten.« Und
nach einer Weile fügte er hinzu: »Ich fürchte, bei dieser Kälte können
wir es nicht mehr lange hier aushalten.«
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Die großen Schulferien sind verlängert worden. Klasse! Diese gute
Botschaft hat sich herumgesprochen wie ein Lauffeuer. Da kommt Freude
auf. Ich besuche das 3. Schuljahr in der Volksschule in Bochum-Weitmar.
Heute, am 1. September 1939, weile ich schon drei lange Wochen in Ferien
bei unserer Oma in Essen-Schonnebeck. Ich will aber nach Hause! Meine
beiden Brüder sind bei den anderen Großeltern in Essen auf der
Margarethenhöhe in Ferien.
Aber was ist heute, am 1. September 1939, eigentlich geschehen? Was ist
los? Im Radio haben wir es gehört. Wir sind so aufgeregt. „Deutschland
hat Polen den Krieg erklärt“, lautet die Nachricht. Warum? Was bedeutet
Krieg?
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In jener Nacht im März 1942, als unsere Mutter mich wach rüttelt,
fliegen bereits britische Bomberverbände das Ruhrgebiet an. »Los Lore,
aufstehen. Jeden Moment kann es Fliegeralarm geben. Im Radio ist bereits
Feindeinflug gemeldet worden. Steh auf!« »Ach, lass mich doch schlafen.
Vielleicht gibt es ja gar keinen Alarm!« Ich dreh mich wieder auf die
Seite. Mama wird ärgerlich: »Los, raus aus den Federn!« Sie zieht das
Oberbett weg und ich rolle mich verdrießlich im Trainingsanzug aus dem
Bett. Wir ziehen seit Monaten keine Nachthemden mehr an. Meine beiden
großen Brüder, die schon in die Schule gehen, hantieren in der
Wohnküche. Sie ärgern mich oft und ziehen an meinen kurzen Zöpfen, nur
weil ich ein Mädchen und die Kleinste bin. Der Frisör hat den Jungen die
Haare zu kurz geschnitten. Ihre Ohren sind jetzt viel zu groß. Die
Fenster in der Wohnung sind verdunkelt.
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Vater, du verließest mich,
ich konnte gerad’ erst steh’n.
Das Vaterland, es brauchte dich —-,
es gab kein Wiederseh’n.
Wie gerne hätte ich mit dir
einmal geweint, gelacht,
hätt’ froh erlebt, wenn du mit mir
den ersten Schritt gemacht.
Ich kenne deine Stimme nicht
und sehn’ mich so nach ihr.
Die unerfüllte Sehnsucht
verklingt wohl nie in mir.
Nie durfte ich erfahren
das Streicheln deiner Hand.
Du opfertest dein Leben
und starbst im fremden Land.
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Räume, Orte, Menschen, Fahrzeuge, ein wirres Kaleidoskop. Immer wieder
einpacken, aufbrechen. Die »Lappen Ella« an die Brust gedrückt. Ihr, der
Lumpenpuppe, flüsternd Geschichten erzählen, sie aufmuntern, um die
eigene Angst zu verlieren. Einer Liebe, die in all dem Chaos Sicherheit,
Geborgenheit gibt, damit Angst und Schrecken, die permanente
Ungeborgenheit nicht überhand nehmen, sich nicht ausbreiten, nicht
lähmen oder sich in einem Gebrüll zur falschen Zeit Bahn brechen: »Um
Gottes Willen Kind, sei bloß still, du bringst uns noch alle ins Grab!«
Damit keiner ihre Anwesenheit bemerkt und Schlimmeres, als dieses Kind
sich je vorstellen kann, geschieht. Ein Kleinkinderleben in dieser Zeit.
Kein zu Hause, kein Raum, kein Ort, nur eine Lappenpuppe als Stütze, in
dieser aus den Fugen geratenen Welt.
»Morgen gibt es die letzten Zeugnisse von mir!« verkündete Lehrer Thoma
uns, der vierten Schulklasse, einige Tage vor Ostern. Nun war das Ende
des Schuljahres 1944 gekommen und jetzt musste entschieden werden, wer
zum Gymnasium ging oder nicht.
Ich hatte schon einige Monate vorher heimlich bei meiner Mutter mal
nachgefragt, ob ich, wenn das Zeugnis gut wäre, auf die höhere Schule
gehen dürfte. Mit meinem Vater darüber zu sprechen, traute ich mich
nicht. Ich sollte als Ältester von vier Kindern einmal seinen Hof
übernehmen. Nach seiner Meinung brauchte ich dafür aber keine höhere
Schule.
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Meine Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft im Dorf. Vater war vom
Militärdienst freigestellt. Er musste dafür in den Kriegsjahren täglich
mit Pferd und Wagen in mehreren Dörfern die Milch bei den Bauern abholen
und zur Molkerei fahren. Meistens kam er erst am späten Nachmittag nach
Hause, sodass meine Mutter viele Arbeiten im Stall und auf dem Feld
alleine verrichten musste. Daneben hatte sie noch uns vier Kinder zu
versorgen.
Als ihr dann im Herbst 1943 eine junge Russin als Hilfe zugeteilt wurde,
war das für sie eine spürbare Erleichterung. Die Frau war fünfundzwanzig
Jahre alt, sehr scheu und konnte etwas deutsch. Im Obergeschoss unseres
Hauses hatte mein Vater ein Zimmer hergerichtet, in das ich nach den
Ferien einziehen sollte.
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