Die Diskussion um die Vergangenheit von Joschka Fischer zeigt, mit
welcher Verbissenheit der Kampf um die Deutungshoheit von Geschichte
zeitweise geführt wird. Immer wieder stellen konservative Politiker und
Medien die Frage, ob jemand Außenminister sein darf, der früher einmal
Polizisten verprügelt oder an einer PLO-Konferenz teilgenommen hat.
Dabei geht es nicht nur um kurzfristige politische Vorteile für die
Opposition, die den Rücktritt des Ministers fordert, und hofft, durch
Angriffe auf Fischer von ihrer jahrzehntelangen illegalen Spendenpraxis
ablenken zu können. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, ob
bürgerlicher Ungehorsam überhaupt ein legitimes Mittel in der Politik
ist oder nicht. Mit Fischer sitzen alle bürgerlichen Protestbewegungen
der letzten 30 Jahre auf der Anklagebank: die 68er und ihre
Außerparlamentarische Opposition, die Anti-Atomkraftbewegung, die
Frauenbewegung, die Friedensbewegung und die verschiedenen
Umweltbewegungen.
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Einige Beimengungen aus der Zubereitungsmasse: 11. April 1968 Attentat
auf Rudi Dutschke - 29. Mai 1968 Billigung der Notstandsgesetze im
Bundestag - Krieg in Vietnam - 20/21. August 1968 Überfall der
Warschauer-Pakt-Truppen auf die Tschechoslowakei - Herbst 1968 schwere
Hungersnot in Biafra - 21.-27. Dezember 1968 zehn Mondumkreisungen der
USA-Raumfähre
Wenigstens in der Quizsendung von Hans-Joachim Kulenkampff gab es
jedesmal einen, der gewinnen würde. Und sonst? Im Wohnzimmer. Im
Fernsehen. In den Zeitungen. Panzer rollten. Maschinengewehre wurden
geputzt. Gummiknüppel wüteten. Benzin wurde in Flaschen gefüllt. Herr
Jesus sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. In der
Sprache gab es keine Übereinkünfte mehr, vertraute Worte verloren den
familiären Zusammenhang und wurden zu Belastungsfaktoren für das
Wohlbefinden. Ränder von Formen weichten auf. Neugierige Arglosigkeit
schaltete Frühwarnsysteme ab.
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Ende September 68 war Micks Lehre beendet. Er hätte zwar sofort in einem
kleinen Laden in Kronshagen als Geselle anfangen können, aber der
Meister hatte zur Bedingung gemacht, dass er sich die Haare abschneiden
ließe. Und das wollte Mick auf keinen Fall. Ohne seine schulterlangen
Haare wäre er sich nackt vorgekommen. Also war Mick arbeitslos. Achtzehn
Mark Stempelgeld gab es in der Woche - nicht genug zum Leben, aber ein
klein wenig zu viel zum Sterben. Mick hatte nun viel Zeit, und er
beschloss, politisch aktiv zu werden. In der ›Bunten Bude‹ in Kiel hatte
er einige linke Studenten kennen gelernt - Udo, Charly, Martin und noch
ein paar andere. Mit Udo hatte er sich gleich angefreundet, weil ihm
dessen bescheidene, aber dennoch souveräne, Art beeindruckte. Udo
studierte Biologie, und schrieb offiziell an seiner Doktorarbeit. In
Wirklichkeit aber widmete er seine Zeit vor allem der politischen Arbeit
im SDS und dem ASTA. Er war ein stiller und ernster Mensch, nur wenn es
um Politik ging, wurde er lebhaft. Udo stammte aus einfachen
Verhältnissen und war ein glühender Verfechter einer
›proletarischen Linie‹. Er meinte es ernst, strebte eine wirkliche
Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die
›proletarische Revolution‹ an. Zusammen mit anderen diskutierten sie
ganze Nächte über Politik - bis zur Sperrstunde, meistens in der ›Bude‹
und danach oft noch bis zum Morgengrauen in einer der
Wohngemeinschaften, in denen viele der linken Studenten jetzt lebten.
Dass nur der Marxismus die geschichtliche Entwicklung richtig erklären
konnte, war gar keine Frage. Marx hatte als erster erkannt, dass der
geschichtliche Prozess vor allem durch die Auseinandersetzung der
Klassen mit ihren widerstreitenden Interessen vorangetrieben wurde. Und
er hatte folgerichtig vorhergesagt, dass der Kampf um die Vorherrschaft
in der Gesellschaft erst dann zu einem Ende kommen würde, wenn das
Proletariat, die zahlenmäßig stärkste, politisch und wirtschaftlich aber
schwächste Klasse, die Macht übernommen hätte. Die Frage war nur, wie
und mit welchen Mitteln sich die Revolution herbeiführen und
beschleunigen ließe, denn es war nicht zu übersehen, dass das viel
beschworene Proletariat - zumindest in den entwickelten, westlichen
Ländern - überhaupt nicht daran dachte, diese Macht anzustreben. Udo war
der Vordenker des kleinen Kreises, dem Mick nun angehörte. Er überzeugte
alle davon, dass der ›blinde Aktionismus‹ und der ‘Spaß-Kommunismus’
vieler linker Studenten absolut kontraproduktiv wäre und die
›arbeitenden Massen‹ verschrecke und düpiere.
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