Schule
Kann man sich eigentlich so ohne weiteres an seine Kindheit, an
die Jugend erinnern? An all jenes, was im einzelnen damit zusammenhing
und einherging? Wahrscheinlich doch nur zu einem Teil. Und wohl
hauptsächlich an die einschneidenden Begebenheiten, also an solche, die
aus verschiedenen Gründen im Gedächtnis haften blieben.
Dabei sind Erinnerungen so schön, weil sie eine Sehnsucht zum Inhalt
haben. Weil das “Damals” alles so leicht und unbeschwert war. Und weil
wir als Kinder es so und nicht anders gelebt haben.
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An jedem Morgen war es so. In jeder Woche und jedem Monat, mit Ausnahme
der Ferien. Es war nur ein kurzer Weg vom Haus seiner Eltern zum
Bahnhof. In dem kleinen beschaulichen Ort, in dem es kein Gymnasium gab,
war diese tägliche Bahnfahrt für ihn und seine Mitschüler erforderlich.
Es war eine Nebenstrecke, auf der das alte Dampfross sich mit Pfeifen
und Rumpeln durch die grüne Landschaft quälte. Wenn die
vorsintflutlichen Waggons an der Station hielten, traf der Junge weitere
Freunde, die bereits an der vorigen Haltestelle eingestiegen waren. In
den alten Wagen nahmen sie gewöhnlich auf den Holzbänken Platz, oder sie
standen bei besserem Wetter draußen auf der offenen Plattform. Fünf
Stationen waren es bis zur Stadt. Und dort ging es auf Schusters Rappen
weiter bis zur Schule. Manchmal verspätete sich der Zug ein wenig. Dies
wurde von allen gern genutzt, um die erste Unterrichtsstunde zu
versäumen. Wenn man entsprechend bummelte, so blieb die Ausrede, dass
sich der Zug verspätet habe, doch eine bestimmte Art von Wahrheit. Zwar
kam man am Mittag etwas später als die Stadtkinder wieder in die Nähe
von Mutters Kochtopf, doch wie das so ist: Alles im Leben gleicht sich
aus.
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Um 1984 lernten wir in den vierten Klassen der zehnklassigen
allgemeinbildenden polytechnischen Oberschulen der DDR für den Frieden.
Bewaffnet waren wir fast immer. Unsere Waffen waren vor allem Stöcke,
Handfeuerwaffen oder Lockenwickler mit Luftballons hinten dran. Aus den
Lockenwicklern konnte man mit Erbsen schießen. Für den Getroffenen war
das in aller Regel schmerzhaft aber ungefährlich. Nur wenn es mal ins
Auge ging, war es schmerzhaft und gefährlich. Die Munition ging uns nie
aus. Denn wenn es in der DDR etwas unbegrenzt gab, dann
hartgeschrumpelte, blasse Erbsen. Die Vorstellung der Essbarkeit dieser
Dinger wäre so bizarr gewesen, dass wir sie nicht entwickeln konnten.
Hätten wir von der Essbarkeit unserer Munition gewusst, so hätten wir
sie nur schlechten Gewissens als solche eingesetzt, weil wir für die
Nöte und Kriege in Afrika durch Pioniernachmittage ausreichend
sensibilisiert worden waren. Lehrer, Abschnittsbevollmächtigter, Eltern,
stellvertretender Abschnittsbevollmächtigter und alle anderen
Erziehungsberechtigten, im Grunde also alle Erwachsenen, sahen es nicht
nur ungern, dass wir uns, trotz Hunger und Krieg in der Welt, mit
Nahrungsmitteln abknallten, sie versuchten es auch zu verhindern.
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Im Herbst 1945 begann ich meine Tätigkeit als Volksschullehrerin in
einem pfälzischen Landkreis. Ich hatte ein paar Tage vor dem Eintreffen
der Amerikaner gerade noch meine Ausbildung in der damaligen
Lehrerbildungsanstalt mit dem 1. Examen abgelegt. Bis Ende 1944 hatte
man sich zumindest in den ländlichen Gebieten bemüht, den Schulbetrieb
wenigstens in den Volksschulen aufrecht zu erhalten, während die
Oberstufen der Oberschulen bereits vollzählig zum »Schanzeinsatz«, also
zum Ausheben von Schützengräben, eingezogen worden waren. Mit dem
Eintreffen der Amerikaner, denen bald danach die Franzosen als
Besatzungsmacht folgten, wurden im Frühjahr 1945 sämtliche Schulen
geschlossen, die Abschlussklassen entlassen. Während dieser Zeit führte
die Militärregierung sehr strenge Säuberungsmaßnahmen unter den Lehrern
durch. Einige Wochen nach Kriegsende hatte ich mich in einer
abenteuerlichen Fahrradtour (verbotenerweise; denn man durfte zunächst
seinen Wohnort nur mit besonderer Genehmigung, die schwer zu erhalten
war, verlassen) in mein heimatliches Dorf abgesetzt und wartete dort der
kommenden Entwicklung. In unserm Landkreis wurden damals mehr als
Dreiviertel aller Volksschullehrer vorläufig entlassen.
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»Morgen gibt es die letzten Zeugnisse von mir!« verkündete Lehrer Thoma
uns, der vierten Schulklasse, einige Tage vor Ostern. Nun war das Ende
des Schuljahres 1944 gekommen und jetzt musste entschieden werden, wer
zum Gymnasium ging oder nicht.
Ich hatte schon einige Monate vorher heimlich bei meiner Mutter mal
nachgefragt, ob ich, wenn das Zeugnis gut wäre, auf die höhere Schule
gehen dürfte. Mit meinem Vater darüber zu sprechen, traute ich mich
nicht. Ich sollte als Ältester von vier Kindern einmal seinen Hof
übernehmen. Nach seiner Meinung brauchte ich dafür aber keine höhere
Schule.
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Vor mir liegt das Foto. Format 6x9, schwarz-weiß, mit weißem, gezacktem
Rand: ein sechsjähriger Junge im Museumspark in Braunschweig, schon
ziemlich aufgeschossen für sein Alter, eine glänzende Schultüte im
rechten Arm, das Butterbrot-Täschchen vor der Hüfte hängend. Sein Kopf
ist leicht zur Seite geneigt, das aschblonde Haar sauber gescheitelt.
Schüchtern und ein wenig verschämt grinst er in die Kamera. Er trägt
einen quergestreiften Pullover, eine gestrickte, kurze Hose mit Trägern.
Und lange Wollstrümpfe. Das linke Knie hat er vorgeschoben, seine
Gestalt wirkt merkwürdig eingeknickt.
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