Christian Erich Rindt
Ich erinnere mich nicht an das Wetter an diesem Tag.Wahrscheinlich war
es ein ganz normaler Spätsommertag im Badischen. Ich hatte Mitteldienst
im Kulturprogramm. Sehr angenehm, kein frühes Aufstehen! Der Dienst
begann um 11 Uhr 30. Eine halbe Stunde war Übergabezeit. Das Pult musste
ich erst mit der Mittags-Nachrichtensendung um 12 Uhr übernehmen. Alles
Business as usual. Im Reichstag eröffnete Bundestagspräsident Rudolf
Seiters die 185. Sitzung des Deutschen Bundestages. Keine besonderen
Vorkommnisse, keine Themen, an die ich mich sonst noch erinnern kann.
Nach dem Mittagskonzert, um 14 Uhr 30 begann meine Pause. Während dieser
halben Stunde lief die Literatur-Lesung. Ich machte unten im
Aufenthaltsraum meine QUI GONG-Übungen, aber um kurz vor 15 Uhr war ich
wieder zurück im Studio. Dort stand, völlig unerwartet, der
diensthabende Redakteur der Aktuellen Redaktion mit einer DPA-Meldung in
der Hand. »Es hat einen Anschlag auf das WORLD TRADE CENTER in New York
gegeben, wir bringen eine Sondermeldung. Also das SWR2-AKTUELL-Jingle,
dann ich!«
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*Are you experienced?
Have you ever been experienced?
Well, I have
(Jimi Hendrix)*
Abends um elf erreichen wir endlich Joe’s Wohnung.
Dirks Freundin Karin ist auch mitgekommen, aber sie ist müde, und legt
sich gleich ab. Außerdem ist ihr unser Vorhaben hochgradig suspekt.
Nach 5 Minuten:
“Merkst du was?”
“Nö!”
Eine halbe Stunde später:
“Merkst du immer noch nichts?”
“Nein, nichts.”
So langsam schleicht sich der Verdacht ein, Lindas Bekannter könnte uns
abgelinkt haben.
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Ende September 68 war Micks Lehre beendet. Er hätte zwar sofort in einem
kleinen Laden in Kronshagen als Geselle anfangen können, aber der
Meister hatte zur Bedingung gemacht, dass er sich die Haare abschneiden
ließe. Und das wollte Mick auf keinen Fall. Ohne seine schulterlangen
Haare wäre er sich nackt vorgekommen. Also war Mick arbeitslos. Achtzehn
Mark Stempelgeld gab es in der Woche - nicht genug zum Leben, aber ein
klein wenig zu viel zum Sterben. Mick hatte nun viel Zeit, und er
beschloss, politisch aktiv zu werden. In der ›Bunten Bude‹ in Kiel hatte
er einige linke Studenten kennen gelernt - Udo, Charly, Martin und noch
ein paar andere. Mit Udo hatte er sich gleich angefreundet, weil ihm
dessen bescheidene, aber dennoch souveräne, Art beeindruckte. Udo
studierte Biologie, und schrieb offiziell an seiner Doktorarbeit. In
Wirklichkeit aber widmete er seine Zeit vor allem der politischen Arbeit
im SDS und dem ASTA. Er war ein stiller und ernster Mensch, nur wenn es
um Politik ging, wurde er lebhaft. Udo stammte aus einfachen
Verhältnissen und war ein glühender Verfechter einer
›proletarischen Linie‹. Er meinte es ernst, strebte eine wirkliche
Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die
›proletarische Revolution‹ an. Zusammen mit anderen diskutierten sie
ganze Nächte über Politik - bis zur Sperrstunde, meistens in der ›Bude‹
und danach oft noch bis zum Morgengrauen in einer der
Wohngemeinschaften, in denen viele der linken Studenten jetzt lebten.
Dass nur der Marxismus die geschichtliche Entwicklung richtig erklären
konnte, war gar keine Frage. Marx hatte als erster erkannt, dass der
geschichtliche Prozess vor allem durch die Auseinandersetzung der
Klassen mit ihren widerstreitenden Interessen vorangetrieben wurde. Und
er hatte folgerichtig vorhergesagt, dass der Kampf um die Vorherrschaft
in der Gesellschaft erst dann zu einem Ende kommen würde, wenn das
Proletariat, die zahlenmäßig stärkste, politisch und wirtschaftlich aber
schwächste Klasse, die Macht übernommen hätte. Die Frage war nur, wie
und mit welchen Mitteln sich die Revolution herbeiführen und
beschleunigen ließe, denn es war nicht zu übersehen, dass das viel
beschworene Proletariat - zumindest in den entwickelten, westlichen
Ländern - überhaupt nicht daran dachte, diese Macht anzustreben. Udo war
der Vordenker des kleinen Kreises, dem Mick nun angehörte. Er überzeugte
alle davon, dass der ›blinde Aktionismus‹ und der ‘Spaß-Kommunismus’
vieler linker Studenten absolut kontraproduktiv wäre und die
›arbeitenden Massen‹ verschrecke und düpiere.
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Als Mick gegen Ende seiner Lehrzeit einsah, dass das Handwerk -
zumindest für ihn - keinen goldenen Boden hatte, meldete er sich auf dem
Abendgymnasium an. In seiner Klasse waren etwa 20 junge Leute, im
Durchschnitt Mitte zwanzig. Ein gutes Drittel der Klasse war wie Mick
eindeutig links, ein weiteres Drittel konnte man der »bürgerlichen
Mitte« zurechnen, und der Rest war unpolitisch, nur am eigenen
Fortkommen interessiert.
Einige der Lehrer kannte Mick noch von seiner alten Penne, aber trotzdem
war alles ganz anders als früher. Der Lateinunterricht beim alten Olsen,
den er schon in der Quarta gehabt hatte, wurde zum Aha-Erlebnis, denn er
schrieb nun Einsen und Zweien, während er früher immer zwischen vier und
fünf gependelt hatte. Am interessantesten aber waren Deutsch und
Geschichte. Der Lehrer war sehr engagiert, offensichtlich machte ihm der
Unterricht mit den jungen Erwachsenen großen Spaß. Jedem Thema, das er
im Unterricht anschnitt, war auch eine gesellschaftspolitische Dimension
abzugewinnen, und so gab es immer Stoff für heiße Diskussionen. Die
Linken in der Klasse waren - von wenigen Ausnahmen abgesehen - die
eloquentesten und auch streitlustigsten. Entsprechend groß war auch der
Raum, den sie im Unterricht für sich beanspruchten. Und der Lehrer
schien erfreut, dass es in seinem Unterricht so lebhaft zuging. Er bezog
zwar selbst keine Position, aber man konnte mit Recht vermuten, dass
auch sein Herz im Grunde links schlug.
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What goes up must go down.
Spinning wheel gotta go round,
talking ‘bout your troubles its a crying sin,
ride your painted pony, let the spinning wheel spin.
You got no money and you got no home,
spinning wheel, all alone,
talking ‘bout your troubles and you never learn,
ride a painted pony let the spinning wheel turn.
Did you find the directing sign on a straight and narrow highway?
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Vor mir liegt das Foto. Format 6x9, schwarz-weiß, mit weißem, gezacktem
Rand: ein sechsjähriger Junge im Museumspark in Braunschweig, schon
ziemlich aufgeschossen für sein Alter, eine glänzende Schultüte im
rechten Arm, das Butterbrot-Täschchen vor der Hüfte hängend. Sein Kopf
ist leicht zur Seite geneigt, das aschblonde Haar sauber gescheitelt.
Schüchtern und ein wenig verschämt grinst er in die Kamera. Er trägt
einen quergestreiften Pullover, eine gestrickte, kurze Hose mit Trägern.
Und lange Wollstrümpfe. Das linke Knie hat er vorgeschoben, seine
Gestalt wirkt merkwürdig eingeknickt.
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