Es beginnt schon zu dämmern, als unsere Nachbarn, die alten Friedrichs,
an der Wohnungstür klingeln. Ich öffne und muss erst einmal
»hochziehen«, bevor ich »guten Abend« sagen kann, denn ein Taschentuch
führe ich in meiner Hosentasche nicht. Ich bibbere immer noch vor Kälte.
Meine Knie in den kurzen Hosen, auf die ich selbst im Winter nicht
verzichten möchte, sind rot und blau gefroren, weil ich den ganzen Tag
draußen bei der Versorgung der Flüchtlingstrecks durch das Jungvolk
geholfen habe. Mutter hat die Friedrichs zum Abendessen eingeladen. Sie
kämen an diesem Tag wahrscheinlich auch von allein zu uns herüber, aber
die Einladung lässt wenigstens äußerlich den Eindruck entstehen, als sei
alles noch normal. Friedrichs verbessern unsere geringen
Lebensmittelvorräte mit ein paar eingemachten sauren Heringen. Für mich
gibt es sowieso Milchsuppe mit Klimpern, das übliche Einerlei der
letzten Wochen. Aus seiner Manteltasche zaubert der alte Friedrich dann
eine Flasche Rotwein hervor, was Mutter zu einem erstaunten »Oh«
veranlasst. Der alte Friedrich verweist auf die bekannte Tatsache, dass
er von Hause aus Gastwirt sei. Trotzdem bleibt die Stimmung gedrückt.
Keiner weiß so recht, wie man sich jetzt, nachdem die Front immer näher
heranrückt, verhalten soll. Man spricht darüber, welche Bekannten sich
mit der Bahn, die bis vor wenigen Tagen noch gefahren ist, bereits nach
dem Westen abgesetzt haben. Gegenüber im Hotel liege noch genügend
Militär, das uns notfalls in Sicherheit bringen würde, sagt Frau
Friedrich und wiederholt diese Feststellung mehrere Male. Mutter
schaltet das Licht aus, öffnet die Balkontür und zieht den Rollladen
hoch. Aus der Ferne hört man deutlich Kanonendonner, über den
sternenklaren Himmel zuckt flackerndes Licht wie ferne Blitze. Wir wagen
einen Schritt auf den Balkon und können unten auf der Straße zwei
Soldaten erkennen, die, wie es scheint, in aller Ruhe spazieren gehen.
Mutter beugt sich über die Balkonbrüstung und ruft: »Was gibt es Neues
von der Front? Sollen wir lieber in den Keller gehen?« Der eine der
beiden antwortet, wir könnten uns ruhig in unsere Betten legen, es sei
nichts zu befürchten. Die Erwachsenen kehren an den Tisch zurück, und
Herr Friedrich schenkt den letzten Schluck Wein aus. Doch zum Trinken
kommt keiner mehr.